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Aachen: Badetote: Wenn die Wucht des Wassers unterschätzt wird

Aachen : Badetote: Wenn die Wucht des Wassers unterschätzt wird

Einige waren fast bis zum Sonnenaufgang geblieben, nach einem heißen Tag hatten sie die warme Nacht am Liblarer See bei Erftstadt durchgefeiert. Nach der Feier, um 5 Uhr morgen, beschloss eine Gruppe von Männern, noch kurz in den See zu springen. Einer von ihnen, ein 36 Jahre alter Mann aus Kerpen, tauchte nicht wieder auf.

Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) führt eine Statistik über die Menschen, die jährlich in den Flüssen und 12.000 Seen in Deutschland ertrinken: 2013 waren es 446, 50 davon in Nordrhein-Westfalen, 2014 waren es 392 (49 in NRW), und in den wenigen heißen Tagen dieses Jahres berichteten die Nachrichtenagenturen bundesweit bereits von 23 Ertrunkenen. Allein in NRW waren es zwölf, auch Kinder sind darunter.

„Es liegt sehr häufig an der mangelnden Schwimmfähigkeit der Betroffenen“, sagt Achim Wiese von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Laut einer Statistik der DLRG kann inzwischen jedes zweite Kind im Alter von zehn Jahren nicht oder nicht richtig schwimmen, 25 Prozent der Grundschüler haben gar keinen Schwimmunterricht, weil Grundschulen häufig keinen Zugang zu den Schwimmhallen haben, sagte Wiese auf Anfrage unserer Zeitung. „In NRW ist das dramatisch.“ Und selbst dort, wo es möglich wäre, Jugendlichen das Schwimmen beizubringen, gibt es Probleme: „Häufig sind Lehrkräfte fachfremd. Den klassischen Sportlehrer gibt es da kaum noch.“ Dabei gebe es gerade in NRW Bemühungen der Landesregierung, den Schulsport — auch das Schwimmen — zu fördern. Doch selbst zehn Schwimmstunden und das Erwerben des Seepferdchen-Abzeichens bedeuten nicht, dass jemand schwimmen kann.

Hinzu kommt in diesem Jahr verstärkt noch ein anderes Problem: Viele der Flüchtlinge, die im Moment zu Hunderttausenden nach Deutschland kommen, können gar nicht oder nur schlecht schwimmen. Im Emmeringer See in Bayern ertranken in den vergangenen Wochen unter anderem ein 23-jähriger Eritreer und ein 31-jähriger Afghane fast an derselben Stelle, Ende Juni starb ein 19-jähriger Senegalese in einem Baggersee bei Göttingen.

Zu mangelndem Schwimmvermögen vieler Menschen kommt oft noch „Alkohol, Leichtsinn und Unwissenheit, die das Unfallrisiko steigern“, sagt Wiese. So könne schon eine Fließgeschwindigkeit von neun Stundenkilometern, also doppeltes Schritttempo, einen Menschen mitreißen. Wo Buhnen — Vorbauten in Gewässern — die Fließgeschwindigkeit mindern, ist das Wasser relativ ruhig. „Oft spielen Kinder in diesen Bereichen, in denen es ja auch nicht so gefährlich ist“, erklärt Wiese. „Aber man muss sich eine Grenzlinie vorstellen, hinter der es wieder gefährlich wird, Eltern achten oft nicht darauf.“

Die Wucht des Wassers wird auch von Erwachsenen häufig unterschätzt. Wer lange Zeit in der Sonne gelegen hat und schließlich zum Wasser läuft, um sich abzukühlen, mutet seinem Körper eine Menge zu, der Kreislauf versagt. „Da kann auch ein 19-Jähriger schon einen Herzinfarkt bekommen“, sagt Wiese. Wo Menschen zusätzlich dehy­driert sind, weil sie zu wenig oder (wie nach den Regeln des muslimischen Fastenmonats Ramadan) tagsüber gar nichts trinken, steigt zusätzlich die Gefahr, dass der Körper das nicht aushält, der Betroffene ins Wasser eintaucht, absackt und stirbt.