Bernd Streitberger über die Sanierung der Oper Köln

Sanierung der Oper Köln : Sein letztes großes Projekt hat es in sich

Ein wenig stolz ist Bernd Streitberger schon auf das Herzstück der Kölner Oper. Noch kann der Geschäftsführer der Bühnen diese nur mit Helm betreten. Die Oper ist schließlich eine Baustelle und wird es auch noch lange bleiben, aber die Bühnentechnik ist an vielen Stellen schon fertig.

„Das ist state of the art“, sagt er begeistert, wenn er beispielsweise von der großen Drehbühne spricht. Seit zweieinhalb Jahren ist Streitberger nun technischer Betriebsleiter der Bühnen. Er sollte nichts weniger als die Kölner Oper „retten“, wie die Kölner Zeitungen 2016 schrieben, als Streitberger antrat. „Eine meiner Aufgaben ist es, Vertrauen aufzubauen“, sagt er im Gespräch mit unserer Redakteurin Madeleine Gullert.

Es scheint ihm zu glücken. Jedenfalls spricht der 69-Jährige mit Begeisterung von Fortschritten auf der Baustelle, Gewerken, Schächten, Details der Bauplanung. Also vieles, an das man nicht gerade denkt, wenn es um ein Opernhaus geht.

Herr Streitberger, Sie sind jetzt seit eineinhalb Jahren der Herr über diese Baustelle. Bereuen Sie das manchmal?

Bernd Streitberger: (lacht laut) Ja, es gibt schon unschöne Stunden. Aber ganz im Ernst: Ich bin gefragt worden, und ich habe Ja gesagt. Mit aller Konsequenz. Es ist natürlich nicht immer leicht. Aber ich mache es, und wir werden hier fertig. Das ist die wichtige Botschaft.

Der Job macht Ihnen offensichtlich Spaß – trotz allem.

Streitberger: Da möchte ich nicht widersprechen. Ich müsste mir das nicht antun. Ich bin 69 Jahre alt und könnte seit Jahren im Ruhestand sein. Einerseits gibt es in mir ein Pflichtbewusst­sein. Ich habe einst als Baudezernent mit dem damaligen Kulturdezernenten Georg Quander das Projekt Bühnensanierung auf den Weg gebracht. Außerdem habe ich mir in meinem Be­rufsleben immer besondere Aufgaben gesucht. Und letztlich kann ich dem Ruhestand einfach nicht ins Auge sehen.

Achtung, Baustelle! Noch kann Bernd Streitberger die Bühne der Oper nur mit Helm betreten. Die Technik steht aber schon. Foto: Madeleine Gullert

Nicht, dass Sie die Sanierung künstlich hinauszögern.

Streitberger: Nein nein, so schlimm ist es nicht. Ich möchte die Sanierung anständig beenden. Das ist mein letztes großes Projekt. Danach kann ich mich dann den Rosen im Garten widmen.

Bis dahin dauert es aber mindestens noch vier Jahre. Richtig?

Streitberger: Wir werden im zweiten Quartal 2019 eine aktualisierte Zeitplanung und Kosten­schätzung präsentieren. Zu diesem Zeitpunkt wird uns eine belastbare Planung vorliegen und wir können die Prognosen in Hochrechnungen überführen. Anschließend werden fünf große Gewerke ausgeschrieben: Sprinkler, Heizung, Lüftung, Starkstrom und Kühlung. Im letz­ten Quartal 2022 soll dann Schlüsselübergabe sein. Ich nenne bewusst kein Datum und rede auch nur von der Schlüsselübergabe, nicht von der Eröffnung der vier Bühnen. Oper, Schau­spiel und Verwaltung steht ein anspruchsvoller Umzug bevor – und gleichzeitig will man den Spielbe­trieb nicht zu lange unterbrechen.

Eigentlich wollten Sie die Planungen schon Anfang 2019 präsentieren. Warum verzögert sich das jetzt?

Streitberger: Wir haben das um drei Monate verschoben, weil wir diese Zeit unseren Planern zugestehen mussten. Damit ist aber keine Aussage über die Gesamtprojektlaufzeit getroffen.

Nur weil sich die Planung verzögert, verzögert sich also nicht unbedingt die Fertigstellung der Oper?

Streitberger: Richtig. Es findet gerade ein sehr intensiver Planungs- und Koordinierungspro­zess statt. Leider ist davon von außen nichts zu sehen. Es ist natürlich ärgerlich, dass die Men­schen seit drei Jahren an dem Haus vorbeilaufen und keine Veränderung erkennen können. Aber das ist jetzt eben so. Wir müssen planen, bevor wir wieder anfangen zu bauen. Und ich lasse mich nicht hetzen.

Ist das ganze Dilemma auf eine schlechte Planung zurückzuführen?

Streitberger: Zu großen Teilen ja. Dem ehemaligen Haustechnikplaner ist ja auch nicht ohne Grund gekündigt worden. Die Planung war lücken- und in einigen Bereichen fehlerhaft. Im Gut­achten, dass der Rechnungsprüfungsausschuss zur Analyse der Absage der Wiedereröffnung 2015 in Auftrag gegeben hat, wird aber auch der enorme Zeitdruck unter dem das Projekt stand hervorgehoben. Die wichtige Maxime „Erst planen, dann bauen“ war somit nicht einzu­halten. Und einige wichtige Projektstrukturen mussten mein Team und ich nach unserem Start 2016 neu aufbauen.

Wäre es leichter gewesen, ein neues Gebäude zu bauen?

Streitberger: An der Debatte will ich mich nicht beteiligen. Der Berliner Flughafen ist auch ein Neubau.

Manch einer unkt jedenfalls, dass man am Ende das alte Gewand der Oper hat, zu einem Preis von 545 Millionen Euro.

Streitberger: In der öffentlichen Diskussion kommt leider oft zu kurz, dass es sich um vier Büh­nen handelt, von denen zwei völlig neu errichtet wurden. Es handelt sich also nicht nur um die Oper. Dennoch ist das immer noch eine unglaubliche Summe, dessen bin ich mir bewusst. Da muss am Ende alles nahezu perfekt sein, sonst haben wir es nicht gekonnt. Und ja, man sieht davon zunächst wenig, weil das Geld nicht in der Fassade oder im Teppich steckt. Das Geld steckt im Keller, in der Haustechnik. Und allein die Zeit, also der Baustellenunterhalt, die frisst auch viel Geld. Aber am Ende sollen sich alle, auch die, die nie reingehen, an dem schönen Haus freuen. Das wäre die schönste Belohnung für meine Arbeit hier.

Müssen Sie das auch den Firmen zeigen, die für Sie arbeiten sollen?

Streitberger: Absolut. Ich verwende gerade sehr viel Energie darauf, Firmen für uns zu gewin­nen.

Wie sieht das aus?

Streitberger: Ich habe mit allen 63 Firmen, die auf 93 Gewerken der Baustelle tätig waren, sind oder sein werden, gesprochen. Die hatten alle ein Kündigungsrecht. Mit mehr als 80 Prozent haben wir nun eine Regelung, wie wir zukünftig weiter zusammenarbeiten. Es war eine ziemliche Anstrengung, da überhaupt wieder Ver­trauen aufzubauen. Manche Firmen hatten monatelang vom Bauherren nichts gehört. Aber wir müssen auch noch neue Firmen für uns gewinnen. Das ist gerade kein einfaches Unterfangen. Die Firmen können sich wegen der hervorragenden Konjunktur derzeit ihre Projekte aus­suchen, deshalb muss ich für uns werben.

Was passiert denn im Moment auf der Baustelle, abseits der Planerei?

Streitberger: Wir suchen im Augenblick nach Gewerken, die wir schon fertigstellen können. Wir haben etwa die Natursteinarbeiten an den Treppen in den Foyers der großen Häuser ge­macht. Meine Hauptaufgabe ist es, hier Komplexität zu reduzieren. Bei der Bühnentechnik sind wir schon sehr weit. Die betreiben wir schon, um Mängel und Fehler zu beheben, bevor es hier ernst wird. Außerdem können wir unsere Mitarbeiter jetzt schon schulen, so dass die Bühnen bei der Schlüsselübergabe für Oper, Schauspiel und Tanz sicher nutzbar sind.

Wie ist Ihre Beziehung zu dem Gebäude?

Streitberger: Das ist ein bisschen ambivalent. Ich habe um mich herum viele Leute, die nicht nur baufachlich geprägt sind, sondern auch die Oper und das Theater lieben. Meine persönliche Begeisterung für Oper und Schauspiel ist eher übersichtlich, meine Leidenschaft gilt der Bil­denden Kunst. Aber ich habe eine Beziehung zu den Bauten auf dem Offenbachplatz. Als kleiner Junge durfte ich bei meiner Oma oft im Vorabendprogramm „Hier & Heute“ im dritten Programm schauen. Zu Beginn sah man immer Luftaufnahmen von NRW, auch den Kölner Dom. Und ich habe mich damals stets gefragt, was dieses komische Gebäude neben dem Dom ist. Jetzt weiß ich es. Die Oper ist zurecht ein Denkmal, und ein Denkmal wird von mir nicht zur Dis­position gestellt.

Mit dem Wissen, dass Sie jetzt haben: Was glauben Sie, wann das Kind in den Brunnen gefal­len ist?

Streitberger: Das war teilweise schon bei der Vergabe der Aufträge. Das fiel noch in meine Zeit als Baudezernent. Wir hätten uns damals nicht freuen dürfen, dass man die Fir­men so günstig bekam, sondern hätten sichergehen müssen, dass sie die Aufträge auch wirk­lich mit den angebotenen Kapazitäten erfüllen können. Auf der anderen Seite sprechen wir hier aber von erfahrenen, renommierten Unternehmen, für die die Abgabe eines realistischen Angebots Routine sein sollte. Durch die Novellierung des Vergaberechts 2016 können wir die nun bevorstehenden Vergaben durch Marktsondierungen vorbereiten. Das ermöglicht beiden Seiten, sich vor dem konkreten Vergabeprozess entsprechend kennenzulernen und reduziert die Gefahr, dass sich die erlebten Probleme wiederholen. Zumal wir zum Glück auch nicht mehr den Preis als quasi allein entscheidendes Auswahlkriterium haben.

Nachdem Sie 2016 ein riesiges Chaos auf der Baustelle vorgefunden haben, haben Sie jetzt Hoffnung, dass Sie das hinbekommen. Sie sehen Licht am Ende des Tunnels?

Streitberger: Ja, manchmal heller, manchmal weniger hell. Der einzige Weg die Probleme zu lösen ist, dass wir uns Schritt für Schritt, Geschoss für Geschoss durch die Gebäude arbeiten. Das ist wenig spektakulär, kleinteilig und anstrengend. Aber wir sehen, dass das wirkt und nur das zählt am Ende.

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