Aachen: Basis vermisst Respekt von ihrem Bischof

Aachen : Basis vermisst Respekt von ihrem Bischof

Eine gute Idee, aber ein schlechtes Verfahren. So lassen sich zahlreiche Reaktionen über den von Bischof Helmut Dieser angestoßenen Gesprächs- und Veränderungsprozess im Bistum Aachen zusammenfassen. Darüber hinaus gibt es weitere Entwicklungen, an denen sich Kritik entzündet.

Vermisst wird Transparenz bei der Auswahl derjenigen, die diesen Prozess inhaltlich gestalten und lenken sollen. Die Teilnehmer der Lenkungsgruppe, die den Prozess koordinieren soll, sind längst ernannt. Dieses Gremium wird nach Aussage von Generalvikar Andreas Frick dem Bischof Vorschläge unterbreiten, wer an den Gesprächskreisen zu Schwerpunktthemen wie Katechese, Diakonie, pastorale Dienste oder Pfarrstruktur teilnehmen soll.

Jede(r) Interessierte kann sich ab Anfang April auf der Homepage www.heute-bei-dir.de bewerben. Wer letztlich dabei ist, entscheidet der Bischof. „Die Kriterien für die Auswahl derjenigen, die an den Gesprächsgruppen teilnehmen, sind nicht bekannt“, sagt Holger Brantin, Vorsitzender des Aachener Katholikenrates. „Wer hat eine Chance, teilzunehmen? Das ist völlig unklar.“

Diesers „Heute bei dir“-Kampagne begrüßt Brantin ausdrücklich. Aber auch dabei kenne man die Auswahlkriterien nicht. „Der Bischof behält sich vor, wer mit ihm in Dialog tritt.“ Frick fasst die Gespräche, die er, der Bischof und die Weihbischöfe an Küchentischen von Menschen, die dazu eingeladen haben, führen, sowie die ersten großen Foren unter anderem im Energeticon in Alsdorf so zusammen: „tolle Gespräche, neue Leute, gute Ideen, kritische Fragen, ein guter Austausch“.

Josef Voß, Pfarrer von St. Laurentius, St. Martinus und St. Heinrich im Nordwesten Aachens, von 2008 bis 2013 Aachener Regionaldekan, kritisiert, dass der synodale Prozess „von der Chefetage vorgegeben wurde, ohne die Gremien zu beteiligen und ohne die Basiskompetenz zu nutzen. Das ist der wunde Punkt, auch wenn der Bischof natürlich das Recht hat, das zu tun.“

Voß hält den Gesprächs- und Veränderungsprozess im Prinzip für richtig. „Es ist gut, dass sich unser Bischof an die Öffentlichkeit wendet, dass er viele erreichen will. Das hatte ich nicht erwartet von ihm.“ Aber er ist skeptisch: „Es wird kaum gelingen, die Menschen die kritisch sind, die sich von der Kirche entfernt haben, zu erreichen. Die Kirche hat sich vom Alltag der meisten abgekoppelt. Das ist tragisch.“

Deshalb begrüßt Voß ausdrücklich, dass Diesers Dialoginitiative sich an alle Interessierten richtet. „Aber er wird diese Leute nicht bekommen.“ Voß sieht allenfalls eine kleine Chance dafür. Der 86-jährige Hermann van den Berg, der nach wie vor als Priester in der Herzogenrather Pfarre St. Josef aktiv ist, äußert sich ähnlich skeptisch: „Es fehlt das Interesse an der Kirche. Der Prozess wird kaum gelingen.“

Die Kommunikation

„Die Leute sind sehr skeptisch“, sagt Lutz Braunöhler, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken. „Gremienvertreter, die sich seit vielen Jahren engagieren, fühlen sich nicht wertgeschätzt.“ Amtskollege Brantin stimmt dem zu: „Die sich engagieren, werden übergangen. Das ist frustrierend.“ Seit Jahren setzten sich Laien mit hoher Intensität und in kontinuierlichen Projekten für Arbeitslose, Flüchtlinge, Asylbewerber, Alte, die Ökumene ein.

Wie der Bischof das beurteile, wisse man nicht. In seiner Dialoginitiative seien diese Themen bislang auch nicht zu erkennen. „Darüber wollen wir mit ihm sprechen. Bisher sagt er gar nichts dazu. Wir haben Bischof Dieser sehr früh um ein Gespräch gebeten, aber das hat bis heute nicht stattgefunden“, sagt Brantin. „Wir sind sehr enttäuscht.“ Van den Berg kritisiert, dass die Gewählten in den Räten von der Bistumsleitung nicht ernstgenommen würden. „Diese Leute opfern ihre Freizeit für die Kirche. Sie müssen respektiert werden.“

Die „AnsprechBar“

Dem ausdrücklichen Anliegen des Bischofs, Fernstehende zu erreichen, widerspreche das von der Bistumsleitung dekretierte Ende des Projekts „AnsprechBar“, moniert Brantin. Der Priester Hans-Georg Schornstein hatte damit in einem Aachener Café ein unkonventionelles Angebot gemacht. „Das muss weitergeführt werden; es hat deshalb viele Briefe an Bischof Dieser gegeben und auch eine Unterschriftenaktion — bisher ohne jeden Erfolg.“ Die Katholikenräte vermissen auch in diesem Fall den nötigen Respekt vor dem Engagement.

Der Führungsstil

Zahlreiche Haupt- und Ehrenamtler stoßen sich an einem betont auf den Bischof ausgerichteten zentralistischen Führungsstil und insbesondere an dem von Dieser eingeführten Bischofsrat, dem der Bischof, die beiden Weihbischöfe und der Generalvikar angehören. Der Vorwurf lautet: Dort würden alle maßgeblichen Entscheidungen getroffen, während die Führungskräfte im Generalvikariat an Einfluss verloren hätten.

Frick entgegnet, dass Bischof Dieser sich in mannigfacher Weise und intensiv berate mit ihm, den Weihbischöfen, aber auch mit den Hauptabteilungsleitern des Generalvikariats, den Regionalvikaren und vielen anderen Verantwortlichen im Bistum. „Der Bischof tut nichts, was er nicht vielfältig beraten hat.“ Das beginne in dem kleinen Kreis des Bischofsrats.

Das Fazit

„Die Auffassung, das Bistum müsse kernsaniert werden, ist falsch. Dafür geschieht hier zu viel Gutes“, sagt Brantin. „Wir wollen keine Fronten, aber einen anderen Umgang miteinander.“

Kritik ist massiv und wird auch gegenüber unserer Zeitung nicht nur von einzelnen, sondern von vielen Haupt- und Ehrenamtlichen im Bistum geübt: ein intransparenter Veränderungsprozess an den eigenen engagierten Leuten vorbei, Abkehr von demokratischen Verfahren und eine neue Form straffer Führung des Bistums nicht zuletzt durch den Bischofsrat... Voß kennt das gesamte Spektrum; aufgrund all dessen seien viele Priester „wirklich negativ eingestellt. Die Stimmung ist leider niedergeschlagen.“

Van den Berg sieht es nicht anders: „Ich bin noch keinem Priester begegnet, der sagt: ‚Gut, was Bischof Dieser macht!‘ Sie fühlen sich zurückgesetzt und nicht ernstgenommen.“ Ihre Erfahrung spiele offensichtlich keine Rolle mehr.