Aachen/Tokio: Betrüger nutzen unsere Atom-Ängste aus

Aachen/Tokio: Betrüger nutzen unsere Atom-Ängste aus

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima versuchen offenbar die ersten Betrüger, besorgten Menschen mit der Angst vor Radioaktivität das Geld aus der Tasche zu ziehen. In Aachen kursieren Metallringe in der Größe eines Kinderfahrradreifens, die nach Angaben des Verkäufers radioaktives Caesium 137 aus der Luft saugen können.

Bekannt geworden ist das am Dienstag bei der zweistündigen Telefonaktion unserer Zeitung mit drei Atomexperten des Jülicher Forschungszentrums. Ein Leser fragte Professor Andreas Wahner, ob es sinnvoll sei, sich den Metallring für 90 Euro zu kaufen. Seine Nachbarn hätten ihn bereits alle. Der überaus erstaunte Professor Wahner riet dem Anrufer, für das Geld lieber mit seiner Ehefrau essen zu gehen. Da sei das Geld besser angelegt.

Sollte tatsächlich eine gesundheitsgefährdende Menge von Caesium 137 in der Luft sein, helfe nur ein Schutzanzug. „Es gibt kein Material, das irgendein Radionuklid aus der Luft saugen kann oder seine Halbwertzeit verringert”, erklärte er.

Bislang hat offenbar noch kein Käufer die betrügerische Absicht des Ringverkäufers erkannt: Bei der Aachener Polizei lag bis Dienstagabend noch keine Anzeige gegen den Mann vor.

Die Atomexperten am Telefon warnten unsere Leser vor der prophylaktischen Einnahme von Jod. Im Bedarfsfall würden die deutschen Behörden Jod in der nötigen Dosis zentral verteilen. Derzeit bestehe keinerlei Gefahr - auch nicht für den Genuss von Gemüse aus dem eigenen Garten. In der Atmosphäre in Deutschland betrage die radioaktive Belastung durch die Reaktorkatastrophe in Japan nur ein Zehntausendstel bis ein Tausendstel der ohnehin gegebenen natürlichen Belastung.

Japan stuft unterdessen die Strahlengefahr nach dem Atomunfall in Fukushima so hoch ein wie die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl. Die Atomaufsicht in Tokio hob am Dienstag die Einschätzung aller Auswirkungen des Unglücks von Stufe 5 auf die höchste Stufe 7 an. Diese wurde bisher nur nach dem Super-Gau in der ehemaligen Sowjetunion 1986 erreicht.

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