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Lage in Belgien: Die Preise steigen, die Löhne auch

Lage in Belgien : Die Preise steigen, die Löhne auch

Auch in Belgien leiden die Menschen unter Energiekosten und Inflation. Doch hier sorgt der automatische Inflationsausgleich dafür, dass auch die Löhne stark steigen. Nicht alle freuen sich darüber.

Senf und Spaghetti sind mehr als ein Drittel teurer, für Frittieröl, Kaffee, Mayonnaise und Mehl müssen die Belgier ebenfalls deutlich tiefer in die Tasche greifen: Die Preise in den Supermärkten des Landes sind laut Verbraucherorganisation Test Aankoop im Vergleich zum letzten Jahr um durchschnittlich zwölf Prozent gestiegen. Die Inflation ist in Belgien so hoch wie seit 1976 nicht mehr. Und sie sorgt nicht nur für explodierende Kosten bei Lebensmitteln, sondern auch für steigende Löhne für Angestellte im öffentlichen Dienst und im privaten Sektor.

Denn in Belgien herrscht das Prinzip des automatischen Inflationsausgleichs. Arbeitgeber sind laut dem aus den 1920er Jahren stammenden Konzept dazu verpflichtet, das Gehalt an das jeweils aktuelle Preisniveau anzupassen, basierend auf einem Index, der die Preise für Lebensmittel, Wohnen und Energie berücksichtigt.

Die Folge: In der sechstgrößten Volkswirtschaft des Euroraums könnten die Lohnkosten in den nächsten zwei Jahren um bis zu zwölf Prozent steigen, wie die belgische Nationalbank prognostizierte – ein Problem für ein Land, das vier Fünftel seines Bruttoinlandsprodukts durch Exporte erwirtschaftet. Es belaste die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, warnte die Nationalbank. Denn in den Nachbarländern gehen die Gehälter nicht oder weniger stark nach oben.

Angesichts von zweistelligen Gehaltserhöhungen innerhalb eines Jahres stellen vor allem Arbeitgeber nun immer lauter den Mechanismus infrage. Doch Beobachter sind sich einig, dass die fragile, aus sieben Parteien bestehende Regierungskoalition des liberalen Ministerpräsidenten Alexander De Croo es kaum überstehen würde, wenn sie nun an der Lohn-Indexierung zu rütteln begänne. Dementsprechend hat sie Änderungen ausgeschlossen, auch wenn unter anderem die Europäische Zentralbank vor einer Lohn-Preis-Spirale warnte, zu der das fast einzigartige System beitragen könnte.

Angesichts der massiven Energiekosten versucht die Regierung, die 11,6 Millionen Einwohner mit weiteren Schritten zu entlasten. Seit April und vorerst bis Ende März 2023 gilt eine gesenkte Mehrwertsteuer von sechs statt 21 Prozent auf Gas. Die Mehrwertsteuer auf Strom war bereits zuvor von 21 auf sechs Prozent reduziert worden, auch dieser Satz bleibt bis zum Ende des Winters. Gerade erst hat die Regierung zudem beschlossen, den für finanziell schwache Haushalte geltende Sozialtarif für Strom und Gas um sechs Monate zu verlängern. Dieser betreffe nach Regierungsangaben etwa jede fünfte Familie in Belgien. Darüber hinaus gibt es weiterhin einen „Tankrabatt“ auf Diesel und Benzinkraftstoffe.