Passionsspiele der besonderen Art sind in Ostbelgien zu sehen

Traditionell? Nur die Kostüme : Passionsspiele der besonderen Art sind in Ostbelgien zu sehen

Jesus und der Jakobsweg: Passionsspiele der besonderen Art sind in Ostbelgien bis Karfreitag zu sehen. Rund 100 Akteure führen den Leidensweg Christi auf – und sind dabei erstaunlich aktuell.

Es ist ein stressiger Feierabend für Lothar Krämer. Sofort nach der Arbeit auf einer Baustelle in Luxemburg ist er nach Hause gefahren, hat dort schnell eine Kleinigkeit gegessen und ist ins Kulturzentrum geeilt. Eine Helferin wartet schon mit dem Gewand auf ihn, denn Krämer wird bereits auf der Bühne erwartet.

In wenigen Minuten beginnt die Kostümprobe. Bis zur Premiere sind es nur noch wenige Tage, doch trotz der engen Taktung strahlt Krämer eine bemerkenswerte Gelassenheit aus. Während er aus seiner Straßenkleidung in biblische Stoffgewänder wechselt, erzählt Krämer von seinem Berufsalltag: „Ich bin Verputzer, schon ewig, ich habe in meinem ganzen Leben nichts anderes gemacht.“ Außer den Sohn eines Zimmermanns zu spielen.

Wenn vor Ostern die Schönberger Passionsspiele im ostbelgischen Sankt Vith aufgeführt werden, ist es für Krämer bereits das fünfte Mal seit 1998, dass er die Hauptrolle spielt. Eigentlich wollte der 56-Jährige den Jesus 2019 nicht mehr verkörpern; sein Bart sei ja schon weiß, er habe ihn für die Spiele schwarz färben müssen, sagt er und lacht. „Mein ältester Sohn ist im Jesus-Alter, er ist 33 Jahre.“ Doch weil sich niemand für die aufwendige Rolle fand, machte er es noch einmal. Mit Freude: „Da habe ich gesagt: Danke, Gott, dass ich noch mal darf.“

Auch nach all den Jahren sei das immer wieder eine Herausforderung, ein Entdecken neuer Facetten, sagt Krämer. „Ich liebe meine Rolle, denn ich bin ein gläubiger Mensch. Diesen Jesus im Spiel zu erfahren, das ist ein wahnsinniges Gefühl, man kommt auf eine ganz andere Ebene und sieht ihn anders.“

Neue Handlung in jedem Spielzyklus

Die meisten Menschen denken bei dieser Art des geistlichen Spiels an Oberammergau. In dem bayerischen Alpenort wird das Leiden Jesu seit fast 400 Jahren auf traditionelle Art und Weise inszeniert. Anders als dort und anders als bei den meisten Passionsspielen führen die Schönberger Akteure aber keinen seit Generationen überlieferten Text immer wieder neu auf. Denn erst im Jahr 1993 entstanden die Spiele; es war eine Initiative des damaligen Diakons. Für jeden Spielzyklus gab es seitdem eine neue Handlung. Neben der „klassischen“ Passionsgeschichte vom Leiden und Sterben Jesu bringen die Ostbelgier stets auch eine moderne Parallelgeschichte auf die Bühne.

Krieg und Flucht, Macht und Geld, Glück und Freude, Schuld und Trauer – all das war bereits Thema. Traditionell sind nur die Kostüme, der ganze Rest ist modern: Das per Video auf die Leinwand projizierte Bühnenbild. Das Ineinandergreifen von 2000 Jahre alter Bibelgeschichte und aktuellem Plot. Kreuzigung und Massentierhaltung. Apostel und Jakobspilger. Pilatus und Bootsflüchtlinge. Donnerhall und Maschinengewehrsalven.

Ein Teil des Ensembles: Knapp 60 Darsteller sind insgesamt beteiligt. Foto: kna/Harald Oppitz/kna

„Es soll verdeutlichen: Das ist keine Geschichte von früher, die wir zum Tausend­sten Mal erzählen. Das alles ist eine Geschichte, die läuft noch, die ist lebendig“, erklärt Alfons Velz. Der 67-jährige pensionierte Deutschlehrer hat 2003 die Regie übernommen; damals spielten die Schönberger noch in dem namensgebenden Dorf im Süden Belgiens, nicht weit von Lüttich entfernt. Seit den Spielen 2012, die erstmals im Kulturzentrum der benachbarten Kleinstadt Sankt Vith stattfanden, ist auch Robert Schmetz als Regisseur mit dabei. Velz und der 65-jährige Lackierer im Ruhestand sitzen seit Sommer 2017 am Text für 2019, der stetig fortgeschrieben wird. „Wir fangen jedes Mal bei null an“, sagt Schmelz.

Zwei Schwerpunktthemen sind es, die die moderne Handlungsebene ausmachen: Einerseits das Spannungsverhältnis der Weltreligionen und der damit verbundene Stellenwert der Frau, andererseits die Bereitschaft zum Loslassen. „Das mussten wir dann zu einer Geschichte zusammenführen“, erzählt Velz. Schauplatz der modernen Handlungsebene ist die Pilgerschaft einer Gruppe auf dem spanischen Jakobsweg. „Da treffen Leute aufeinander, gehen wieder auseinander“, sagt Schmetz.

Aufwendige Produktion

„Es ist immer so, dass wir Parallelen suchen, dass die eine Geschichte zur anderen wird“, erklärt Schmetz. Auch die Darsteller sind gefragt, sich damit auseinanderzusetzen. „Wir machen Übungen mit den Leuten. Sie müssen Fragen beantworten: Wo bin ich, wer bin ich, in welchen Konfliktsituationen bin ich? Durch diese Arbeit mit den Spielern verändert sich der Text ständig.“ Ein reduziertes Bühnenbild ermöglicht bei der knapp zweistündigen Aufführung eine rasche Abfolge von Szenen, die für Außenstehende zunächst ungewöhnlich anmuten: Von Jerusalem, wo die bekannte Handlung spielt und Jesus seiner trauernden Mutter begegnet, geht es rasch zu einer Kathedrale in Spanien, wo sich die Pilger begegnen.

Während die beiden Regisseure mit den Technikern die Beleuchtung und den Sound durchgehen, herrscht Hektik in der Garderobe. In der halben Stunde vor dem Probenbeginn müssen sich knapp 60 Darsteller ihr Kostüm heraussuchen; die Gewänder, von 14 Näherinnen handgefertigt, hängen auf mit kleinen Namenszetteln beschrifteten Kleiderbügeln. Mitglieder des Hohen Rats streifen sich ihre prächtigen Gewänder über, Kinder aus dem Volk trinken noch schnell eine Limo, bevor es losgeht. Inmitten des Gewusels behält die Präsidentin des ausrichtenden Vereins Passio Schönberg, Marlene Backes, den Überblick.

Knapp 100 Aktive sind es, die sie und die sechs anderen Mitglieder des Organisationsteams koordinieren. Im Sommer 2018 kamen die Laien-Darsteller erstmals zusammen. Darunter waren auch knapp 30 Neue, etwa Renate Faymonville. Die 65-jährige, frisch pensionierte Sozialassistentin ließ sich auf ein Wagnis ein, denn die Regisseure boten ihr sofort die Hauptrolle der Muttergottes Maria an. Ein Buch über Maria habe sie zur Vorbereitung gelesen. „Der rote Faden ist das Muttersein“, sagt Faymonville. Ein Muttersein, das die Hinrichtung des eigenen Sohnes verkraften muss. Die dreifache Mutter, deren Mann vor zwölf Jahren starb, kann diese Verlusterfahrung in ihr Spiel mit einbringen. Es sei wohl auch ein Stück Verarbeitung, sagt sie.

Für die gläubige Christin ist das Spielen „wunderschön“ – und eine Gelegenheit, den Glauben zu vertiefen. Bestimmte Szenen mitzuerleben, die Gesichter der Mitspielenden zu sehen, das „ist wirklich überwältigend und sehr konkret“. Auch „Jesus“ Lothar Krämer zieht aus dem Spielen Kraft. Der Glaube trage ihn durch Höhen und Tiefen. Das Spielen sei mit Stress verbunden, aber eine schöne Erfahrung. Mittlerweile spielen auch eine Tochter, eine Schwiegertochter und Enkelin Mathilda bei der Passion mit, worauf Krämer stolz ist.

Die Schönberger Aufführungen, das wissen die Beteiligten, sind Passionsspiele der besonderen Art. Man müsse sich darauf einlassen, könne vielleicht auch irritiert werden, sagt Robert Schmetz. Es könne sein, dass zwei Sitznachbarn nach Hause gehen und das Stück völlig unterschiedlich wahrgenommen haben. Doch eines sei für ihn entscheidend: „Wichtig ist, dass die Zuschauer darüber reden, wenn sie unsere Aufführung verlassen.“

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