Blick auf die Umbrüche in der Eifel: Ausstellung „Weimar im Westen“ in Vogelsang

Blick auf die Umbrüche in der Eifel : Ausstellung „Weimar im Westen“ in Vogelsang

Die Weimarer Republik erscheint wie die Sinfonie einer Großstadt. Historische Fotos und Filmsequenzen aus Berlin prägen bis heute unser kollektives Bildergedächtnis an die Jahre zwischen Kaiserreich und Nazi-Diktatur.

Die Zeit der Inflation, die Goldenen Zwanziger, die Wirtschaftskrise mit ihren verheerenden sozialen und politischen Folgen, die Modernisierung des alltäglichen Lebens, die vielfältigen neuen Strömungen in Kunst, Architektur oder Theater: All diese Einschnitte und Umbrüche werden immer noch vornehmlich mit Blick auf die Reichshauptstadt wahrgenommen.

Die Ausstellung „Weimar im Westen: Republik der Gegensätze“ bricht nun mit dieser Perspektive. Sie schaut erstmals konzentriert in die Provinz, dokumentiert die wechselvolle Geschichte der ersten deutschen Demokratie im Rheinland und in Westfalen.

Zu sehen ist die multimediale Wanderausstellung im Kulturkino Vogelsang IP (Schleiden). Erstellt wurde sie unter anderem vom Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland. Ihr Kernstück sind rund 400 bisher kaum zugängliche Fotos sowie bisher weitgehend unbekanntes Filmmaterial. Zu letzterem gehören Aufnahmen, die der französische Bankier Albert Kahn in den 20er Jahren in Dortmund, Duisburg und Aachen hat drehen lassen. Bis vor wenigen Jahren lagerten die Filmstreifen unbeachtet in einem Archiv in Boulogne-Billancourt bei Paris. Sie dokumentieren das Alltagsleben unter der französischen und belgischen Besatzung, zeigen Bilder des Ruhrkampfs und des rheinischen Separatistenaufstandes.

Gegliedert ist die Ausstellung nicht chronologisch, sondern thematisch. Zunächst wird der Besucher mit die geschichtlichen Grundzügen der Weimarer Republik vertraut gemacht. Anschließend gelangt er zu drei Kuben. Im ersten mit dem Titel „Gewalt und Sicherheit“ geht es um die politische Entwicklung im Westen. Der zweite Würfel „Gesellschaft und Gemeinschaft“ präsentiert eine Art Kulturgeschichte, beschreibt beispielsweise die aufkommende Sportbegeisterung und die zunehmende Reiselust. Im dritten Kubus „Tradition und Moderne“ wird schließlich das Gefälle zwischen Stadt und Land, aber auch das Aufblühen neuer Massenmedien thematisiert.

In Vogelsang wird die Ausstellung, die bereits im Düsseldorfer Landtag und in Köln zu sehen war, durch einen spannenden Blick in die Historie der Nordeifel ergänzt. Auch für die Region südlich von Aachen sind die Weimarer Jahre eine Zeit der Umbrüche und des Wandels. „Zunächst müssen nach dem Ersten Weltkrieg manche Gemeinden direkt an der Grenze Landverluste verkraften, weil entsprechend dem Versailler Vertrag landwirtschaftliche Flächen, Venn-Gebiete und Wälder dem belgischen Staat zugeschlagen werden“, erzählt Gabriele Harzheim, die als wissenschaftliche Referentin der Akademie Vogelsang für den Eifel-Aspekt verantwortlich zeichnet. „Dann werden im Raum Monschau großflächig Fichtenbestände gerodet, um mit dem Holz Reparationsforderungen der Siegermächte zu begleichen.“

 Zudem gibt es nach der Besetzung des Ruhrgebiets durch Belgien und Frankreich in der Eifel schnell einen großen Energiemangel. Dadurch steigt auch hier die Arbeitslosigkeit. In der Folge wachsen die politischen Spannungen. Rechtsextremisten attackieren Züge, die Reparationsgüter abtransportieren sollen. In Heimbach wird das Rathaus von Separatisten besetzt.

Auf der anderen Seite unterliegt das Leben der Eifeler in dieser Zeit  einem Modernisierungsschub. Wasserleitungen und Stromanschlüsse kommen in die Dörfer, die Bauweise der Häuser ändert sich. In der Landwirtschaft werden zunehmend Maschinen eingesetzt. Motorräder und Autos tauchen auf. Und mit ihnen immer mehr Touristen. Gerade im Winter. Denn nicht nur wandern, auch das Skilaufen wird jetzt zur Mode.

Es entstehen zunehmend Zeltplätze, Fremdenzimmer und Hotels, von denen manche damit werben, dass es bei ihnen „Unterkunftsräume für Automobile“ gibt. An der 1905 fertiggestellten Urfttalsperre kaufen wohlhabende Bürger aus rheinischen Großstädten Grundstücke auf, um sich darauf Ferienhäuser zu bauen. Auch der Motorsport entdeckt die Eifel. In Nideggen findet das „Burgringrennen“ statt. Anfang der zwanziger Jahre wird überlegt, dort eine große Rennstrecke zu bauen. Die Pläne scheitern am Widerstand von Landwirten, die ihre Flächen nicht hergeben wollen Umgesetzt werden sie erst Jahre später in der Südeifel mit dem Nürburgring.

Die Ausstellung läuft bis zum 16. September. Geöffnet ist sie täglich von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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