Aachen: „Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“: Die WM-Legende aus Alsdorf

Aachen: „Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“: Die WM-Legende aus Alsdorf

Es sind zwei Stimmen aus dem Off, die dem Film „Die Ehe der Maria Braun“ (1979), der von der Nachkriegszeit handelt, einen markanten Sound geben. Da ist einerseits der rheinische Singsang des Konrad Adenauer, Kanzler des Wirtschaftswunders, aus den Radio-Nachrichten.

Und in den sieben, acht Schlussminuten des Films legte der Regisseur Rainer Werner Fassbinder — mal lauter, mal leiser — die dramatische Hörfunkreportage des Herbert Zimmermann vom Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft am 4. Juli 1954 in Bern auf die Tonspur.

Man hört also, wie Zimmermann die Vorbereitung zum berühmten 3:2 gegen die Ungarn schildert. „Boszik, immer wieder Boszik . . .“, beginnt diese Szene. „Schäfer, nach innen geflankt.“ Und diese dramatische Vorahnung: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen . . .“ Und jener Helmut Rahn schoss dann bekanntlich und traf. Die „Ehe der Maria Braun“ endet mit einer Gasexplosion. Das Spiel im Wankdorf-stadion mit dem ersten WM-Titel für Deutschland. „Aus! Aus! Aus! Aus!“, brüllt Zimmermann aus Bern in der Szene nach dem Knall. „Das Spiel ist aus!“

Der Film ist eine Parabel für den Wiederaufbau aus den Trümmern, in dem für Gefühle kein Platz war und für eine seelische Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges erst recht nicht. Aber warum dann dieser emotionale Kontrapunkt, diese Fußball-Reportage? Warum diese Worte aus Bern, die sich immer wieder überschlugen und seltsame Formulierungen wie „Fußballgott“ kreierten? Warum dieser Radioreporter, der am 29. November 100 Jahre geworden wäre, als Herbert Antoine Arthur Zimmermann in Alsdorf geboren wurde?

Eisernes Timbre

Es ging Fassbinder offensichtlich um die Stimme. Dieser Ton aus Bern kündete ja nicht nur von einem Fußballspiel. Er wirkte zugleich wie ein Gruß aus den klirrenden Wochenschauen des Zweiten Weltkrieges. Eisernes Timbre. Sätze, abgefeuert wie ein Flak-Stakkato. Bei Zimmermann grummelte, wie der frühere WDR-Fußballreporter Manni Breuckmann einmal formulierte, „von Ferne der Sound von Stuka, Führergeburtstag und Fliegeralarm“. Und das war, wie seine Biografie zeigt, keineswegs ein Zufall.

Zimmermann erlebte eine unstete Kindheit. In Alsdorf verbrachte er nur wenige Jahre, wie Rudolf Bast, ehemaliger Vorsitzender des Alsdorfer Geschichtsvereins, erzählt: Zimmermanns Vater habe dort für kurze Zeit eine Anstellung am dortigen, jüngst gegründeten Gymnasium gefunden. Die Familie wohnte im Alsdorfer Zentrum nicht weit von der Pfarrkirche St. Castor entfernt, wo Aloys und Meta Zimmermann ihren Sohn Herbert taufen ließen.

In der Nachkriegszeit wechselte der Vater in die Versicherungswirtschaft und nahm eine Stelle in Aachen an. Es ging unstet weiter: Für dessen Sohn folgten zwei Jahre Volksschule in Aachen, zwei weitere in Kassel und Frankfurt, ein kurzer Aufenthalt in einem Klosterinternat und in einem Dortmunder Gymnasium, das Abitur absolviert Herbert Zimmermann schließlich 1937 in Freiburg. Schon früh begeistert er sich für die Radioreportagen eines Paul Laven, der bei Fußball-Länderspielen die „magnetischen Hände“ des Torwarts Heiner Stuhlfauth feiert.

Seinem Traum steht der Krieg im Weg

Doch seinem Traum, Sportreporter zu werden, steht zunächst der Krieg im Wege. Als die Wehrmacht Polen überfällt, wird er eingezogen, er entschließt er sich zu einer Offizierslaufbahn. 1941 kämpft er in der 1. Panzerdivision in der Sowjetunion, bald schon werden ihm das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse und Verwundetenabzeichen verliehen. Schwere Verletzung im November 1941, erneut im November 1942.

Während der Reha im Frühjahr 1943 in Berlin lernt er, auf Vermittlung seiner neuen Freundin, der Regieassistentin Auguste Reuß-Barth, dann den Star-Reporter Rolf Wernicke kennen — sein großes Idol. „Rolf Wernickes Berichte feuerten ihn an“, hieß es in einer Beschreibung Zimmermanns nach der WM 1954, „zu Hause im stillen Kämmerlein eigene Reportageversuche zu unternehmen“.

Dieser Wernicke, aufgebaut als „genuiner Reporter des nationalsozialistischen Rundfunks“ (Rundfunkhistoriker Frank Biermann), formal wie stilistisch ein brillanter Rhetor, war mit einer Eishockey-Reportage bei den Olympischen Winterspielen 1936 berühmt geworden, sprach seither die sogenannten „Führerreportagen“, die Auftritte Adolf Hitler bei Reichsparteitagen. Nun weihte er diesen jungen Zimmermann in einem „Sturz-Volontariat“ in die Geheimnisse des Sprechens ein. Ein Erweckungserlebnis.

Aber es ging für Zimmermann zurück in den Krieg. Am Ende kämpfte er im „Kurlandkessel“, wo er sich in einer Panzerschlacht im Februar 1945 das Ritterkreuz verdiente. Von dieser militärischen Heldentat erzählte er, der kinderlos blieb, später oft seinen vier Nichten und Neffen. „Die Geschichte mit dem Ritterkreuz, die habe ich mehrfach gehört“, so sein Neffe Hans-Christian Ströbele, der frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen. „Da in Kurland, hinter dem Berg, wie er sechs russische Panzer abgeschossen hat.“

Famose Fähigkeiten als Sprecher

Das Überleben nach dem Krieg wurde leichter dadurch, dass er, nach Schleswig-Holstein evakuiert, in britische Gefangenschaft geriet und dort als Dolmetscher fungierte — Zimmermann sprach ausgezeichnet Französisch und Englisch. Als er endlich frei war, stand er im April 1946 im Reporterbüro „Outcast Broadcasting“, der gefragtesten Abteilung des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) in Hamburg, „in ziemlich abgerissenen Klamotten, ein bisschen bleich und mager, mit tiefen Augenhöhlen“. So erinnert sich der Weggefährte Jürgen Roland, der später als Regisseur Berühmtheit erlangte.

Zimmermanns steilen Aufstieg im Sender soll dann wieder Auguste Reuß-Barth mit ihren Kontakten flankiert haben. Doch ohne seine famosen Fähigkeiten als Sprecher hätte es Zimmermann nicht schon 1948 zu den Olympischen Winterspielen in St. Moritz gebracht und kurz darauf zu den Sommerspielen in London. Zimmermann war vielseitig begabt, er kommentierte Eiskunstlaufen und Leichtathletik, Feldhandball und Tennis, und natürlich den Fußball. 1950 wurde er NWDR-Sportchef in Hamburg.

Er war ein Profi. „Dass er einmal schlecht präpariert war, habe ich nie erlebt, er hatte immer Respekt vor seiner Aufgabe“, so beschrieb ihn Roland. Aber er war auch erfindungsreich. Als bei Olympia 1952 eine Schaltkonferenz organisiert wurde, übertrug Zimmermann diese Idee im September 1952 auf den Fußball und schrieb damit Sportfunkgeschichte.

Und er hatte Glück, so auch bei der WM 1954 in der Schweiz. Dort verlor er nämlich zunächst einen Münzwurf gegen seinen Rivalen Kurt Brumme aus Köln, der daraufhin das erste deutsche Spiel gegen die Türken auswählte. Zimmermann blieb dadurch das Vorrunden-Spiel gegen Ungarn (3:8), die höchste Pflichtspielniederlage einer deutschen Nationalmannschaft. Aber weil er diese Ungarn nun kannte, wurde ihm durch Teamleiter Robert Lembke (den späteren Quizmaster) schließlich das Endspiel gegen denselben Gegner zugewiesen.

Das Endspiel aus dem verregneten Wankdorfstadion machte ihn berühmt, weil es der letzte große Straßenfeger des Radios war. Sein Neffe Ströbele erinnert sich, wie er damals aus jedem Fenster in seiner Straße den Onkel hörte. Rund 50 Millionen Deutsche hörten damals Radio, weil das junge Medium Fernsehen für viele noch zu teuer war. Weil der TV-Kommentar von Dr. Bernhard Ernst nicht erhalten ist, wird die Stimme Zimmermanns immer mit diesem Finale verbunden bleiben.

Mit dem Fernsehen, das sich rasant zum Leitmedium entwickelte, konnte sich Zimmermann nicht anfreunden. „Jetzt habe ich schon wieder zu viel gequatscht“, sagte er manchmal nach Einsätzen als TV-Kommentator. „Das machte ihm zeitweilig zu schaffen: Dass dieses Medium Radio, wo er König war, dass dieses Medium nun nicht mehr die entscheidende Rolle spielte, sondern das Fernsehen“, erinnerte sich Ströbele.

Eine grandiose Liebeserklärung

Zwölf Jahre später, als das berühmteste Tor der Fußballgeschichte fiel, im WM-Finale 1966 in Wembley, ging Fernsehmann Rudi Michel mit seinen Rufen („Nein! Kein Tor! Oder doch?“) in das kollektive Fußball-Gedächtnis ein. Dass Zimmermann nur wenige Meter daneben für den Hörfunk sprach? Ist heute vergessen. So spiegelt sich in der Biografie Zimmermanns, der am 16. Dezember 1966 mit 49 Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalls in Hamburg starb, auch ein Stück Mediengeschichte.

Aber das Finale von 1954, eines der berühmtesten Tondokumente deutscher Rundfunkfunkgeschichte, bleibt. Diese Stimme aus Bern hat so viele Menschen bewegt. Etwa den Schriftsteller Friedrich Christian Delius, der Zimmermann 1994 mit der Erzählung „Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde“ eine Liebeserklärung widmete. Und auch diese Idee des Fußballfans Fassbinder, die während der Dreharbeiten entstand, ist eine Hommage an eine Stimme, die deutlich der Tradition des Dritten Reichs entsprang, die aber ihren Platz in der Bundesrepublik noch nicht ganz gefunden hatte. Ein Zustand, der 1954 noch für Millionen Menschen in Deutschland zutraf.

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