Kerpen: Autor Ahmet Özdemir wirbt mit Kinderbuch „Ali und Anton“ für Integration

Kerpen: Autor Ahmet Özdemir wirbt mit Kinderbuch „Ali und Anton“ für Integration

Eigentlich hatte Ahmet Özdemir alle Voraussetzungen, um im deutschen Bildungssystem schlechte Karten zu haben: Kind türkischer Einwanderer, dunkle Haare, dunkle Augen, schlechte Deutschkenntnisse. 1963 kommen Özdemirs Eltern nach Deutschland, genauer gesagt nach Baesweiler. Der Vater findet Arbeit als Bergmann in der „Grube Anna“ in Alsdorf, die Mutter ist Hausfrau. Zu Hause wird nur Türkisch gesprochen.

Bei den Hausaufgaben helfen oder bei Schwierigkeiten Kontakt mit der Schule aufnehmen, können die Eltern nicht. Sie sprechen kein Deutsch.

Als Özdemir auf dem Schulhof Streit mit einem anderen Kind hat, verpasst die Direktorin der Grundschule ihm eine Ohrfeige. „Sie hat sich nicht getraut, das deutsche Kind zu schlagen, denn dessen Eltern hätten sich bestimmt beschwert“, glaubt Özdemir. Als er einmal eine Mathematik-Aufgabe nicht versteht und mehrmals nachfragt, sagt der Lehrer zu ihm: „Geh doch dahin zurück, wo du hergekommen bist.“ Anderssein, Ausgrenzung, Intoleranz: Es sind diese Erfahrungen, die Özdemir schildert, wenn man ihn nach seiner Kindheit fragt. „Ich war immer der Ausländer, der, der anders aussieht.“

Es sind wohl diese eigenen prägenden Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass Özdemir das Thema Integration zu seinem Lebensthema, seiner persönlichen Mission, wie er es ausdrückt, gemacht hat und nun sogar ein Kinderbuch zum Thema veröffentlicht hat. Özdemir hat trotz aller Hürden einen Bildungsweg hingelegt, der in Deutschland für Kinder türkischstämmiger Eltern längst nicht selbstverständlich ist. Laut Datenreport 2016 des Statistischen Bundesamtes erwerben nur acht Prozent der Schüler mit türkischstämmigem Migrationshintergrund einen akademischen Abschluss — in Familien ohne Migrationshintergrund sind es hingegen 24 Prozent.

Özdemir gehört zu diesen acht Prozent: Nach dem Realschulabschluss macht er eine Ausbildung zum Physiklaborant. Auf dem zweiten Bildungsweg holt er am Euregio-Kolleg in Würselen sein Abitur nach und studiert danach an der RWTH Aachen Kommunikationswissenschaften. Heute arbeitet Özdemir, der mittlerweile mit seiner Frau und zwei Töchtern in Kerpen lebt, als Marketingmanager, ist Dozent für Marketing an zwei Fachhochschulen — und Buchautor.

„Ali und Anton — Wir sind doch alle gleich“ heißt sein erstes Kinderbuch. Nach dem Erfahrungsbericht „Irritiert statt integriert“ ist es sein zweites Buch — und wieder geht es um das Thema Integration. „Integration bleibt auch heute noch zu oft auf der Strecke“, sagt der 42-Jährige. „Ausgerechnet jetzt in einer Zeit, in der die AfD immer stärker wird und aufgrund der Flüchtlingskrise immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund in den Schulen sind.“ Schon in den Kitas müsse das Thema behandelt werden, fordert Özdemir. „Dort muss man ansetzen, damit Vorurteile in den Köpfen erst gar nicht verfangen.“

Die Geschichte, die Özdemir in „Ali und Anton“ erzählt, ist so simpel wie einprägsam: Während sich die Kindergartenkinder Ali und Anton streiten und gegenseitig ausgrenzen, erteilt ihnen Rudy, ein Mädchen mit dunkler Hautfarbe, eine Lektion in Sachen Toleranz und Offenheit. „Akzeptieren wir andere genauso wie sie sind. Niemand sollte ausgegrenzt werden, nur weil er anders ist“, fasst der Autor die Botschaft des Buches zusammen.

Seine Geschichte habe einen Unique Selling Point — ein Alleinstellungsmerkmal —, sagt Özdemir und klingt dabei ganz wie der Marketingprofi, der er auch beruflich ist. Denn es gebe bislang kein Kinderbuch, das das Thema Ausgrenzung und Integration in der Form behandele wie „Ali und Anton“. Özdemir will es nicht bei dem Buch belassen. Ein Produzent aus Baesweiler hat — basierend auf der Geschichte des Buchs — ein Lied geschrieben. Und auch wegen einer möglichen Verfilmung von „Ali und Anton“ ist Özdemir aktuell mit einer Kölner Produktionsfirma im Gespräch.

Seine wichtige Leserin hat er ohnehin schon erreicht: seine älteste Tochter Nila. Özdemir und seine Frau haben irgendwann mit Entsetzen festgestellt, dass sie Kinder mit dunkler Hautfarbe ausgrenzt. „Das Buch habe ich auch geschrieben, um ihr zu zeigen, dass das ganz und gar nicht in Ordnung ist“, sagt Özdemir. „Und um zu verhindern, dass noch mehr Kinder diese Ausgrenzung am eigenen Leib erleben.“