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Recycling-Beton: Bauen soll zur Kreislaufwirtschaft werden

Recycling-Beton : Bauen soll zur Kreislaufwirtschaft werden

2016 haben die Deutschen so viel Bauabfall produziert, wie in keinem der 13 Jahre zuvor: rund 223 Millionen Tonnen. Zwar werden knapp 90 Prozent aller mineralischen Bauabfälle – also zum Beispiel Beton und Mauerwerk aus dem Rückbau – bereits wiederverwertet, meist aber nur in minderwertigerer Form: Der Schutt abgerissener Häuser und aufgerissener Straßen wird vor allem zur Verfüllung verwendet – also „downcycelt“.

Im Rheinischen Revier können die Bauabfälle aufgrund der Nähe zu den Wasserschutzgebieten des Rheins oft nicht einmal für diese Zwecke benutzt werden. Und für den Tiefbau verwenden die meisten Baufirmen ohnehin lieber Primärbaustoffe.

Die Baubranche ist der größte Verbraucher von mineralischen Rohstoffen wie Sand und Kies, 40 Prozent des gesamten globalen Ressourcenverbrauchs fallen laut Deutscher Bundesstiftung Umwelt (DBU) im Bausektor an. Und auch wenn die globale Sandknappheit in NRW aktuell noch keine Rolle spielt, so kann von den Flächen oft nicht mehr ohne Weiteres abgebaut werden. Ein weiterer Grund, Baumaterialien in eine Kreislaufwirtschaft zu bringen: Bundesweit gehen die Laufzeiten von immer mehr Mülldeponien ihrem Ende entgegen. Laut Statistischem Bundesamt droht künftig ein Mangel an Mülldeponien.

Ein Projekt aus Jülich soll dafür sorgen, dass wertvolle Ressourcen künftig so aufbereitet werden, dass sie in gleich- oder sogar höherwertige Baumaterialen neue Verwendung finden können. Für das Re- beziehungsweise Upcycling von Beton und Mauersteinen haben Matti Wirth und Magdalena Zabek von der Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ehemals Innovationsregion Rheinisches Revier) zusammen mit weiteren Projektbeteiligten die Grundlagen für ein neuartiges Aufbereitungszentrum erarbeitet. Den Kern bildet eine Anlage, die mechanische Methoden zur Reinigung, Sortierung und Zerkleinerung mit einer neuen Sensorik, die gemischte Stoffe wieder trennen kann. Findet sich eine Firma, die die Anlage bauen will, soll in einem ersten Schritt Reclycling-Beton hergestellt werden. Der wird in Süddeutschland bereits von einigen Firmen hergestellt, in Nordrhein-Westfalen wurde er bisher weder produziert noch im Bau eingesetzt. Ein erstes Bauprojekt, in dem man das Produkt verwendet, wird seit Oktober in Eschweiler-Dürwiß realisiert.

Entwicklung der Region

Ganzheitliches Konzept für die Bauwirtschaft entwickelt: Matti Wirth und Magdalena Zabek. Foto: IRR GmbH

Die Potenzialstudie zur Umsetzung des Konzepts wurde im Rahmen des dreijährigen Projekts „Kreislaufwirtschaft Bauen“ vom Soester Beratungsunternehmen Bimolab gGmbH und der Gutachterin Anette Müller (Weimar) erstellt. Noch bis Ende des Jahres erforschen die gelernten Architekten Wirth und Zabek im Auftrag der Zukunftsagentur, wie ein vollständiger Kreislauf in der Baustoffwirtschaft im Rheinischen Revier aussehen kann.

Mit der Standortwahl im Rheinischen Revier will man die Entwicklung im lokalen Bausektor samt der Schaffung damit verbundener Arbeitsplätze unterstützen sowie möglichst heimische Ressourcen nutzen. Die Projektverantwortlichen rechnen mit 1 500 000 bis 1 800 000 Tonnen Materialaufkommen im Kernbereich der Zukunftsagentur. Davon können bis zu 300 000 Tonnen mit der neuen Anlage zu mehr als 95 Prozent wieder zu Baumaterial verarbeitet werden, sagt Wirth. Erhebliche Mengen Betonbruch in guter Qualität werden zum Beispiel beim Rückbau eines Großkraftwerks bei Grevenbroich anfallen. Ganz ohne Primärrohstoffe kommt man aber auch bei der Herstellung von Recycling-Beton nicht aus: Vorgeschrieben ist ein maximaler Anteil an Recycling-Stoffen von 45 Prozent, für den Rest wird Zement und Kies beziehungsweise Sand benötigt. 

Ganzheitlicher Ansatz

Zwar bezeichnet der Projektleiter seine Studie als „eher kleines Projekt“, das hat aber doch einen ganzheitlichen Ansatz im Blick: Da die Bau-Industrie laut DBU global für 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist, wurde bei der Wahl des Modell-Standorts auch die Länge der Transportwege berücksichtigt und der Betrieb der Anlagen mit erneuerbaren Energien empfohlen.

Mit einer Standortempfehlung für den Raum zwischen den Ballungszentren Düsseldorf/Neuss, Köln, Mönchengladbach und Aachen soll gewährleistet werden, dass der zu verwertende Bauschutt auf möglichst kurzem Weg in die Recyclinganlage gelangt. Die Projektverantwortlichen haben bereits interessierte Unternehmen zusammengebracht, die ein neues Aufbereitungszentrum umsetzen könnten, berichtet Wirth. „Parallel dazu haben wir mit Hilfe der FH Aachen Ideen für den Transport mithilfe erneuerbarer Energien gesammelt.“ So werde es sich beispielsweise schon bald rentieren, Biogas-betriebene Lastwagen für den Transport zu nutzen.

Auf lange Sicht sind dann auch andere Recycling-Produkte denkbar. Neben der Herstellung von Mauersteinen ist auch die Gewinnung von Vegetations-Substraten aus ehemaligen Ziegeln möglich. „Selbst aus Feinpartikeln, also Körnungen unter zwei Millimetern, können wieder Bauprodukte hergestellt werden“, erklärt der Projektleiter. Ein weiterer Weg zu nachhaltigerem Bauen könnten Bauteile wie Träger oder Stützen sein, die nach einem Baukastenprinzip nach dem Abriss eines Hauses in einem Neubau wiederverwendet werden. Die Verwertung bereits vorhandener Bauabfälle soll also nur ein erster Schritt sein. Auf dem Weg zu einer erweiterten Kreislaufwirtschaft wollen die Projektverantwortlichen zukünftig auch Empfehlungen für nachhaltiges Bauen liefern.