Grevenbroich: Bei Horst Schlämmer: Wo die Realität die Fiktion einholt

Grevenbroich: Bei Horst Schlämmer: Wo die Realität die Fiktion einholt

Am späten Nachmittag endlich ist Deutschlands wohl bekanntester Schutthaufen verschwunden. Mitten in Grevenbroich poltert eine letzte Baggerschaufel voll Geröll auf die Lastwagenpritsche. Gegenüber verschränkt Anwohner Josef Becker (75) energisch die Arme vor der Brust, während er auf die Politiker im Stadtrat schimpft. „Egal”, urteilt er schließlich. „Die wählen wir alle sowieso nicht mehr. Wir wählen nur noch den Horst.”

Ja, der Horst, der ist einer von ihnen, einer aus ihrer Mitte. Und soeben hat er wenigstens, wenn auch klammheimlich seine erste kommunalpolitische Großtat vollbracht: In der Silvesternacht vor drei Jahren hält eine Wand eines alten Hauses im Stadtteil Orken nicht mehr stand - sie bricht ein.

Aus Sicherheitsgründen lässt die Stadtverwaltung danach jenes Gemäuer plattmachen, der staubige Steinberg bleibt zurück. Und dann passiert erst mal gar nichts mehr - bis eben Horst Schlämmer neulich den Schandfleck filmt und ins Licht der Öffentlichkeit bringt. Plötzlich geht dann alles ganz schnell, jene Baufahrzeuge rollen an.

Schließlich ist Schlämmer nicht nur stellvertretender Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatt”, sondern auch Spitzenkandidat der „HSP”, der „Horst-Schlämmer-Partei”. Bei den kommenden Wahlen will der nichts anderes als das Amt des Bundeskanzlers...

Hape Kerkeling (44), Entertainer und Schöpfer der Paradefigur „Horst Schlämmer”, hat wieder einmal ganze Arbeit geleistet: Schlämmers Wahlkampf startet in Leinwandbreite am 20. August in den deutschen Kinos - und irgendwie hat heute schon die Fiktion die Realität überholt. Zumindest in Grevenbroich.

Fragen dazu beantworten will indes keiner der beiden, weder Kerkeling noch Schlämmer: „Horst Schlämmer ist nicht zu erreichen, nicht da, Urlaub, Handy aus, aber es gibt da noch eine Pressekonferenz”, leiert Elke Krüger, die zuständige Mitarbeiterin im Berliner Pressebüro, ins Telefon. Jegliche Fragen schmettert sie ab und verweist auf die Internetseite der „HSP”, „und wenn das nicht hilft, dann eben Google”.

Von jener Aufmerksamkeit, die Schlämmer gerade entgegenschlägt, dürfen echte Parteien derweil nur träumen - auch in Grevenbroich hängen die Konterfeis der Politiker dicht an dicht.

Das also ist sie, Schlämmers Heimatstadt. Da lebt und arbeitet der Sympathieträger mit Schnappatmung. Am Morgen noch ist das Licht dort blasser als in den anderen Städten ringsherum. Die Schlote der Braunkohlekraftwerke pusten graue Wolken in den Himmel, zäh zieht sich die Landstraße ins Stadtzentrum.

32 Orte zählt Grevenbroich, knapp 65.000 Menschen leben in der „jungen Stadt auf geschichtsträchtigem Boden” (Eigenwerbung), die erst die kommunale Neuordnung 1975 zusammengewürfelt hat. Heute nennt sie sich stolz „Bundeshauptstadt der Energie” - eine Art Werbetitel ist das, den sich der (noch) amtierende Bürgermeister Axel J. Prümm (CDU) per Patent für 30 Jahre gesichert hat.

Doch bald schon soll die Kleinstadt im Rhein-Kreis Neuss am Niederrhein mehr sein als nur das - und zwar Bundeshauptstadt. „Grevenbroich ist meine Heimatstadt, obwohl isch gebürtig von Korschenbroich bin”, näselt Schlämmer oft. „Aber für Grevenbroich schlägt mein Herz. Wenn isch nach Grevenbroich komme und dat Heizkraftwerk in der Ferne sehe oder das Braunkohleabbaugebiet ... Dat is so schön, da könnt´ isch heulen.”

Prümm, der als Gastgeschenk gerne mal schwarze Kohlebrocken überreicht, ist Schlämmer für solche Sätze aufrichtig dankbar: „Horst Schlämmer hat mehr für Grevenbroich getan, als wir jemals bezahlen könnten”, sagt der 52 Jahre alte Politiker, der demnächst seinen Sessel im schmucken Rathaus räumt - nicht etwa, um Schlämmer Platz zu machen, sondern weil er es sowieso täte: „Auf meine eigene Fraktion kann ich nicht mehr zählen.” Aber das ist eben eine andere, eine viel zu reale Geschichte.

Bundesrat im Karstadthaus

Einziehen nämlich soll das deutsche Parlament unter Schlämmers Ägide ins alte Rathaus, der Bundesrat soll derweil im Karstadthaus tagen. Und die Immobilie von Josef Becker und seiner Ehefrau Marga (73) wäre dann wohl das neue Kanzlerheim: Fans der Kultfigur kennen es längst als „Schlämmer-Haus”.

Marga Becker öffnet nur zögernd die Tür, dann bittet sie: „Bloß nicht die Hausnummer verraten, ja?” In ihren vier Wänden hat sich Horst Schlämmer mal vor die Kamera gestellt, um öffentlich nach einer Braut zu suchen: „Ich sach´ immer, dat Wohnzimmer, dat is der Ausdruck der gesamten Persönlichkeit.” In jenem Episodenfilm hat das Haus als Schlämmers Eigenheim die Adresse „Amselstraße 94”, tatsächlich aber ist es ein Fünziger-Jahre-Bau mitten in der Siedlung an der Richard-Wagner-Straße.

Eine seiner Lieblingskneipen indes heißt auch in Wirklichkeit „Zum Burggrafen” und ist im Stadtteil Hemmerden zu finden. Dort erzählt Gastwirt Miroslav Cajko (62) gern von Hape und Horst, während er „Doornkaat”, einen Klaren, ausschenkt. „Beide kenne ich seit Jahren persönlich.”

Denn nicht nur in seiner Paraderolle kommt der Recklinghäuser Entertainer Kerkeling gern dorthin. „Hape isst dann immer unser Schlämmer-Schnitzel”, verrät Cajko. Das sei eine Art Jägerschnitzel. Vergeblich indes hat er sein Haus dem Kandidaten als Wahllokal angeboten. Und ob dort die Kanzlerparty nach der Kür steigt, ist ebenso mehr als fraglich.

Bei der „Neuss-Grevenbroicher-Zeitung” mag niemand mehr Schlämmer-Fragen beantworten - trotz jenes Bildes. Wegen der vielen Spaßanrufer, die nach dem „Grevenbroicher Tagblatt” fragen, heißt es, aber auch, weil man nicht länger mit einer fiktiven Figur in Verbindung gebracht werden will - vielleicht, weil inzwischen alles viel zu wirklich geworden ist in Grevenbroich. Nicht nur wegen des zackig beseitigten Schandflecks.

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