Aachen: Bahnhofsmission: Wer hilft den Helfern?

Aachen: Bahnhofsmission: Wer hilft den Helfern?

Unter dem Motto „es gibt nichts, was es nicht gibt“ ist Elke Dibba-Schreiber, Leiterin der Bahnhofsmission Aachen, zusammen mit ihrem engagierten 24-köpfigen Team aus Ehrenamtlern im Alter von 17 bis 77 Jahren an Gleis 1 ein Fels in der Brandung.

„Unsere Arbeit wird dringend gebraucht, immer mehr und immer bedürftigere Menschen kommen zu uns“, sagt sie, die als einzige eine Festanstellung dort hat.

Elke Dibba-Schneider leitet die Bahnhofsmission Aachen. Foto: Stephan Rauh

Die ökumenisch geführte Einrichtung, die vom Diakonischen Werk im Kirchenkreis Aachen und dem katholischen Verband In Via Aachen getragen wird, muss zunehmend mit den Finanzen ringen. Renate Weidner (Diakonisches Werk) und Gabriele Jülich (In Via) sind sich einig: „Die Kosten steigen und die Spenden, mit denen wir die Einrichtung führen können, sind rückläufig. Wir benötigen dringend finanzielle Unterstützung.“

„Wir brauchen Kontinuität“

Vor Ort hat man für die Bahnhofsmission wiederholt einen Finanzierungsantrag bei der Stadt gestellt — bisher aber keinen Haushaltstitel erreicht. Für 2014 werden den Trägern aus Stiftungsmitteln der Stadt 30.000 Euro zur Verfügung gestellt, doch das ist eine einmalige Summe. Die Differenz zu den jährlich notwendigen 100.000 Euro müssen Diakonisches Werk und In Via gemeinsam aufbringen. „Für 2015 wird die Luft wieder sehr dünn“, sagt Renate Weidner. „Wir brauchen dringend eine Kontinuität, eine fest verankerte Finanzierung.“

Auch die Arbeit mit Ehrenamtlern funktioniert nicht ganz ohne Geld. Fortbildung, Dienstkleidung, Fahrtkosten, all das muss sein. Ohne Freiwillige geht nichts. Da ist zum Beispiel Karl-Heinz Bosse, der aufgrund eines Bandscheibenschadens nicht mehr als Metzger arbeiten kann. „Die ehrenamtliche Arbeit war sehr neu, aber zugleich beglückend für mich“, nickt er. „Aber es ist wichtig, etwas für Leute zu tun, die im Leben wirklich Pech hatten.“

Oder Elke Mouchard, die in der Küche der Bahnhofsmission schon so manchen Kaffee ausgeschenkt hat. Der finanziellen Unsicherheit steht das breite Spektrum der geleisteten Hilfen entgegen, die sich nicht allein auf die Begleitung von gebrechlichen Reisenden beschränkt. Bahnhofsmission — was tut sie heute? Man genießt das Vertrauen von Menschen mit Problemen, die aus mancherlei Gründen vor Vertretern anderer Institutionen eine Scheu haben — da kann es zum Beispiel sein, dass eine Haftstrafe angetreten werden muss. „Es ist gar nicht so selten, dass man uns bittet, in einem der Schließfächer persönliche Dinge aufzubewahren“, berichtet Elke Dibba-Schreiber, die sehr genau nachschaut, denn Drogen, Waffen, Lebensmittel und vermutete Hehlerware dürfen nicht ins Fach.

Seelsorgerisch geschult

Die erfahrene Sozialarbeiterin, die als Diakonin gleichfalls seelsorgerisch geschult ist, wird häufig um ein Gespräch gebeten von jenen, mit denen kaum jemand sprechen mag. Häufig hat sie es mit Stammkunden zu tun — eine ältere wohnsitzlose Frau etwa aus Eupen, die alle drei Wochen vorbeikommt, ihre Kleidung wechselt, sich ausruht. Waren es früher zehn bis 15 Menschen, die an einem Tag bei der Bahnhofsmission Hilfe gesucht haben, sind es inzwischen bis zu 70 Klienten — viele von ihnen obdachlos und wohnsitzlos auf Wanderschaft, andere, besonders Frauen, auf der Flucht vor Gewalt. Ihre Zahl steigt, eine oft unterschätzte Not.

„Wohnsitzlose Frauen werden häufig in die Prostitution gedrängt, nur, weil sie einen Schlafplatz brauchen“, weiß die Leiterin der Bahnhofsmission. „Die städtischen Einrichtungen für Obdachlose sind Frauen kaum zuzumuten.“ Kontakte zu den Hilfsstellen der Stadt hat sie alle parat, stellt, wenn nötig Vermittlungszettel aus. Wo sie es für richtig hält, wird sogar jemand begleitet. International wird es in der Bahnhofsmission, wenn der Thalys hält und plötzlich ein paar Reisende aus osteuropäischen Ländern hilflos auf dem Bahnsteig herumstehen. Bevor die Bundespolizei im Einsatz ist, sorgt die Bahnhofsmission für ein gutes Wort und einen Kaffee. „Wir sind ja nie allein, die Beamten geben uns Sicherheit“, betont Elke Dibba-Schreiber. Ihre Sorge gilt jenen, an denen die meisten vorbeilaufen.

Da kann es sein, dass jemand betrunken erscheint, in Wirklichkeit aber einen epileptischen Anfall hat. Nicht immer sind es die Ärmsten, die Hilfe brauchen. So klingelt auch schon mal jemand, der zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, bei der Anfahrt aber einen Knopf an der Jacke verloren hat.

Oder es sind Kinder, die viel zu jung zum Alleinreisen erscheinen — häufig Ausreißer. Regelmäßig unternehmen die Mitarbeiter Rundgänge im Bahnhofsbereich und schauen genau hin — etwa auf den älteren Mann, der täglich auf einer Bank auf dem Vorplatz saß, bei Sonne und Regen. „Er hatte seine Frau verloren und hielt es zu Hause nicht aus“, erzählt Elke Dibba-Schreiber. Nach und nach fasste er Vertrauen und erzählte seine Geschichte. Inzwischen trifft er sich auf Vermittlung der Bahnhofsmission mit gleichfalls verwitweten Menschen in einer Selbsthilfegruppe.

Alle Mitarbeiter der Bahnhofsmission sind geschult. Sie erkennen medizinische Notfälle, wissen, wie sie mit psychisch auffälligen Menschen umgehen müssen, haben Konflikt minderndes Verhalten trainiert. Grunderkenntnis bei allen: „Jeder Mensch möchte wahrgenommen werden.“ Im Team arbeitet man auf Augenhöhe. Jeden zweiten Mittwoch im Monat gibt es einen Treff unter einem besinnlichen Motto, einmal im Monat nur für Frauen. Und wenn jemand ganz besonders unruhig und unglücklich erscheint, kann er malen — Mandalas. Die Formen sind schon vorgegeben, die Farben beruhigen.

Im wohnlichen Aufenthaltsraum stapeln sich inzwischen die Kartons. „Eine unerwartete Spende, ganz selten für uns“, lächelt Elke Dibba-Schreiber, während draußen die Lautsprecherdurchsagen hallen und Züge vorbeirauschen. „Jetzt müssen wir die Sachen nach Größen sortieren.“ Was in den Kartons steckt ist grün — hochwertige Jacken und Pullover, sogar lange warme Unterhemden, vormals Dienstkleidung der Polizei, die den Uniformwechsel vollzogen hat — jetzt trägt man Blau. Dienstliche Applikationen wurden entfernt.

„So haben wir gute Kleidung für Leute, die frierend zu uns kommen“, sagt die Leiterin der Bahnhofsmission, die kaum etwas aus der Ruhe bringen kann.

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