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Todesfall bei Aufnahmeritual: Wie fahrlässig haben die Verbindungsmitglieder gehandelt?

Todesfall bei Aufnahmeritual : Wie fahrlässig haben die Verbindungsmitglieder gehandelt?

Im Prozess um den bei der „Taufe“ einer Studentenverbindung in Löwen gestorbenen 20-Jährigen geht es vor allem um die Frage, wie offensichtlich lebensbedrohlich der Zustand des jungen Mannes war. Bei einer Aussage verlässt sein Vater den Gerichtssaal.

In Hasselt sind am zweiten Prozesstag um den Tod eines Studenten bei einem abartigen Aufnahmeritual sieben weitere Angeklagte gehört worden. Der Richter fokussierte sich am Montag vor allem auf die Klärung der Frage, wie lange die Mitglieder der Löwener Studentenverbindung „Reuzegom“ den miserablen Gesundheitszustand des Opfers in Kauf nahmen, bis sie ihn letztlich in ein Krankenhaus brachten.

Der 20-Jährige war im Dezember einer von drei Anwärtern auf eine Mitgliedschaft in dem inzwischen aufgelösten Studentenklub gewesen. Bei dem zweitägigen Aufnahmeritual hatten die Neulinge zunächst Unmengen an Alkohol trinken müssen. Am folgenden Tag wurden sie zu einer Hütte in einem nahegelegenen Wald gebracht, wo sie über Stunden in einer Grube mit Wasser ausharren und jede Menge ungenießbare Dinge zu sich nehmen mussten.

Am Abend des zweiten Tages hatten die Klubmitglieder den unterkühlten 20-Jährigen in ein Krankenhaus gebracht. Er war letztlich an einem Hirnödem gestorben, das durch übermäßigen Salzkonsum entstanden war. Ein Gutachten ergab, dass er derart viel Fischsauce hatte trinken müssen, dass er so viel Salz im Körper hatte, wie in vier Litern Meersalz enthalten sind.

Am Freitag, als die ersten elf der 18 Angeklagten befragt worden waren, hieß es, dass man die Tradition der „Taufe“ bis dato nicht hinterfragt habe. Man habe es immer so gemacht, die Taufe sei als „heilig“ betrachtet worden, hieß es. Dass die Anwärter auf einen Platz in der elitären Verbindung unter dem brutalen Ritual litten, gehörte für die „Reuzegomer“ offenbar dazu. Vor Gericht muss nun aber geklärt werden, ob und wann es Anzeichen dafür gab, dass die Lage des 20-Jährigen lebensbedrohlich war.

Die Brüsseler Tageszeitung „De Morgen“ berichtet in einem detaillierten Liveblog von widersprüchlichen Aussagen der Angeklagten dazu. Während einige der jungen Männer aussagten, der später an den Folgen des Aufnahmerituals Gestorbene habe noch mit der Gruppe gelacht, als er in der Grube hingefallen sei, berichtet ein anderer, das Opfer habe beklagt, es könne nichts mehr sehen.

Eine Aussage im ersten Verhör des Tages sorgte für besonders großen Aufruhr im vollen Verhandlungssaal. Laut dem Angeklagten mit dem Verbindungs-Spitznamen „Shrek“ habe der später Gestorbene die Grube im Wald gemeinsam mit seinen beiden Mitstreitern gegraben. Der Vater protestierte laut belgischer Medien und verließ vorübergehend den Saal. „Du lügst, er hat nicht gegraben!“, wird er zitiert. Sein Sohn habe zu dem Zeitpunkt nur noch liegen können. Die späteren Aussagen weiterer Angeklagter bestätigten, dass der stark verkaterte und dehydrierte 20-Jährige nicht in der Lage war, sich körperlich zu betätigen und zunächst auf einer Bank lag.

Dramatisch wurde die Lage wohl, nachdem das Opfer die Fischsauce und einen lebendigen Fisch zu sich genommen hatte. Mehrere Angeklagte sagten aus, dass es Diskussionen darüber gegeben habe, was man mit dem jungen Mann machen solle. Man habe den Unterkühlten ans Feuer gelegt und ihm trockene Kleidung gegeben. Nach 20 Uhr wurde ein Bild des bewusstlosen jungen Mannes in die Whatsapp-Gruppe der Verbindung gepostet, unklar ist jedoch, wann es aufgenommen wurde. Gegen 21 Uhr wurde er letztlich ins Krankenhaus gebracht.

Das Gericht in Hasselt hat am Montag auch vorgeschlagen, die Anklage so zu ändern, dass die Studenten sich wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge verantworten müssen. Darauf stünde eine geringere Strafe als auf die aktuelle Anklage, man könnte aber möglicherweise mehr Angeklagte tatsächlich zur Rechenschaft ziehen. Der Prozess ruht nun bis kommenden Montag.

(kt)