Aachen: August Pieper: Dieser Name hat wohl keine Zukunft

Aachen : August Pieper: Dieser Name hat wohl keine Zukunft

Es geht um „eine historische Aufarbeitung“ — und zwar eine in eigener Sache. Die Bischöfliche Akademie des Bistums Aachen veranstaltet Ende Februar eine wissenschaftliche Tagung zu dem Thema: „August Pieper und der Nationalsozialismus — Eine historische Aufarbeitung“. Sie findet im Aachener August-Pieper-Haus statt.

Seit Gründung der Akademie im Jahr 1953 trägt deren Stammhaus den Namen des katholischen Soziallehrers August Pieper (1866-1942). Pieper, von 1892 bis 1919 Generaldirektor des damals einflussreichen Volksvereins für das katholische Deutschland, war dezidierter Verfechter einer Ideologie der Volksgemeinschaft. Jüngste Forschungen haben zudem ergeben, dass er dem Nationalsozialismus viel näher stand als bislang bekannt. Der Paderborner Historiker Werner Neuhaus, der den erst seit 2013 zugänglichen Nachlass Piepers im Stadtarchiv Mönchengladbach erforscht hat, kommt zu brisanten Ergebnissen: Pieper habe die brutale Innen- und Kriegspolitik des NS-Regimes unverdrossen unterstützt, „in realitätsblinder Einseitigkeit“ selbst die schlimmsten Verbrechen des Nationalsozialismus ignoriert und den deutschen Angriffskrieg auf die Sowjetunion verteidigt.

„Realitätsblinde Einseitigkeit“: August Pieper (1866-1942). Foto: Stadtarchiv Mönchengladbach 10-42306

Die Bücherverbrennung gefeiert

„Da stehen Sachen drin, die werfen das gesamte Pieper-Bild über den Haufen.“ So beschreibt Neuhaus seine ersten Eindrücke beim Studium der Quellentexte. „Pieper war ab 1933 Feuer und Flamme für den Führer, weil er glaubte, nun werde die Volksgemeinschaft in seinem Sinne verwirklicht.“ Er habe als Intellektueller sogar die Bücherverbrennung gefeiert. „Diese Haltung ist äußerst überraschend und in dieser Extremform selbst im Rechtskatholizismus vollkommen ungewöhnlich.“

Die Bischöfliche Akademie nennt das Ergebnis von Neuhaus‘ Recherchen erschreckend und sieht sich in der Pflicht, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. „Das sind wir unserem Anspruch und unserer Arbeit schuldig“, sagt Akademiedirektor Karl Allgaier unserer Zeitung — deshalb nun die Tagung. Allgaier stellt fest: „Auf Dauer werden wir uns mit August Pieper nicht identifizieren können. Und dann stellt sich auch die Frage, ob wir den Namen unseres Hauses ändern.“

Werner Neuhaus hat seine Recherche bereits ausführlich dokumentiert und veröffentlicht: „August Pieper und der Nationalsozialismus — Über die Anfälligkeit des Rechtskatholizismus für völkisch-nationalistisches Denken“ (Edition leutekirche sauerland, 171 Seiten), eine Veröffentlichung, die das Bistum Aachen gefördert hat. Die Bistumsleitung setzt nun zunächst auf die Tagung, die die Neuhaus-Studie diskutieren und wissenschaftlich bewerten wird. Bistumssprecher Stefan Wieland stimmt Allgaier zu: „Wenn sich das Ergebnis bestätigt, wird keine Identifizierung mit August Pieper mehr möglich sein; und dann ist auch die Umbenennung des Akademie-Hauses ein Thema.“

Das Buch von Neuhaus ist keine Klageschrift, sondern eine gründliche Analyse der Texte Piepers, die im umfangreichen Anhang breit dokumentiert werden. Der Autor differenziert genau und nennt eingangs das überlieferte Bild von Pieper „als einem der führenden katholischen Sozialpolitiker des Kaiserreichs weitestgehend richtig“. Pieper habe sich für eine christliche Arbeiter- und Sozialpolitik eingesetzt, „gegen den Widerstand konservativer Bischöfe konfessionsübergreifende Gewerkschaften“ gefordert, „gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht und für eine Demokratisierung des Kaiserreichs“ gekämpft. „Er hat sich im Kaiserreich große Verdienste erworben, die Arbeiter mündig zu machen“, ergänzt der frühere Mönchengladbacher Stadtarchivar Wolfgang Löhr im Gespräch mit unserer Zeitung.

Für Neuhaus ist Pieper somit ein „ausgesprochener Vertreter des Linkskatholizismus im wilhelminischen Deutschland“, wenn er auch während des Ersten Weltkrieges „betont nationale Positionen“ bezog. Das entsprach der Haltung des einflussreichen Volksvereins für das katholische Deutschland, dessen Generaldirektor Pieper von 1892 bis 1919 war. Dieser Verein sah den Krieg von 1914 bis 1918 als einen gerechten Verteidigungskrieg an. „Für Pieper ist 1918 eine Welt zusammengebrochen“, sagt Löhr, der wie Neuhaus an der Tagung in zwei Wochen teilnehmen wird.

Die Weimarer Republik lehnte Pieper ab und diskreditierte sie als individualistische oder „mechanische Formdemokratie“, der er den „organischen Volksstaat“ als Ideal entgegensetzte. Als nach wie vor einer der führenden Vertreter des Volksvereins publizierte Pieper zahlreiche Schriften und gestaltete sogenannte Führerschulungen „zur Pflege der Volksgemeinschaftsarbeit“. Vor 1933 korrespondierte Piepers Kritik am Nationalsozialismus durchaus mit der Haltung des Volksvereins, der sich zu Beginn der 30er Jahre deutlich gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus wandte und den „Rassenhass der Nationalsozialisten“ ablehnte. Beteiligte er sich im Februar 1933 noch an dem Wahlaufruf katholischer Verbände gegen die NSDAP, versuchte er nur einen Monat später, seine Existenz zu sichern, indem er sich den neuen Machthabern unterwarf. Am 1. Juli jedoch wurden in einer Polizeiaktion die Geschäftsstellen des Vereins geschlossen und sein Vermögen beschlagnahmt.

Was Pieper selbst betrifft, hat Neuhaus in seinen umfangreichen Recherchen festgestellt, dass dessen „Affinitäten zu Elementen der NS-Ideologie“ ab 1933 deutlicher greifbar seien. Zentrum, SPD und den bürgerlichen Parteien habe Pieper „Interessenpolitik für ihre jeweiligen Wählergruppen“ vorgeworfen, während die Nazis — „Gemeinnutz vor Eigennutz“ — dem ganzen Volk dienen würden. Es habe auffällige Schnittmengen zwischen dem politischen Katholizismus und der NS-Ideologie gegeben: antiliberale und antisozialistische Einstellung und Autoritätsgläubigkeit.

Neuhaus zitiert in seinem Buch aus einer Reihe von Texten Piepers aus den 30er und 40er Jahren. Pieper preist darin die Machtübernahme der Nazis als eine Revolution „gewachsen aus dem Weben neuer schicksalhaft entwickelter Ur-Lebenskräfte des sich stetig wandelnden geheimnisvollen Lebens des deutschen Volkes“. Positiv habe er die Auflösung der Parteien und der Gewerkschaften und das „Ermächtigungsgesetz“ begrüßt, die Wehrverbände und den Arbeitsdienst als „Übungsstätte des Opfergeistes“ gepriesen.

Neuhaus schreibt: „Diese unbedingte Verherrlichung der Innenpolitik Hitlers, die jede Form von Opposition diskreditierte, wurde noch durch eine betont völkische Sicht der Kulturpolitik ergänzt. Der ‚deutsche Geist‘ sei ‚leiblich gebunden an das durch Rassenmischung, Klima, Boden, geschichtliches Volksschicksal geprägte deutsche Blut‘.“ Pieper sei in seinen Schriften „mit keinem Wort“ auf die Verfolgung der Juden und anderer eingegangen.

Der Düsseldorfer Publizist Peter Bürger, der ebenfalls als Referent an der Aachener Tagung teilnehmen wird, und Tagungsleiter Marco A. Sorace weisen darauf hin, dass es auch schon in früheren Jahrzehnten argwöhnische Stimmen zu Pieper gegeben habe. Der Sozialethiker und Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning (1890-1991), Begründer der katholischen Soziallehre, habe sich mehrmals sehr kritisch zu Pieper und auch zu der Namensgebung in Aachen geäußert, sagen Löhr und Sorace. „Aber das ist nicht gehört worden.“ Er habe bereits vor vielen Jahren in einem Vortrag im August-Pieper-Haus berichtet, dass Pieper 1936 in einer Ansprache vor jungen Menschen empfohlen habe, in die NSDAP einzutreten, sagt Löhr.

Die Rolle van der Veldens

Dass das Akademiehaus 1953 nach August Pieper benannt wurde, veranlasste Josef van der Velden (1891-1954), Aachener Diözesanbischof von 1943-1954. So ist es auf der Homepage der Akademie nachzulesen. Weiter heißt es dort: „Diese Namensgebung brachte unter anderem zum Ausdruck, dass hier im Geist und im Stil der katholisch-sozialethischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts ein Dialog von Kirche und Gesellschaft fortgesetzt werden sollte.“

Van der Velden war von 1929 bis 1933 als Generaldirektor einer der Nachfolger von Pieper beim Volksverein für das katholische Deutschland. Er gilt als Gegner der Nazis und war selbst Opfer ihrer Schikanen. Unter Druck habe er sich 1933 sehr gemäßigt zum Nationalsozialismus geäußert, sagt Sorace. 1943 sei van der Velden als Bischof eingesetzt worden, ohne dass seine Akten von den Nazis geprüft wurden. „Sie wussten wohl, dass er zumindest zahm ist.“ Das sei nur noch im Fall des Paderborner Kardinals Lorenz Jaeger (1892-1975) so gewesen, dessen Rolle im Nazi-Reich derzeit in einem sechsjährigen Forschungsprojekt umfangreich untersucht wird. Auch die Rolle van der Veldens wird auf der Aachener Tagung thematisiert.

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