Region: Ausstellung von Künstler Ted Note ist überraschend und manchmal brutal

Region : Ausstellung von Künstler Ted Note ist überraschend und manchmal brutal

Es ist kein Zufall, dass Ted Noten gerade selbst in seiner eigenen Ausstellung im „Museum aan het Vrijt-hof“ herumläuft. Es ist Tefaf-Zeit in Maastricht, und die Ausstellung eines der eigensinnigsten, buntesten und umstrittensten Konzeptkünstlers der Niederlande ist so etwas wie ein Gegenentwurf zu den feinen Preziosen, wie sie in den dunklen Galerie-Nischen der weltgrößten Kunstmesse zu finden sind.

Dennoch hat Noten auch hier mit den Besuchern der Tefaf zu tun, an diesem Tag zumindest mit deren Abkömmlingen. Denn während die kunst- und kaufinteressierten Eltern in den Messehallen weilen, ist für den gut situierten Nachwuchs in den 20ern eine Führung durch die Ted-Noten-Show geplant — und natürlich darf der Künstler selbst da nicht fehlen.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 08.03.2018 Ted Noten-Ausstellung in Maastricht, Museum Vrijthof.

Ted Noten macht sowas mit. Der 61-Jährige mag Menschen, sogar reiche, und er mag Überraschungen. Und wenn sich junge, reiche Menschen für seine schrillen Werke interessieren, kann das ja nicht schlecht sein.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 08.03.2018 Ted Noten-Ausstellung in Maastricht, Museum Vrijthof.

Schmuck und Kunst

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 08.03.2018 Ted Noten-Ausstellung in Maastricht, Museum Vrijthof.

Ted Noten macht Konzeptkunst, Installationen, Objekte aus Acryl und Metall, teilweise Gold, aber er entwirft auch Schmuck — und in den meisten seiner Arbeiten verbindet er die Schmuck- mit der Konzeptkunst. Heute vertreten Galerien auf der ganzen Welt seine Werke, in Museen von New York bis Amsterdam stehen seine Stücke.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 08.03.2018 Ted Noten-Ausstellung in Maastricht, Museum Vrijthof.

Die Ausstellung in seiner ehemaligen Studentenstadt — er besuchte hier die Akademie Maastricht — gibt derzeit einen Überblick über das rebellische, schräge, verspielte und manchmal auch gewaltige Werk des 61-Jährigen. Aufgebaut ist das Ganze wie ein Krankenhausbesuch mit mehreren Stationen, angefangen im Wartezimmer bis hin zu einem Raum, der „The doctor is ready for you“ (Der Doktor steht bereit für Sie) heißt. Wer beim Gang durch die 13 Räume nicht vom „Ted-Virus“ befallen wird, ist selbst schuld.

Bekannt wurde Ted Noten Mitte der 90er Jahre mit einem einzigen Objekt: „Turbo Princess“ war eine in Acryl eingeschlossene Maus, die eine winzige Perlenhalskette trug und ein Akt der Rebellion war. Eine Galerie hatte ihn gebeten, etwas mit Perlen zu machen, „dem kältesten Schmuck der Welt“, wie Ted Noten sagt. Der internationale Durchbruch folgte ein paar Jahre später mit einer Weiterentwicklung der Acrylmaus.

Damals lebte der gebürtige Limburger (er stammt aus Tegelen) in Amsterdam: „In Maastricht war es vorher eine schöne, bürgerliche Art zu leben und zu genießen. Es war ein fruchtbarer Garten Eden“. Dagegen habe Amsterdam hart und aggressiv gewirkt. „Viele Leute hatten Waffen dabei“, erinnert sich Ted Noten.

Er begann ein Projekt, das er „Design against Crime“ nannte. Er kaufte in der Nachbarschaft Kriminellen Waffen ab und baute sie zu Kunstwerken um: „Es war einfach, an die Colts zu kommen, ständig liefen in meiner Wohngegend Leute damit rum. Und ich war froh, um jede Waffe, die nicht mehr auf der Straße war.“

Absolut schusssicher

Auch wenn die Vorstellung, mit dem Kauf einzelner Pistolen, die Zahl der Waffen insgesamt reduzieren zu können, ein bisschen naiv ist, baute Ted Noten diese Symbole männlicher Macht und Gewalt um und verpackte sie — absolut schusssicher — in Prada- oder Gucci-Luxushandtäschchen aus Acryl. Als Schmuckkünstler arbeitete er für das Innenleben mit echtem Gold.

Einmal wurde Ted Noten sogar an der Grenze zu Belgien für kurze Zeit in Gewahrsam genommen. Die Grenzbeamten hatten nicht auf Anhieb verstanden, dass es sich bei seinen echten Revolvern, die er im Gepäck hatte, um Kunst- und nicht um Tötungsobjekte handelte. „Die Typen, von denen ich die Waffen hatte, waren übrigens überhaupt nicht begeistert, dass aus ihren Pistolen Kunstobjekte geworden waren. Sie sagten mir: ‚Mann, eine Waffe ist doch eine ernste Sache, kein Witz.‘“

Ist es der Witz, der die Kunst von Ted Noten ausmacht? In der Tat gibt es in der Schau immer wieder etwas zu lachen; etwa, wenn Noten einen Penis aus Keramik erschafft und ihn zur Autobahn mit Straßenbeleuchtung umbaut — inklusive Pkw mit Wohnwagen dran.

Oder das Zimmer seiner Oma, wie er es nennt. „Oh, JC, JC, Won’t You Dance With Me“ (Jesus, möchtest du nicht mit mir tanzen?) heißt die Installation mit einigen Tabernakeln einer Kirche aus Maastricht und einem Reisetrolley aus Acryl mit den Initialen JC. Darin hat Noten die originalen Kruzifixe seiner limburgischen Oma eingeschlossen. Sie bittet Jesus zum Tanz.

Wäre Ihre Großmutter heute stolz auf Sie? Ted Noten muss lachen: „Nein, eher nicht. Sie war eine extrem religiöse Frau, die jeden Abend vor dem Schlafen zwei Stunden in ihrem Zimmer betete“, sagt Noten und lacht nun nicht mehr. So ist die Hommage an die verehrte Oma zugleich eine Abrechnung mit dem Katholizismus, der für den Jungen Ted eine Pein war.

Das sind Notens Themen fast immer: Bis zu einem gewissen Grad lustig, und dann wird es ernst. Es ist, als wollte er die Besucher mit Witz und manchmal grellem Kitsch anziehen, um ihnen dann eins vor den Bug zu geben. „Es ist ernst, aber es soll nicht so aussehen. Es braucht so einen kleinen Schlag ins Genick“, sagt Noten.

So verbindet er in seinen Werken Schönheit mit Gewalt, Weiblichkeit und Männlichkeit, wertvolles Gold mit grellem Plastik, Sexualität mit Tod, Gier mit Religiosität. In immer neuen Spielarten finden sich diese Themen wieder. Manchmal kommt es unschuldig-verspielt rüber, dann knallig, dann wieder düster und schwarz. „Die Gegensätze haben mich inspiriert — da entsteht Reibung. Wo Reibung ist, gibt es Energie. Wo Energie ist, ist Leidenschaft und Kreativität“, sagt Noten.

Symbole der Weiblichkeit gibt es zuhauf, sie wirken stereotyp — Lippenstifte, Schuhe, Handtaschen. In der pinken Pistole aus dem 3D-Drucker mit dem Titel „Yves Saint Laurent 001“ ist alles vereint, was die Frau so braucht, wie Noten meint: Die Pistole enthält Haarspange, 18 Karat Gold, Lippenstift, Pillendöschen, einen USB-Stick, einen schwarzen Diamanten und einen elektrischen Dildo.

Ist das ausgestellter Sexismus? Oder ist es die ironische Brechung davon? Das muss jeder Besucher, jede Besucherin für sich entscheiden. Ted Noten sieht es so: „Frauendinge faszinieren mich. Ich beneide sie ein bisschen um die vielen Möglichkeiten, in andere Rollen zu schlüpfen.“

Eine Kunstzeitschrift nannte Ted Noten einmal einen „Archäologen der Zukunft“. Eine Arbeit zeigt ein Goldfischpärchen in einer Acryltasche. Sie werden mit allem versorgt, was sie brauchen, sind aber in einer vollkommen artifiziellen Umgebung, in der sie wie unter Laborbedingungen leben — eine Art Zukunftsszenario für die Spezies Mensch?

Ein toter Kanarienvogel

In einem anderen Acrylobjekt liegt ein toter Kanarienvogel — das ist eine Erinnerung an seine Bergbauheimat im niederländischen Limburg: Kanarienvögel wurden früher im Bergbau eingesetzt, um den Kohlenmonoxid-Gehalt in der Mine zu prüfen. Da die Vögel viel anfälliger für das giftige, aber geruchlose Gas waren, fielen sie von der Stange, wenn es gefährlich wurde.

Großes Getöse gibt es plötzlich an dem Automaten, den Ted Noten mal für eine Ausstellung im Stedelijk Museum in Amsterdam entworfen hat, die „Geel Metalliek“ (Gelbes Metall) hieß. Er hat eine Installation gebaut, wie man sie aus Spielhallen kennt. In einer großen Box ist ein Greifer befestigt, den man für einen Euro bewegen kann. Wenn man es schafft, einen der gelben Plastikbälle zu greifen, kann man ihn mitnehmen. In Amsterdam lag damals ein echter Goldbarren im Wert von 36.000 Euro drin.

Auch wenn niemand damit rechnete, den Gewinn wirklich zu bekommen, haben die Leute massenhaft Euromünzen hineingeworfen. In Maastricht ist „Mr. Claw“, wie die Maschine heißt, auch aufgebaut. Diesmal ohne Goldbarren, sondern mit vielen kleinen Plastikbällen, die jeweils einen von Ted Noten entworfenen quietschgelben Ring aus dem 3D-Drucker enthalten. Eine der Besucherinnen der „Tefaf-Jugend“, die Ted herumführt, ergattert unter lautem Anfeuern tatsächlich einen Ring. Sie steckt ihn an den Finger. In fetten Lettern steht „Greed“ darauf — Habgier.

Wem das jetzt alles zu viel wird, der begibt sich am besten in die Erholungszone. Im letzten Raum der Ausstellung sind Sessel aufgebaut. Besucher können sich hineinlegen. In Endlosschleife läuft ein vierminütiger Animationsfilm über Welt und Werk des Ted Noten.

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