Tatort Rathaus Hürtgenwald: Beamter veruntreut Geld

Tatort Rathaus Hürtgenwald : Beamter veruntreut Geld

Ein Beamter der Gemeinde Hürtgenwald soll 672.000 Euro aus der Gemeindekasse veruntreut haben, indem er die Unterschriften von Kollegen aus der Kämmerei fälschte, wie Hürtgenwalds Bürgermeister Axel Buch (CDU) am Donnerstag erklärte. Wegen dieser jahrelangen Praxis wird sich der 39-Jährige sehr wahrscheinlich vor dem Aachener Landgericht verantworten müssen, ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Zwischen 2009 und 2017 soll der Beamte 625 Mal Geld veruntreut haben, 612.000 Euro waren es im strafrechtlich relevanten Zeitraum von 2013 bis 2017. Die Taten vor 2013 sind verjährt. Die Staatsanwaltschaft Aachen wirft dem 39-Jährigen in der 100-seitigen Anklageschrift gewerbsmäßige Untreue im Amt, gewerbsmäßige Fälschung von beweiserheblichen Daten im Amt und Urkundenfälschung im Amt vor. „Der Angeklagte hatte nicht nur eine Strategie und nur eine Masche, er hatte mehrere, um an Konsumgüter und Bargeld zu gelangen“, sagt Staatsanwalt Jost Schützeberg. „Das zeigt eine erhebliche kriminelle Energie.“

Seine mutmaßliche kriminelle Energie hat der Mann, der seine Ausbildung bei der Gemeinde 2002 abgeschlossen hatte und seitdem im Rathaus in verschiedenen Abteilungen tätig war, am Computer eingesetzt. Über eine Plattform im Internet habe der Mann zahlreiche Konsumgüter bestellt. Unter anderem etliche iPhones, iPads, Fernseher, Pfannen, Computer-Software, einen Weihnachtsbaum — und ein Motorrad im Wert von 5600 Euro. Seine Bestellungen habe der Angeklagte sich nach Hause liefern lassen, die online versandte Rechnung habe er dann gefälscht, indem er seine eigene Anschrift mit der der Gemeindeverwaltung ersetzte. Außerdem habe der Beamte aus den gelieferten Konsumgütern auf den Rechnungen Parkbänke, Spielgeräte, Mülleimer oder ähnliches gemacht — so schöpfte niemand in der Kämmerei Verdacht.

Die Rechnungen hat die Gemeinde allesamt mit Steuergeldern beglichen. Denn bis auf den Beamten habe nur eine weitere Person die Rechnungen gesehen, erklärte Bürgermeister Buch. Die Person wiederum prüfe lediglich die Rechnung, nicht aber, ob die bestellte Ware auch geliefert wurde. Diesen Schritt habe der Mann übergangen, in dem er die Unterschriften jener Prüfer fälschte.

Simple Masche

Mit gefälschten Rechnungen ist der Mann auch an eine höhere Summe Bargeldes gelangt. Wie viel Geld genau, konnte Staatsanwalt Schützeberg am Donnerstag nicht beziffern. Die Masche des Beamten erscheint dabei wieder simpel: Der 39-Jährige habe Rechnungen von existierenden Baufirmen als Vorlage genommen, sich Dienstleistungen ausgedacht, die originale Kontonummer wechselweise gegen seine und die eines Bekannten ausgetauscht — die Rechnungen wurden wieder abgesegnet und beglichen. Der Bekannte überwies dem Angeklagten dann die Summe. Gegen den Bekannten wurde ebenfalls ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Bei der dritten Masche erscheint es am unglaublichsten, dass der Betrug nicht viel früher aufgeflogen ist: Laut Schützeberg hat der Beamte die „Dorfgemeinschaft Gey“ gegründet. Gey ist einer von 13 Gemeindeteilen Hürtgenwalds, in dem 1800 Menschen leben. Im Namen der fiktiven Dorfgemeinschaft habe der Angeklagte ebenfalls Dienstleistungen vorgetäuscht, Rechnungen manipuliert und diese an die Gemeinde weitergeleitet — und das Geld auf das Konto seiner Frau überweisen lassen. Auch gegen die Frau und weitere Familienangehörige laufen noch Ermittlungen, sagte Schützeberg. „Gegen andere Mitarbeiter der Gemeinde besteht dagegen kein Anfangsverdacht auf eine Straftat.“ Der Rechtsanwalt des Beamten hatte erklärt, sein Mandant leide unter Kaufsucht.

Urkunden gefälscht hat der 39-Jährige laut Anklageschrift auch: Hin und wieder stellte er sich selbst Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus.

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