Lanaken: Bei Meijer und Kemperman: Nachbarschaft in Lanaken

Lanaken: Bei Meijer und Kemperman: Nachbarschaft in Lanaken

Der Garten, eine Blütenpracht. 15 Meter hohe Eichen rundherum, eine mächtige Kulisse. Der Esstisch auf der Terrasse, gespickt mit Köstlichkeiten. Und diese Ruhe. „Herrlich”, blinzelt Frank Kemperman (55) in die Sonne.

„Lebt es sich hier nicht wunderbar?” Kurzes Grinsen. Und dann laut: „Wenn es bloß diesen Meijer hier nicht gäbe!” Der Nachbar ist gerade mit dem Fahrrad vorgefahren, stolziert in Jeans mit forschem Cowboy-Schritt in die Idylle und setzt seine typische Schelmenmimik auf: „Ich komme gerade vom Joggen mit meiner Frau Sandra und habe mich zwölf Kilometer an ihren Allerwertesten hinten drangehängt, das motiviert”, griemelt Erik Meijer (40).

Willkommen in der Privatsphäre des Vorstandsvorsitzenden des Aachen-Laurensberger Rennvereins und des Sportdirektors von Alemannia Aachen. Lanaken, Ortsteil Neerharen, 45 Kilometer von Aachen entfernt, autobahnnah, schnell am Flughafen Maastricht, ideal für Manager. „Es ist allerdings heute das erste Mal in meiner Tätigkeit beim ALRV, dass ich meine Mittagspause zu Hause verbringe und die Strecke zweimal am Tag fahre”, sagt Kemperman, der ähnlich wie Meijer morgens um 8.30 Uhr das Haus verlässt und nicht vor 21 Uhr heimkehrt.

Der andere Umgang mit Druck

Gelebte Euregio: Zwei Niederländer, wohnhaft in Belgien, und das 200 Meter voneinander entfernt, Chefjobs in der Aachener Soers, dort im ständigen Visier der Öffentlichkeit. „Aber hier ist das besondere Gefühl von Zuhause, von Freiheit ohne soziale Kontrolle, ohne Autogramme”, sagt der beliebte Fußballer, der nur sechs Kilometer entfernt im holländischen Meerssen geboren ist.

Wie Familie Jedermann kaufen die Kempermans und Meijers an der nahe gelegenen N78 in der Bakkerij Roy ihr Grijs Brood oder huisgemaakte Wafels, daneben in der Frituur winken Frikandel oder Viandel. Und auch der alte Gerard Coveco, der ein paar Meter weiter seinen Veranda-Laden hat, spürt die Vertrautheit: „Der Erik etwa ist mir schon als Kind mit dem Rad und dem Fußball auf dem Gepäckträger über die Füße gefahren.”

Ehefrau Anita Kemperman tischt einen opulenten mediterranen Salat auf der Terrasse auf. „Beim letzten Besuch musste mich meine Frau in der Schubkarre nach Hause fahren, ich konnte nicht mehr laufen”, schwärmt Meijer von der Gastfreundschaft seiner Nachbarn.

Die Vögel zwitschern. Sprechen wir doch mal ganz entspannt über den extremen Druck ihrer Herausforderungen. Wie gehen der Macher des weltgrößten Turniers und der Hoffnungsträger am Tivoli damit um? „Wenn ich sehr unter Druck stehe, dann werde ich ganz ruhig, entgegen meinem Naturell”, sagt Meijer. „Ich weiß, dass die Leute auf mich gucken, und wenn ich dann verrückt spiele, stecke ich mein Umfeld nur an. Es kann allerdings auch sein, dass ich dann jemandem zurufe: Halt die Fresse, Du Idiot.” Sein Gegenüber schildert das distinguierter. „Unter Druck stehe ich nachts auf und schreibe Merkzettel, wenn mir verschiedene Szenarien durch den Kopf gehen.”

Zwei Männer, zwei Welten. „Ich bin nur mit toten Pferden groß geworden”, sagt Metzgersohn Meijer wenig einfühlsam. Letzteres freilich gilt auch für Kemperman, als er jüngst seinen Nachbarn zur Unzeit „auf ein Bier” ansimste. „Mensch, das war kurz vor dem Anpfiff”, motzt der Sportdirektor. Dabei hätte der Kollege vom CHIO doch einschätzen können, wie viel Adrenalin sich vor einem Spiel anstaut - managte er doch Ende der 80er Jahre den MVV Maastricht und sorgte persönlich für den ersten Wechsel des damals 16-jährigen Erik: „Ich musste zu seinem Vater in die Metzgerei, um von ihm die Vertragsunterschrift zu bekommen.”

23 Jahre später drehen beide das Riesenrad im Sportpark Soers - so unterschiedlich die Vorzeichen auch sein mögen. „Wir hatten ja zuletzt große Probleme mit dem Rasen, der neu bearbeitet wurde und heute getestet wird”, sagt Kemperman. Meijer lächelt müde: „Dabei habt ihr eine komplette Infrastruktur. Und was haben wir? Nichts. Nicht einmal Trainingsplätze. Und dann muss ich noch mit 20 Prozent weniger Geld ein Haus bauen. Möglichst eins, das auch noch schöner ist - das ist gar nicht so einfach.”

Sein Gegenüber denkt derweil erkennbar nach, packt Erik plötzlich an den Arm und sagt: „Wenn du im Winter mit deinen Fußballern Trainingsprobleme hast, dann kannst du unsere Albert Vahle-Halle haben. Mit einem speziellen Belag ist das gar kein Problem. Racing Genk trainiert auch in einer Reithalle.” Der Sportdirektor guckt, als habe er den „Großen Preis von Aachen” gewonnen: „Mensch, das wäre doch was!”

Starke Ehefrauen an der Seite

Meijers Handy klingelt mal wieder. „Der ist verrückt, der Kerl”, sagt er seinem Gesprächspartner. Wer? Der neue Trainer? „Sonntag will ich zum Tegernsee, bis dahin muss alles klar sein”, griemelt er. Urlaub. Gutes Stichwort, um auf die Ehefrauen sprechen zu kommen. „Sandra hat mit Fußball nur wegen mir zu tun. Sie geht ihren Weg ganz alleine, ihre Meinung ist mir sehr wichtig, sie sieht und löst Probleme ganz anders”, berichtet Erik über die zwei Jahre ältere BWL-Fachfrau, die als Personaldienstleisterin für Ingenieurbüros in Eindhoven unterwegs ist.

„Seitdem wir die Kinder groß haben, begleitet mich Anita beim CHIO wesentlich mehr. Und das ist auch gut so. 70 Prozent des Publikums bei uns ist weiblich, da sind ihre Wahrnehmungen für mich natürlich total wichtig”, meint der Turnierdirektor über seine Frau, die er in den 80ern bei ihrer gemeinsamen Arbeit auf dem Lanaker Gestüt Zangersheide kennenlernte.

Schon sind wir wieder in der Soers. „Was unseren Vereinen ja gleich ist, das ist die enorme Tradition”, befinden beide unisono. „Und manchmal denke ich, wow, was habe ich bei Alemannia für eine Chance! Und: Was hat Frank für eine Megaaufgabe bei einem so gewaltigen Turnier! Unsere Vereine sind doch die Visitenkarte der Region”, schiebt Meijer nach - und stößt auf eine emotionale Gemeinsamkeit zwischen Fußball und Reitsport: „Frank, wenn bei dir 50.000 Menschen die Taschentücher winken, dann geht mir genauso eine Gänsehaut runter wie beim You never walk alone’ an der Anfield Road in Liverpool.”

Bei so viel Einigkeit, also bitteschön, die Herren. Formulieren Sie mal eine gegenseitige Wertschätzung. Kemperman beginnt, Meijer beäugt ihn wie ein Habicht: „Erik ist immer gut gelaunt, immer voller Einsatz, ein Zupacker.” Sein Nachbar wird philosophisch: „Frank ist ein Perfektionist bis in kleinste Kleinigkeiten, ein Menschenmensch mit einem irren Gespür auf hohem Niveau, dafür musst du im Menschen drinstecken, das ist ein Menschenmensch.” Aha.

Die Soerser Zukunft in den Händen von zwei Niederländern. „Das heutige Verhältnis zu den Deutschen, das meinem Vater noch nicht möglich war, ist sehr gut geworden”, sagt Kemperman. „Deutschland hat großen Respekt vor unserem kleinen Land, das ist schön zu erfahren”, so Meijer. „Und wir wissen zu schätzen, dass sportliche Anerkennung in Deutschland viel größer ausfällt als bei uns.”

Spiel mir das Lied vom Tod

Wobei er für beide Länder bei der Fußball-WM in Südafrika schwarz sieht: „Unsere Abwehr ist zu schwach. Und Löws Mannschaft übersteht die Vorrunde nicht, weil alle drei Gegner andere Systeme spielen und das Team noch nicht so weit ist, sein Spiel aufzuzwingen.” Sagt es. Und grinst: „Für diese Einschätzung kriege ich bestimmt Ärger.”

Doch der passt nicht nach Lanaken. Deshalb legt Erik Meijer spontan einen Slapstick ein. Und macht seinen Nachbarn zum Hero in „Spiel mir das Lied vom Tod”.

Er pfeift die legendäre Melodie, kommentiert bedeutungsschwer: „Frank betritt den Stall.” Pfeifen. „Er steigt auf ein Pferd.” Pfeifen. „Er nimmt einen Schluck Whisky.” Pfeifen. „Er zündet sich eine Zigarette an.” Pfeifen. „Frank reitet ins Stadion.” Pfeifen. „Das Publikum jubelt.” Crazy, dieser Meijer. Kemperman haut sich bei so viel Situationskomik auf die Schenkel. Währenddessen hat seine Frau nach der Käseplatte Erdbeeren mit Sahne gebracht.

Lanaken ist die Kraftquelle für Aachens sportliche Zukunft.

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