San Francisco/Gangelt: Aus dem Selfkant ins kalifornische Silicon Valley

San Francisco/Gangelt: Aus dem Selfkant ins kalifornische Silicon Valley

Es gab keine Anzeichen. Niemand konnte ahnen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Die Geschichte von Margit Wennmachers begann vor 52 Jahren in Gangelt-Brüxgen. Sie wuchs in der kleinen Gemeinde, in der heute noch ihr Vater und ihre Geschwister leben, als Tochter eines Landwirts auf.

In Geilenkirchen machte sie 1984 am Gymnasium St. Ursula ihr nicht sonderlich spektakuläres Abitur. Ein Jahr zuvor war ihre Mutter gestorben, was die junge Frau ein bisschen aus der Bahn geworfen hatte. Niemand konnte absehen, wie sich ihr Leben entwickeln sollte — auch sie selbst nicht.

„Meine ganze Biografie ist ein Zufallsprodukt“, sagt sie, „es haben sich immer wieder Chancen ergeben, die ich ergriffen habe“, sagt sie. Vermutlich kann man so eine Karriere auch nicht planen. Auf verschlungenen Pfaden ist Margit Wennmachers ins Silicon Valley gelangt. In der weltgrößten Denkfabrik gilt sie als eine der einflussreichsten IT-Managerinnen in den USA. Eine ungewöhnliche deutsche Karriere.

Heute entscheidet sie selbst darüber, welche Firmen Karriere machen. Ihr Wort hat Gewicht, für den Sender CNN ist sie die „real queen of Silicon Valley“. Sie findet, solche Titel seien „Bullshit“, allzu plakativ von Medien eingeführt. Ohne Bedeutung.

Besuch bei Hillary Clinton

Heute lebt sie mit ihrer zehnjährigen Tochter Lola in San Francisco. Es ist ein ruhiger Abend in der Küstenstadt, sie sitzt in einem netten Lokal im Presidio, in der Nähe der Golden Gate Bridge. Von der Bucht her weht wie so häufig ein starker Wind durch die schachbrettartigen Straßen. Ein paar Tage vorher war Wennmachers in einen kleinen Kreis bei Hillary Clinton geladen.

Sie ist durchaus prominent in den Staaten. Ihr Tonfall ist längst eingefärbt. Ein paar deutsche Vokabeln sind im Laufe der Zeit verschüttgegangen. Wenn sie auf Deutsch schreibt, fehlen die Umlaute. Wieder liegt ein Tag mit vielen Meetings hinter ihr, zudem stehen gerade ein paar größere private Dinge auf der Agenda. Sie hat sich ein neues Haus in der Nähe gekauft, Lola wechselt gerade auf eine weiterführende Schule.

In Lippstadt studierte Wennmachers nach dem Abitur mit ihrer besten Freundin Fremdsprachen. Sie arbeitete als Sekretärin für einen deutschen Manager eines amerikanischen Startups. Dann ging sie nach Mallorca, um besser Spanisch zu lernen, unterrichtete Deutsch und Englisch. „Sprachen sind mein Grundtalent. Ich kann gut zuhören und übersetzen.“ Im Grunde habe sich ihre Aufgabe nicht so wesentlich geändert, findet sie. Sie hört den Ideen zu und übersetzt sie, sie sucht die Geschichte, die dahintersteckt, die man vermarkten und verkaufen kann.

Ein Jahr später traf sie ihren Chef erneut, er arbeitete inzwischen für eine Computerfirma in den USA. 1991 wechselte sie in die Staaten, der Start war mühsam. „Im ersten Jahr wusste ich nicht, ob ich es schaffe.“ Die Zweifel wurden geringer, die Schüchternheit verschwand aber nur langsam. „Ich bin ein Spätzünder“, sagt sie. „Ich habe in den USA einen neuen Startknopf gefunden.“

Nach vier Jahren als Angestellte gründete sie 1997 ihre eigene Marketing-Agentur, nach zehn erfolgreichen Jahren verkaufte sie „OutCast Communication“ für über zehn Millionen Dollar. Das Netzwerk war längst aufgebaut, sie stieg als Partnerin bei der Investmentfirma Andreessen Horowitz ein. Das technische Know-how hatte sie von ihrem ersten Freund, einem amerikanischen Ingenieur, mitbekommen, der ihr Computerarchitektur vermittelt hatte. „Die besten Sachen schenkt dir das Leben“, grinst sie. Wieder eine zufällige Weichenstellung.

Ihr Unternehmen vermittelt Risikokapital. Es sind viele Goldschürfer an der Westküste. „Wir halten die Augen auf nach allem, was neben der Spur ist. Gute Manager sind wichtig, aber ohne einen Gründer mit technologischem Hintergrund und Produkt-Genie gibt es nichts zu managen. Entweder hat jemand eine verrückte innovative Idee — oder nicht“, findet sie.

Jährlich sprechen etwa 3000 Start-ups vor. Sie stellen ihr Geschäftsmodell vor, wenige Minuten entscheiden darüber, ob die aufstrebenden Unternehmen frisches Geld bekommen. Oder ob Träume an der Sand Hill Road, wo die großen Kapitalgeber angesiedelt sind, platzen. Am Ende werden nur 15 bis 20 Firmen unterstützt. „Die Kunst besteht darin, abzusagen, ohne gehasst zu werden“, sagt Wennmachers.

Sie entscheidet nicht selbst darüber, welche Firmen angeschoben werden, das ist die Aufgabe der General Partners. Wennmachers ist eher die Außenministerin der Firma, die das Image des Unternehmens aufpolieren soll. „Wenn unser Ruf gut, kompetent und innovativ ist, sind wir interessant für die Start-ups.“ Und wenn Andreessen Horowitz eine erstklassige Adresse ist, mangelt es nicht an Geldgebern.

So funktioniert das Geschäftsmodell. In Europa sind junge Firmengründer häufig Bittsteller, in Amerika wird um sie gebuhlt. In Deutschland starten Gründer in Nischen, im Silicon Valley gibt es den Anspruch, ganze Branchen zu revolutionieren. „Ich habe eine gute Intuition und eine gute Menschenkenntnis“, sagt sie. Das ist Teil der Übersetzerrolle, man muss auch zwischen den Zeilen lesen können. Stimmt die Story, haben die Gründer die Fähigkeit, sie richtig zu erzählen und zu vermarkten?

Ihre Firma hat in Twitter, Groupon, Airbnb, Foursquare oder Facebook investiert. Manchmal verpassen die Risikokapitalgeber auch Chancen, wie zum Beispiel beim Fahrdienst Uber. Misserfolg gehört zur DNA der Investoren in den Staaten und besonders im Silicon Valley. „Die USA und besonders das Silicon Valley feiern das Scheitern, das Risiko. Je irrer, desto besser.“

„Können kein Mitleid erwarten“

Es ist Ausdruck von Tatkraft und Energie. Aber wenn Geldgeber wie ihre Firma sich gegen ein Invest entscheiden und die Erfindung geht trotzdem durch die Decke, hagelt es öffentliche Häme. „In unserer Position können wir auch kein Mitleid erwarten.“

Aber „so what“, es gibt immer neue Möglichkeiten. „Und wir brauchen pro Anlagefonds nur ein, zwei, oder drei Start-ups, die alle Experimente mitfinanzieren.“

Die Firmen haben die Kenntnisse in ihrem Bereich, aber es fehlt das Wissen in anderen Bereichen, wie Headhunting, Marketing, Verkauf, Werbung, Kontakte. Die Geldgeber vermitteln die Kontakte, begleiten, geben Ratschläge, bringen sie mit anderen Firmen oder mit Journalisten zusammen, operativ halten sie sich raus. „Du musst respektieren, dass sie die Firma führen, weil sie unendlich mehr über die Technologie wissen.“

Es sind aufregende Zeiten. Künstliche Intelligenz wird noch bedeutender, das selbstfahrende Auto wird bald kommen. Was das nächste „big thing“ ist? „Es wird Millionen solcher Dinge geben.“

Manchmal stimmen Einschätzung und Prognose der Technik, aber eine andere Firma zieht vorbei. Der Wandel wird immer rasanter, Prognosen und Timing werden schwieriger. Ein großer Investitionsschwerpunkt ist „virtuel reality“ (VR). Aber wann und wie wird sich die Technologie durchsetzen?

VR wird in Filmen, in Spielen, an Universitäten eingesetzt, das steht außer Frage. Lernen in der virtuellen Welt wird kommen, virtuelle Schulungen sind von jedem Ort aus möglich, das erspart Arbeitszeit und Reisekosten. Aber noch steht der Durchbruch aus, und noch ist offen, welche Firmen sich am Markt durchsetzen.

Es geht um mehr, sagt sie, es geht nicht nur darum, ob eine Firma durchstartet, vielleicht zum Global Player wird. Es gehe auch darum, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt. „Ich habe nicht das Gefühl, dass wir die Welt jeden Tag besser machen. Aber wir investieren mit dieser Absicht.“ Wird also die Zukunft dieser Welt im Silicon Valley gestaltet?

„Software ist der Schlüssel zu allem, da hat Kalifornien einen großen Vorteil“, sagt sie und rät deutschen Unternehmen zu Partnerschaften mit den vielen Firmen in Silicon Valley. „Wir haben einen Vorsprung von 60 Jahren, seitdem entwickeln wir ein System aus Talent, Geld, Risikobereitschaft. Andere Regionen müssen das erst mal kreieren.“ Kalifornien ist schon immer die Adresse für Pioniere mit großer Risikobereitschaft gewesen.

Kalifornien bleibt auch ihre Adresse. Wennmachers war mit einem ehemaligen Mitschüler aus Geilenkirchen verheiratet. Vor ein paar Jahren hat sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft abgegeben und die amerikanische erlangt. Gerade versucht sie, den ursprünglichen Pass wieder zusätzlich zu erlangen. „Ich bin halb deutsch, halb amerikanisch.“ Die ersten 26 Jahre hat sie in Deutschland, die nächsten 26 Jahre in den USA verbracht.

Tesla und Audi

Fast symbolisch fährt sie einen Tesla mit Elektromotor, aber eben auch ein deutsches Auto, einen Audi. Keine Frage, wo sie die nächsten 26 Jahre verbringen will. Auswandern sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, sagt die 52-Jährige. „In Deutschland hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, meinen eigenen Weg zu gehen und unabhängig zu werden. Das Land passt zu meinen Ambitionen.“

Irritiert verfolgt sie, wie sich die USA unter dem neuen Präsidenten entwickelt. „Es gibt keinen direkten Einfluss auf unsere Arbeit, aber mich besorgt, dass die Offenheit gegenüber Einwanderern zurückgehen könnte.“ Die Hälfte der erfolgreichen Firmen im Silicon Valley hat Einwanderer in ihren Gründungsteams. „Wenn diese Menschen per Gesetz davon abgehalten werden, ist das schlecht für das Valley, und es ist auch nicht vereinbar mit den amerikanischen Werten. Dann wäre Amerika nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, sagt sie.