Düsseldorf/Aachen: Babygebärden: Wenn Kinder erste Zeichen geben

Düsseldorf/Aachen : Babygebärden: Wenn Kinder erste Zeichen geben

Als die kleine Josie mit elf Monaten an einem Frühlingstag am Fenster sitzt und draußen die Vögel beobachtet, ist es endlich soweit. Sie schaut zu ihrer Mutter Jennifer B., hebt die rechte Hand und legt den Zeigefinger auf den Daumen. Schon seit das Kind vier Monate alt war, hat ihre Mutter ihr zusätzlich zum Sprechen einzelne Gebärden gezeigt — doch an diesem Tag gebärdet Josie zum ersten Mal selbst: Vogel bedeutet die Geste. Und es wird nicht ihre letzte sein.

Baby-Sign oder Babygebärden nennt sich die Idee, die in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden ist.

Piktogramme von den Gebärden gibt es auf der Internetseite www.sprechende-haende.de.

Schon nach wenigen Monaten fangen Eltern an, den Kindern beim Sprechen Gebärden zu zeigen, irgendwann — so die Hoffnung — gebärden die Kinder zurück und fangen so an, zu kommunizieren. Denn offenbar können Babys schon verstehen und sich äußern, lange bevor sie körperlich in der Lage sind, mit ihrem Mund Wörter zu formen und sich zu artikulieren.

Jennifer B. hat bei ihrer Tochter mit Alltagsgebärden angefangen. Mama, Papa, trinken, schlafen, Puppe — und eben Vogel waren erste Wörter, die die Mutter der Kleinen gezeigt hat. „Wörter, die beim Spielen oder in der täglichen Routine vorkommen“, sagt die Düsseldorferin. Sie selbst hat viel Erfahrung mit der Zeichensprache: Sie ist Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache (DGS). Aber auch für unerfahrene Eltern gibt es Kurse in Baby-Sign, denn dabei geht es nicht darum, perfekt in DGS zu sein, sondern dem Kind durch einzelne Gesten zu helfen, sich verständlich zu machen.

Und das kann große Vorteile haben — wie Jennifer B. zu berichten weiß. „Josie ist mittlerweile zweieinhalb und hatte bisher nie so eine schlimme Trotz- oder Wutphase“, sagt die junge Mutter. „Sie war einfach schon sehr früh in der Lage zu äußern, was sie braucht, ohne dass ein bestimmter Gegenstand in der Nähe war, auf den sie deuten konnte.“ In der Familie wurde das Kind nicht nur von seiner Mutter verstanden. Auch Vater und Großeltern lernten jedes neue Wort, das Josie benutzte, mit — und waren begeistert, welche Rückmeldung sie von der Kleinen bekamen.

Nach dem Wort Vogel war Josies zweite Gebärde mit elf Monaten „Zähne putzen“. Das sei für die Mutter besonders spannend gewesen. Denn Josie zeigte diese Geste nach dem Brei am Abend. „Wir haben also gemerkt, dass sie in dem Alter schon ihren Tagesablauf verstanden hat.“ Das Gebärden hat den Eltern einen Blick in die Gedankenwelt ihrer Tochter ermöglicht.

Diese Erfahrung hat auch Lars Wilhelm gemacht. Er hat nicht nur privat, sondern auch beruflich mit Gebärdensprache zu tun. Er arbeitet am Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Gestik „SignGes“ der RWTH Aachen. Zudem ist er selbst schwerhörig und hat mit seiner nahezu gehörlosen Frau einen ähnlich hörgeschädigten Sohn. Der ist zweieinhalb Jahre alt. „Nichts ist spannender als die ersten Gedanken und Wünsche eines Kindes zu verstehen“, sagt er.

Doch er sieht auch den professionellen Aspekt an der Sache. „Das Kind steht im Zentrum mit seinen Fähigkeiten und Interessen. Eltern tun gut daran, zu beobachten und ein vielfältiges Angebot zu machen. Das Kind wählt aus dem gemachten Angebot mit aus und entwickelt seine Fähigkeiten weiter“, sagt er.

So verhält es sich auch mit dem Gebärden. Die einen Kinder seien motorisch stark, andere sprachlich schneller. Mit den Kindern so schon viel früher interaktiv kommunizieren zu können, sieht er als Chance. „Kinder können mit Gebärden bereits früher das ausdrücken, was sie auch passiv bereits verstehen“, sagt er.

Doch wenn die Kinder merken, dass sie mit Gebärden weiterkommen — kann das nicht ihre lautsprachliche Entwicklung verlangsamen? Lars Wilhelm hat dazu eine klare Meinung: „Die ganze Welt spricht. Die Gebärdensprache hätte nie den Hauch einer Chance, die Lautsprache zu verdrängen oder zu verzögern.“ Er geht sogar noch weiter: „Ich glaube im Gegenteil, dass die Gebärdensprache sogar für die Lautsprachentwicklung förderlich ist.“

Für diese Aussage hat Mutter Jennifer B. ein Beispiel aus ihrer Erfahrung mit Josie. Als die angefangen habe zu sprechen, sei es vorgekommen, dass die Eltern sie noch schlecht verstanden haben. Also griff das kleine Mädchen zur Gebärde. „Die habe ich dann erkannt und konnte das Wort noch einmal laut wiederholen. Josie hatte also eine positive Rückmeldung und wurde im Sprechen sicherer“, sagt die Mutter. Auch jetzt ist ihr Eindruck, dass ihr Kind sprachlich schon recht fit ist. Ob das am Gebärden liegt oder ob Josie ein Talent dafür hat, weiß Jennifer B. natürlich nicht.

Mittlerweile gebärden die beiden immer weniger, denn Josie lernt mehr und mehr sprechen. „Wenn es laut ist oder sie nicht sofort Aufmerksamkeit bekommt, kommt es aber immer noch vor.“ Das Kind habe das Gebärden als Kommunikationsmittel erkannt und verinnerlicht — und es macht ihr viel Spaß.

„Für kleine Kinder ist das Visuelle immer faszinierend“, sagt die Mutter. Das zeige sich auch bei vielen Spielen, die in Kita oder Kindergarten gespielt werden — da gehe man oft über Hand- und Fingerbewegungen.

Josie habe die Mutter gerne beim Gebärden beobachtet und dann, als die erste Hürde genommen war und auch ihre Handmotorik sicherer wurde, nachgeahmt.

Ob das nun am Charakter des Mädchens liegt oder an der neuen Methode, kann Jennifer B. vielleicht bald herausfinden. Ende des Jahres bekommt sie ein zweites Kind. Und mit dem will sie auf jeden Fall auch Gebärden.