Eschweiler/Aachen: Beim 1000. Tatort dabei: Alexander Koll aus Eschweiler

Eschweiler/Aachen: Beim 1000. Tatort dabei: Alexander Koll aus Eschweiler

Alexander Koll war eigentlich nur auf der Suche nach dem Weg des geringsten Widerstands. Damals, als der jugendliche Schüler des städtischen Gymnasiums in Eschweiler unbedingt Kunst abwählen wollte. Sein Ziel lautete: möglichst wenig Aufwand, möglichst wenig Lernen, möglichst viel Zeit für Sport. Ein ganz normaler Schülerwunsch eben.

„Und am Ende gemütlich eine Zwei minus dafür bekommen“, erinnert sich der mittlerweile 36-Jährige mit einem Schmunzeln an seinen Plan. Gesagt, getan: Er schmiss also Kunst vom Stundenplan und wählte stattdessen das Fach Literatur.

Um es abzukürzen: Alex Koll bekam keine Zwei minus. Die Note wurde deutlich besser. Sein Lehrer erkannte das Talent des jungen Mannes und gab ihm eine Eins plus. Viel wichtiger aber: Der junge Mann hatte seine Passion entdeckt — das Schauspiel.

Fast 20 Jahre später darf der 1,93-Meter-Hühne nun einen ganz besonderen Meilenstein in seiner Karriere feiern. Er ist in einer Rolle im 1000. „Tatort“ „Taxi nach Leipzig“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) zu sehen, der wieder ein Millionenpublikum locken dürfte. An der Seite der Kommissare Klaus Borowski (Axel Millberg) und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) spielt Koll einen Sicherheitsdienst-Mitarbeiter namens Sascha. „Ich liege also nicht nur als Leiche irgendwo rum“, scherzt er. Details darf er im Vorfeld nicht verraten.

Zufall und Bauchgefühl

Dabei hätte der Wahl-Aachener Koll beinahe den Sprung ins „Tatort“-Universum verpasst. Doch wie schon zuvor in seinem Leben spielte ihm Kommissar Zufall — und sein gutes Bauchgefühl — mal wieder in die Hände. Denn eigentlich war er vor einem guten Jahr kurz davor, ein Engagement an einem kleineren regionalen Theater anzunehmen. „Es war keine riesige Rolle, aber das Angebot stimmte durchaus“, erzählt der Vater eines vierjährigen Sohnes. Doch irgendwie wollte ihn das Projekt nicht komplett packen, passte einfach nicht perfekt in seine derzeitige Lebensphase.

Mit seiner kleinen Familie — seine Partnerin ist ebenfalls als Schauspielerin auf den Bühnen der Republik unterwegs — war er gerade näher an seine Heimatstadt Eschweiler gezogen. Im hippen Frankenberger Viertel in Aachen hatten sie eine neue Bleibe bezogen. In der Fernsehbranche war Koll mittlerweile etabliert. Er gehört zur festen Besetzung bei der beliebten Sketch-Comedyserie „Knallerfrauen“ (Sat.1), seit kurzem steht er auch für die ZDF-Vorabendserie „Bettys Diagnose“ vor der Kamera. Die Handlung spielt in der fiktiven Aachener Karlsklinik, gedreht wird die Produktion allerdings im Kölner Raum. In der Rolle eines Rettungssanitäters wird er in der nächsten Betty-Staffel voraussichtlich ab Herbst 2017 zu sehen sein.

Nebenbei hatte sich Koll, der Schauspiel an der renommierten staatlichen Hochschule für Theater und Musik in Rostock studiert hat, mittlerweile ein zweites berufliches Standbein aufgebaut. Als Kommunikationstrainer arbeitet er regelmäßig im Auftrag einer Agentur für große Unternehmen wie Audi, Porsche oder Vodafone. Dort bringt er unter anderem Führungskräften bei, wie sie in heiklen Situationen gekonnt auf Mitarbeiter oder Kunden eingehen. „Mimik und Gestik verraten uns so einiges über den anderen. Und darauf richtig zu reagieren, muss gelernt sein“, erklärt der Diplom-Schauspieler. Kurzum: Koll hatte sich Stück für Stück eine Position aufgebaut, um möglichst eigenständig entscheiden zu können, welchen Job er annimmt. Und welchen eben nicht.

So kam es, dass kurz nach der Absage Richtung Theater das Telefon klingelte. Und Alex Koll gehörte plötzlich zum Cast des Jubiläum-„Tatorts“. Fünf Drehtage lang war er im Dezember 2015 bei der Millionenproduktion in Berlin dabei. Wobei: Tag trifft es nicht ganz. Denn die meisten Szenen von „Taxi nach Leipzig“ spielen in der Nacht. „Zehn Stunden am Stück drehten wir dafür manchmal draußen in der Kälte“, erinnert sich Koll. Der technische Aufwand, die Masse an Menschen am Set, der spektakuläre Showdown, der immer wieder aufs Neue aus allen erdenklichen Perspektiven gefilmt wurde. „Das ist für eine TV-Produktion in Deutschland schon außergewöhnlich, was ich da erlebt habe.“

Szenenwechsel: Alexander Koll schlürft in einem Café im Aachener Stadtteil Burtscheid gemütlich einen Espresso. Es sieht lässig aus, wie er sich da so entspannt in eine Sitzecke lümmelt. Auch das, erzählt er, sei Teil des Schauspielerlebens. Auf den nächsten Auftrag warten. Mal nichts tun. Menschen beobachten. Nur wenige scheffeln im Film- und Fernsehmetier Millionen wie ein Til Schweiger, ein Jan-Josef Liefers oder eine Maria Furtwängler. Koll, so sagt er es zumindest selbst, sei das immer bewusst gewesen. Also, dass es mitunter hart werden könne, seine Brötchen zu verdienen.

Er habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass sich Qualität letztlich immer durchsetze und auch auszahle. Und dann sitzt Alexander Koll plötzlich ganz aufrecht, seine durch die Luft wirbelnden Hände erzählen ebenso viel wie seine Worte. Die Espresso-Tasse hat er beiseite geschoben. Koll spricht von fairer Bezahlung, die jede gute Leistung verdienen würde. Von den Tücken der Branche.

Aber auch: von vielen Menschen, die ohne eine gute Ausbildung meinen, sich professionelle Schauspieler zu nennen, um anschließend über schlechte Gehälter zu klagen. „Klar: Man wird in diesem Beruf nicht unbedingt reich“, gibt Koll zu. Aber jene, die an den großen anerkannten staatlichen Hochschulen ihren Beruf erlernt hätten, müssten seines Wissens nicht das Lied der brotlosen Kunst anstimmen.

Er selbst war nach dem Studium von 2007 bis 2010 am Theater Augsburg angestellt, bevor er sich aus freien Stücken dazu entschied, Neuland zu betreten und auf die Karte Fernsehen zu setzen. Den Schritt bereut er nicht. Das betont er mehrmals. Es wirkt beinahe so, als müsse er seine Entscheidung pro Schauspiel verteidigen. Dabei reicht dieser eine Satz, um ihm zu glauben: „Ich liebe meinen Beruf total!“, sagt er, wohl wissend, dass die Bedingungen für Schauspieler nicht immer ganz einfach sind. Keine unbefristete Stelle, kein sicheres Einkommen, immer wieder aufs Neue Menschen von sich überzeugen müssen, damit sie einem einen Job geben.

Einige Blicke vom Nachbartisch richten sich in dem Moment, als er darüber spricht, auf ihn. Die älteren Damen, die dort sitzen, erkennen den Schauspieler Koll (noch) nicht. Es ist wohl lediglich die etwas lauter gewordene Stimme des großen Blondschopfs, die ihre Aufmerksamkeit erregt hat.

Auf dem Spielplatz

Dann lehnt sich der 36-Jährige wieder zurück. Scherzt, lacht, berichtet von der Zeit, die er gerade so genieße. Vor allem die mit seinem kleinen Sohn. „Ich verbringe derzeit viel Zeit auf dem Spielplatz“, sagt er. Die Flexibilität seines Jobs macht’s möglich. Ein Leben irgendwo zwischen biederem rheinländischen Alltag und glamourösen Filmpremieren.

Und was bringt die Zukunft? Alexander Koll geht sie mit einem Mix aus Lässigkeit und Leidenschaft für seine Berufung an. Derzeit laufe es ganz gut, meint er bescheiden. „Ein ,Tatort Aachen‘ wäre doch nicht schlecht, der fehlt ja noch“, fügt er mit Augenzwinkern an. Herr Koll, der Kommissar? Wer weiß.

Doch erst einmal sei er glücklich über seinen Premierenauftritt in Deutschlands beliebtester Krimiserie. Und über Kölns super Saisonstart in der Bundesliga, wie der große Fan der FC-Fußballer betont. Und natürlich über Nachmittage mit seinem Kleinen auf dem Kinderspielplatz. „Et läuft“, stellt Alexander Koll zufrieden fest. Er sagt es leise. Die Damen vom Nachbartisch blicken nicht mehr herüber.

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