Lüttich: Belgische Atomaufsicht kritisiert Tihange-Betreiber

Lüttich: Belgische Atomaufsicht kritisiert Tihange-Betreiber

Nicht nur Umweltschützern bereitet die Sicherheit der belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel Sorgen. Wie jetzt bekannt wurde, hat auch die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC das Verhalten des Energiekonzerns Electrabel scharf kritisiert. Dessen Umgang mit Mängeln beim Brandschutz sei „schamlos“, die Sicherheitskultur im Unternehmen besorgniserregend.

Dies geht aus zwei Briefen an Electrabel-Manager hervor, die die belgische Zeitung La Libre Belgique veröffentlicht hat.

Im ersten Schreiben - es ging im Juli an Electrabel-Geschäftsführer Philippe Van Roeye - äußerte der Chef der Atomaufsicht Jan Bens seine Besorgnis über die Reaktion des Energieversorgers auf ein Brandschutzgutachten. Die im Januar erstellte Untersuchung war zu dem Ergebnis gekommen, dass im Falle eines Feuers in einem der Kraftwerke eine Kernschmelze - und damit eine nukleare Katastrophe - nicht auszuschließen sei.

Die Ergebnisse der Studie seien „mindestens alarmierend“, schrieb Bens. Die Nachlässigkeit aber, mit der Electrabel mit den brisanten Ergebnissen umgehe, sei „besonders schamlos“.

Noch deutlicher wurde Bens zwei Monate später im zweiten Brief Anfang September an Isabelle Kocher, die Verwaltungsratsvorsitzende von Electrabel und Generaldirektorin der französischen Mutterkonzerns Engie. Darin prangert Jan Bens erneut insbesondere die Unternehmenskultur in Sachen Sicherheit an.

Die Lage vor allem in Tihange sei besorgniserregend. Electrabel habe mehr als ein Jahr lang strukturell nichts unternommen, um die Sicherheit zu verbessern.

Insbesondere rügte Jan Bens einen Mangel an Eigeninitiative in Sachen Sicherheit. Ein angekündigter Aktionsplan etwa sei nur teilweise umgesetzt worden. Das hatte er im August bei zwei unangekündigten Besuchen in Tihange festgestellt.

Als Antwort auf die im Brandschutzgutachten genannten Mängel hatte Electrabel nach Angaben von La Libre Belgique im Juni den dreiseitigen Entwurf einer Stellungnahme vorgelegt. Darin hieß es unter anderem, das Gutachten spiegele nicht die Wirklichkeit der belgischen Atomanlagen wieder.

Eine Reaktion, die Jan Bens besonders verärgerte. Electrabel scheine über die aufgezeigten Probleme nur wenig besorgt zu sein. Die Verantwortlichen bei Electrabel bewiesen große Nachlässigkeit und die Bereitschaft, Probleme allzu schnell abzutun. Er habe Zweifel am Willen, das zur Lösung der Probleme Erforderliche zu tun.

In einer Stellungnahme wies Electrabel-Chef Philippe Van Troeye am Mittwoch gegenüber La Libre Belgique die Vorwürfe zurück. Es habe niemals eine unmittelbare Gefahr durch die Atommeiler gegeben, „weder für die Mitarbeiter, noch für die Bevölkerung, noch für die Umwelt“. Das Schreiben der FANC werde sehr ernst genommen. Es sei natürlich das Recht der Behörde, das Management von Electrabel zu sensibilisieren, wenn sie der Ansicht sei, „dass unsere Reaktion nicht ihren Ansprüchen genügt“.

Erst vor einer Woche hatte das Nachrichtenportal Sudpresse.be berichtet, dass die Aufsichtsbehörde dem Energiekonzern im Oktober aufgrund von Mängeln bei der Datensicherheit die Betriebsgenehmigung verweigert hatte. Die FANC hatte den Energieversorger ultimativ aufgefordert, seine Computer und Webseiten besser gegen Hacker zu schützen. Die Sicherheitspläne für das Kraftwerk Tihange kursierten im Internet, die Rechner seien nur unzureichend gegen Angriffe von außen gesichert.

Bereits im vergangenen Jahr waren mehrere Mitarbeiter entlassen worden, weil sie Sicherheitsbestimmungen verletzt hatten. Electrabel hat nun eine Frist bis zum Mai kommenden Jahres gesetzt bekommen, um seine IT-Anlagen abzusichern.