Region: Bischof Mussinghoff: 20 Jahre an der Spitze des Bistums

Region: Bischof Mussinghoff: 20 Jahre an der Spitze des Bistums

Am kommenden Donnerstag wird Heinrich Mussinghoff 75 Jahre alt. Das ist für einen katholischen Bischof nicht irgendein, sondern ein wichtiger Geburtstag. Der Aachener Oberhirte erreicht die Pensionsgrenze; dementsprechend hat er dem Papst seinen Amtsverzicht angeboten. Das Schreiben liegt im Vatikan.

Am 29. Oktober wird in Aachen gefeiert — erst mit einem Pontifikalamt im Dom und anschließend mit einem Empfang im Krönungssaal des Rathauses, bei dem Kardinal Walter Kasper den Festvortrag halten wird.

Vom 16. bis 21. November wird Mussinghoff noch am sogenannten Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfe beim Papst teilnehmen, der in der Regel alle fünf Jahre stattfindet. Wann genau seine Amtszeit dann ausläuft, steht noch nicht fest. Wie Mussinghoff sagt: „Der Papst ist immer für eine Überraschung gut.“

Mussinghoff wird nicht in seine westfälische Heimat zurückkehren, sondern weiterhin in Aachen — und zwar in der Nähe des Doms — leben. Das Bistum steht also nicht vor einem persönlichen, aber vor einem offiziellen Abschied und damit vor einem wichtigen Einschnitt. Aus diesem Anlass haben unsere Redakteure Bernd Mathieu und Peter Pappert mit Mussinghoff über Glauben und Kirche, Wandel und Zwietracht, Gott und die Welt, über die an diesem Wochenende zu Ende gehende Familiensynode und das Verhältnis zum Judentum gesprochen.

Herr Bischof, wenn Sie eine persönliche Bilanz Ihrer 20 Jahre als Bischof von Aachen ziehen: Was war das Erfreulichste?

Mussinghoff: Ich denke an zwei Ereignisse. Zum einen das Friedensgebet hier in Aachen 2003 mit der Gemeinschaft von Sant’Egidio. Das war ein wichtiges Zeichen: Religionen und Weltanschauungen, säkularisierte Menschen und Atheisten treffen sich und sprechen über den Frieden. Nach den verschiedenen Gottesdiensten ziehen alle in einem schönen Abschluss sternförmig auf einen zentralen Platz — hier in Aachen auf den Katschhof — und richten einen Friedensappell an die Menschen. Dieses Friedensgebet ist für mich jedes Jahr ein ganz wichtiges Ereignis. Zum anderen denke ich an die Heiligtumsfahrt im vorigen Jahr: eine frohe, gelöste Stimmung, Gebete, die akute Probleme wie Arbeitslosigkeit und Flucht einbeziehen, Fußwallfahrer aus Prag — die ganze Welt zu Gast in Aachen. Das zu erleben, ist schon wunderschön. Das registrieren auch Menschen, die den Glauben nicht stark praktizieren. Wir sind eine Weltkirche, kein kleiner Haufen, der zerbröselt, sondern ziehen unsere Kraft auch aus solchen Traditionen.

Sie sprechen von Weltkirche, internationalen Gästen und auch politischen Bezügen. In Ihren Predigten zur Karlspreisfeier sind Sie häufig sehr politisch geworden.

Mussinghoff: Ja, solche Anlässe sollte man schon nutzen. Allerdings kommt mir beim Karlspreis die europäische Kultur zu kurz. Da müsste man stärkere Akzente setzen. Die Kultur hat eine große Bedeutung für den Frieden.

Was hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten überrascht?

Mussinghoff: Aachen und das Rheinland sind schon eine ganz andere Welt als Westfalen. Das muss man deutlich sagen; wenn der Gegensatz auch nicht so schlimm ist wie zwischen Köln und Düsseldorf. In diese Mentalität musste ich mich erst reinfühlen.

Was hat Sie in den 20 Jahren am stärksten belastet?

Mussinghoff: Als wir ab 2003 mit 30 Prozent geringeren Kirchensteuereinnahmen in die große Finanzkrise kamen, war das schon sehr belastend. Wir mussten Immobilien verkaufen und Menschen entlassen. Es war bitter, wenn ich abends von Terminen im Bistum zurückkam, und dann stand eine Mahnwache vor dem Haus. Was soll man tun? Man spricht mit den Leuten und weiß natürlich, dass nicht alles gut wird. Es hat damals auch sehr böse Reaktionen und heftige Angriffe gegeben; aber ich schaue in die betreffenden Aktenordner nicht mehr rein. Wir haben es dann geschafft. Eine zweite Frage hat viele Auseinandersetzungen ausgelöst. Das Zusammenlegen von Pfarreien zu großen Gemeinden bedeutete für viele Menschen den Verlust von einem Stück Heimat. Da hieß es dann, es würde viel kaputt gemacht. Wir mussten aber angesichts des Priestermangels die Zukunft im Blick behalten. Und wir wissen ja heute schon, dass zwei Priester für eine „Gemeinschaft von Gemeinden“ nicht mehr möglich sind; wir haben ja schon Probleme, nur einen zu stellen.

Die Zahl der Geistlichen im Bistum Aachen hat sich von 1995 bis 2015 halbiert. Ist das nur traurig, oder kann es im positiven Sinne auch herausfordernd sein?

Mussinghoff: Beides. Heute fehlen in den Verbänden oder im Religionsunterricht viele, die früher einfach da waren und junge Menschen geprägt haben. Andererseits setzen wir auf pastorale Neugründungen wie die Jugendkirche Kafarnaum, Zeitfenster oder die Citykirche. Wir haben damit begonnen, auf neue Weise für geistliche Berufe zu werben.

Aber es bleibt die Frage nach den Ursachen. Warum gibt es so wenig junge Priester? Warum ist diese Berufung so unattraktiv?

Mussinghoff: Es gibt einen alten niederländischen Pater, der hat gesagt: „Wir laufen herum mit traurigen Gesichtern und hängenden Pfoten.“ Das heißt: Wir brauchen mehr Begeisterung. Papst Franziskus sagt nicht ohne Grund, die Freude des Evangeliums sei das, was uns stärken und herausfordern kann. Unsere Fähigkeit zum Meckern und Nörgeln ist zu stark ausgeprägt.

Neue Kirchengemeinden, Verwaltungszentren, Fusionen, neue Gemeindeleitungen: Sie haben sich auf diesem schwierigen Weg immer wieder auf den von Ihrem Amtsvorgänger, Bischof Klaus Hemmerle, geprägten Begriff der Weggemeinschaft bezogen. Was heißt das konkret?

Mussinghoff: Der Weg in die Zukunft ist uns von niemandem vorgegeben; wir müssen ihn selbst finden. Wir müssen Entscheidungen treffen — alle Gläubigen im Bistum. Ich bin nicht der, der Kommandos gibt. Der Papst spricht in dem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ nicht nur über die Bischöfe, sondern über alle, die Verantwortung tragen, wenn er sagt, der Hirte müsse der Herde vorausgehen, mitten in der Herde sein und hinter der Herde hergehen. Franziskus schreibt: Die Christen haben genügend Spürsinn zu sehen, was wichtig ist, was man tun muss. Er setzt auf Eigenverantwortung.

Das tun Sie in Ihrem Bistum.

Mussinghoff: Meine Devise ist: Macht mal! Versucht mal! Du darfst Fehler machen; es muss nicht alles gelingen. Der größte Fehler wäre, wenn du nichts tust. Wenn Neugier und Mut fehlen, in der Pastoral Neues zu bewirken, wenn keine neuen Ideen kommen, sind wir auf dem Holzweg.

Im Bistum Aachen können ehrenamtliche Laien tatsächlich Verantwortung in der Gemeindeleitung übernehmen. Manche befürchten, das katholische Verständnis vom Priesteramt werde dadurch beschädigt.

Mussinghoff: Ja, da gibt es Auseinandersetzungen; das ist eine umstrittene Frage. Aber ich erinnere an die eben genannte Aussage des Papstes. Und kirchenrechtlich haben wir Möglichkeiten, Laien zu beauftragen. Das hat sich gut angelassen. Manchmal wird man auch zurückgepfiffen.

Zurückgepfiffen — von wem?

Mussinghoff: Von römischen Behörden.

Mit dem Begriff „Aggiornamento“ von Papst Johannes XXIII. hat das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren der katholischen Kirche aufgegeben, sich der modernen Zeit zu öffnen. Das setzen Sie um.

Mussinghoff: Jein. In den 60er Jahren gab es ja noch Priester genug; und die wurden auch von den Laien als die Zuständigen betrachtet. Heute ist das natürlich anders. Laien haben Aufgaben übernommen. Wenn man sie beteiligt, müssen sie aber auch Verantwortung tragen — und zwar im Team.

Mit „Aggiornamento“ war auf jeden Fall die Beziehung der Kirche zur Welt von heute gemeint. Wie ist diese Beziehung?

Mussinghoff: Vielschichtig. Es gibt generelle Ablehnung von Religion, andere machen sich die Religion so zurecht, wie es ihnen passt — ein Auswahl-Christentum sozusagen.

Ist das schlimm?

Mussinghoff: Man muss damit vernünftig umgehen. Darin können ja viele Ideen stecken. Es kommt darauf an, wie die Impulse des Evangeliums aufgenommen und wie Werte gelebt werden.

Die Prozesse der Entkirchlichung, der Säkularisierung und Individualisierung setzen sich fort. Bleiben die religiösen Kernbotschaften der Kirche auf der Strecke?

Mussinghoff: Wenn ich die ganz aktuelle Situation betrachte, sehe ich eine wirkliche Willkommenskultur. Viele engagieren sich freiwillig für Flüchtlinge. Da erkenne ich einen starken christlichen Bodensatz. Menschen zu helfen, seine eigene Zeit einzusetzen, ist großartig. Daran hat die Bundeskanzlerin einen großen Anteil, gerade indem sie gesagt hat: „Wir schaffen das!“

Sagen Sie das auch?

Mussinghoff: Wenn die Menschen bereit sind, etwas zu tun, abzugeben, also selbst weniger zu haben, dann klappt das. Gleichzeitig muss es Steuerung geben, um aufnahmefähig zu bleiben. Das alles gehört zusammen. Und die EU als Ganzes muss mehr tun.

Merkels Flüchtlingspolitik ist derzeit heftig umstritten. Hat die Kanzlerin Sie mit ihrer Linie überrascht?

Mussinghoff: So hatte ich das nicht erwartet. Als sie im Fall des Flüchtlingsandrangs in Ungarn ihre umstrittene Entscheidung traf, war ich gerade in der albanischen Hauptstadt Tirana, wo dieses Jahr das Friedensgebet stattfand. Da kamen viele zu mir und haben mir gratuliert zu der Kanzlerin. Einer, der nicht ganz so gut Englisch konnte, sagte: „Your chancellor is also our . . .“, da wusste er kurz nicht weiter, „ . . . Mutti.“

Was Sie eben beschrieben haben, ist das praktizierte Christentum. Aber wie steht es tatsächlich um das Verständnis religiöser Kernbotschaften? Wie schwer ist es heute für die katholische Kirche, über Gott zu sprechen?

Mussinghoff: Über Gott zu sprechen, ist weniger wichtig. Mit Gott zu sprechen, zu Gott zu sprechen, darauf kommt es an. Papst Franziskus hat uns aufgefordert, darüber nachzudenken, wie wir den Menschen das Beten wieder nahe bringen können. Wo wird gebetet? Und wie wird gebetet? Wird in Familien über die Religion gesprochen?

Lassen Sie uns über Religion sprechen: Wer ist Gott?

Mussinghoff: Vor 1500 hätte niemand diese Frage gestellt, weil Gott ganz selbstverständlich im Bewusstsein der Menschen war. Heute müssen wir als Katholiken sagen: Wir wissen im Grunde nicht, wer Gott ist, wofür er gut ist. Aber in Lateinamerika können Sie hören, wie ein Laie zu einem Bischof sagt: „Herr Bischof, hier passiert nichts ohne die Jungfrau Maria; damit Sie das nur wissen.“ Ich glaube, dass die Heiligtumsfahrt 2014 schon ein Gefühl davon vermittelt hat, wo Gott ist oder wie er wirkt. Das ist kein verstandesmäßiges Erfassen dessen, was Gott ist; was aber auch eigentlich nicht möglich ist. Der jüdische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel hat gesagt, dass wir „am Rande des Geheimnisses leben“. Das respektieren auch manche Naturwissenschaftler in dem Bewusstsein, dass wir eben nicht alles erklären können.

Welchen Stellenwert hat der intellektuelle Zugang zu Gott?

Mussinghoff: Die Theologie ist die andere wichtige Dimension. Wir wollen schließlich den Verstand nicht ausschalten. Da gibt es immer wieder überraschende Aussagen — wie die des Philosophen Jürgen Habermas, man müsse die Stimme der Religion ernst nehmen und Glaubensüberzeugungen in öffentlichen Debatten berücksichtigen, weil sonst Lebenswissen und Lebenswerte verloren gehen.

Habermas hat sich — wie der Soziologe Max Weber — selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet. Wie würden Sie einem religiös unmusikalischen Menschen die Frage beantworten: Was glauben Sie?

Mussinghoff: Ich würde ihm sagen: Komm mit! Besuche einen schönen Gottesdienst! Ich würde ihn mitnehmen zu unseren Arbeitslosen-Initiativen, und wenn er offen ist, würde er feststellen, dass dort auch eine andere Dimension spürbar ist; die hat mit Gott zu tun.

Warum glauben Sie?

Mussinghoff: Weil Gott ist. Und weil er wunderbar ist. Man kann ihn nicht sehen, aber wir haben die Erzählungen Jesu, die uns Anstöße geben.

Ob diese Anstöße in unsere Zeit passen, fragen sich viele. Aber da hat sich durch Papst Franziskus auch einiges verändert. Er hat hohe Erwartungen geweckt. Die Familiensynode in Rom geht jetzt gerade zu Ende. Sind die Erwartungen an deren Ergebnisse zu hoch?

Mussinghoff: Der Papst kann nicht einfach einen Schalter umlegen, und die Welt verändert sich. Auf der Sy-node ist über einen wichtigen Impuls des Papstes zu wenig gesprochen worden: das Evangelium von der Familie. Es geht dabei um die Frage, wie Familien im Glauben leben können.

Sie sagen, Franziskus könne nicht einfach den Schalter umlegen. Er hat auf der Sy-node ziemlich früh das Wort ergriffen, obwohl er nach eigener Aussage erstmal zuhören wollte. Ist das ein Zeichen von Ungeduld?

Mussinghoff: Er ist schon ungeduldig. Er drängt vorwärts bei Reformen und hat dabei weniger dogmatische Aussagen im Blick als vielmehr praktische Schritte. Ich gehe davon aus, dass er in der hierzulande so stark diskutierten Frage der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene eine pastorale Antwort finden wird.

Also keine dogmatischen Änderungen an der kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie, sondern Lösungen, die vor Ort zu suchen sind. Der neue Berliner Erzbischof Heiner Koch, der an der Synode teilnimmt, plädiert dafür, in manchen Fragen die Entscheidung den einzelnen Bischofskonferenzen zu überlassen; Rom könne angesichts der unterschiedlichen Sichtweisen unmöglich alle Fragen selbst klären.

Mussinghoff: Man kann die Lebensordnung der Kirche nicht nach Ländern separieren. Wir sind eine Kirche, die einer gewissen Einheitlichkeit bedarf. Aber wie in unserer Gesellschaft — im Gegensatz zu Ceylon beispielsweise — bestimmte Werte gelebt werden sollen, müssen die Ortskirchen entscheiden können. Rom muss nicht alles bis ins Letzte vorschreiben; denn da käme nicht nur Gutes heraus.

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat vor wenigen Tagen in einem Interview zur Selbstständigkeit der Ortskirchen gesagt, dass diese „leider den Freiraum oft nicht genügend ausschöpfen“, den sie haben.

Mussinghoff: Dahinter steht der große Streit, was in die Kompetenz Roms, was in die der Bischofskonferenz und in jene des einzelnen Ortsbischofs fällt. Der Diözesanbischof hat schon große Freiheit; in der Bischofskonferenz scheren ja auch immer wieder einzelne aus. Der Bischof hat in seinem Bistum die volle eigenberechtigte Gewalt. Franziskus zitiert in seiner Enzyklika „Laudato si“ mehrmals Bischofskonferenzen und sogar einzelne Bischöfe. Das hat es vorher in römischen Dokumenten kaum gegeben; da wurden Päpste und Aussagen von vatikanischen Kongregationen zitiert. Franziskus macht das anders.

Mehr Kollegialität.

Mussinghoff: Mehr Kollegialität und mehr Eigenständigkeit ermöglichen — gemäß der schon genannten Aussage des Papstes vom Spürsinn des Volkes Gottes dafür, was wichtig ist. Das setzt voraus, dass es Vertrauen gibt, dass man Fehler machen darf, dass man modifizieren kann. Wir müssen Experimente zulassen.

Lehmann sagt, dafür „müsste man manchmal mehr kämpfen“.

Mussinghoff: Durch freiere Diskussion, die der Papst angestoßen hat, bekommen auch konträre Meinungen mehr Gewicht; die werden sonst in den vatikanischen Behörden — vor allem von den sehr Konservativen — immer abgeblockt.

Wie sieht es in der Deutschen Bischofskonferenz aus? Wie hat sie sich entwickelt — vom langjährigen Vorsitzenden Lehmann über den vormaligen Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch bis heute zum Münchener Kardinal Reinhard Marx?

Mussinghoff: Lehmann ist derjenige, der alles weiß, nächtelang liest, tief gründet, ständig im Gespräch ist, hohes Ansehen genießt und immer menschliche Lösungen sucht. Er ist brillant. Zollitsch ist im guten Sinne ein biederer Arbeiter und manchmal verkannt worden; er hat den Gesprächsprozess mit den Laien eingeleitet und verbessert. Marx ist Sozialwissenschaftler, sehr eloquent, er hat viel Einfluss, berät den Papst. Er darf sich nur nicht zu viel zumuten.

Diskutiert die katholische Kirche heute offener über interne Konflikte? Auch die Bischofskonferenz?

Mussinghoff: Ja — durchaus. Es gibt Konflikte und feste Positionen.

Sie engagieren sich stark für den christlich-jüdischen Dialog. Wie beschwert oder unbeschwert ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und dem Judentum?

Mussinghoff: Ich habe von Anfang an guten Kontakt zu den jüdischen Gemeinden im Bistum gehabt. Das ist mir sehr wichtig. Zusammen mit der evangelischen Kirche haben wir regelmäßige Gespräche mit den beiden Rabbinerkonferenzen. Das läuft sehr gut. Die jüdische Seite erwartet allerdings zu Recht, dass die 2008 von Papst Benedikt XVI. eingeführte Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte im außerordentlichen Messritus zurückgenommen wird. Die Juden empfinden sie als anmaßend. Und wir haben schließlich eine wunderbare Formulierung, die in allen Kirchen fast ausschließlich verwendet wird. Wir brauchen diese andere Fürbitte nicht; die sollte man wieder abschaffen. Sie stört das Verhältnis zu den Juden unnötig. Dahinter stand damals der Versuch Benedikts, mit der Piusbruderschaft übereinzukommen. Aber das ist misslungen.