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„Fridays for Future“: Aufstand aus dem Kinderzimmer

„Fridays for Future“ : Aufstand aus dem Kinderzimmer

Landelin Winter hat die Zahlen im Blick. Der 16-Jährige tippt ein paar Mal auf sein Handy und scannt mit konzentrierter Mine seine WhatsApp-Kommunikation: „Aktuell wollen deutschlandweit in 370 Städten Schülerinnen und Schüler auf die Straße gehen“, erklärt der Elftklässler. „Wir demonstrieren für den Klimaschutz. Und wir werden täglich mehr.“

Gerade heute erst hat sich eine Gruppe aus Zülpich den „Fridays for Future“ Protesten angeschlossen. „Ich musste den Ort erst einmal googeln“, sagt Landelin und lächelt. Von seinem Kinderzimmer aus, im Spitzgiebel eines alten, verwinkelten Hauses im brandenburgischen Eberswalde, engagiert sich der Schüler für die weltweite Protestbewegung. An die Dachbalken hat er Fotos von Greifvögeln geheftet, daneben hängt ein Kalender der Fantasy-Serie „Game of Thrones“.

Hilfe bei der Vernetzung

Von hier oben ist Landelin mit ganz Deutschland vernetzt. Seine Aufgabe ist es, Gruppen bei ihrer Gründung zu unterstützen. Täglich kommuniziert er dafür mit zig Gleichgesinnten: mit Anna in Heidenheim, Lisa in Düsseldorf, Rosalie in Aachen. Für seine geliebten Netflix-Serien hat der Schüler keine Zeit mehr. „Greta Thunberg hat vorgemacht, dass man nicht viel braucht, um etwas zu bewegen“, sagt Landelin. „Man muss auch nicht einmal in einer Weltstadt wohnen, um sich einbringen zu können.“

Landelin Winter (17) aus Eberswalde sorgt für die internationale Kommunikation. Foto: Gaby Elisabeth Herzog

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, ist der Schlachtruf. Immer mehr Erwachsene haben das Bedürfnis, ebenfalls aktiv zu werden. Nachdem sich 23.000 Wissenschaftler solidarisierten, gründeten sich erst in der vergangenen Woche „Farmers for Future“, „Artists for Future“, „Teachers for Future“ und „Entrepreneurs for Future“.

Doch woher nimmt die „Fridays for Future“-Bewegung ihre Dynamik? Wer koordiniert das Erscheinungsbild? Wie schaffen es die Jugendlichen, sich auch auf nationaler und internationaler Ebene abzusprechen? Angela Merkel orakelte in einer Rede auf der Sicherheitskonferenz in München, dass es „äußere Einflüsse“ für so eine Bewegung geben müsse und vermutete wohl Russland dahinter. „Ich war schockiert, als ich das gehört habe“, sagt Linus Steinmetz (15) aus Göttingen. „Wir sind so erfolgreich, weil wir mit unseren Forderungen schlicht Recht haben: Stoppt den Klimawandel. Jetzt! Die Botschaft versteht jeder, und jeder kann bei uns mitmachen.“

„Wir sind so erfolgreich, weil wir mit unseren Forderungen schlicht Recht haben“, sagt Linus Steinmetz. Foto: Gaby Elisabeth Herzog

Die moderne Kommunikationstechnik macht’s möglich. WhatsApp ist dabei das wichtigste Medium. Nach der Rede von Greta Thunberg auf der Klimakonferenz, tat sich eine Handvoll Jugendlicher zusammen. Sie kontaktierten Freunde, die ihre Freunde angeschrieben. Ein Schneeballsystem. Spontan wurde beschlossen zu streiken, der Erfolg überraschte alle. Zum ersten Streik in Dezember kamen in Aachen 50 Menschen vor das Rathaus, am 15. März waren es 3000, deutschlandweit sogar 300.000.

Schnell waren die WhatsApp-Gruppen überfüllt. Die Schüler gründeten kleinere Diskussionskreise, Arbeitsgruppen, wählten Moderatoren und Delegierte. Die wichtigsten Entscheidungen werden bei Telefonkonferenzen getroffen, an denen nicht selten 100 Personen teilnehmen. „Wir gehören zu den am besten organisierten Gruppen weltweit“, sagt Linus und grinst. „Da werden wir Deutsche unserem Klischee gerecht.“ Der Neuntklässler  kümmert sich um den internationalen Austausch. Mauritius, Frankreich, Ecuador, New York. „Das ist schon etwas surreal. Eben habe ich noch mit meinen Eltern gezankt, dass ich mein Zimmer aufräumen soll und dann wähle ich mich von meinem Bett aus bei einer Telefonkonferenz ein.“

Rosalie Münz hat sich für die lokale Arbeit entscheiden. Die Waldorfschülerin ist Delegierte in Aachen. Dort gehören 45 Schülerinnen und Schüler zu den hoch Aktiven. Johanna (20), Nele (15), Lotta (19), Simon (20). Ein Mal in der Woche trifft sich das Plenum an einem geheimen Ort. „Den Treffpunkt geben wir nur per WhatsApp weiter. Eine kleine Vorsichtsmaßnahme, damit wir nicht von Unruhestiftern gestört werden“, erklärt die 19-Jährige. „Am Freitag treffen wir uns wieder um zehn Uhr vor dem Elisenbrunnen, um zu demonstrieren. Außerdem sammeln wir Ideen für neue Formate. Wir wollen in Aachen Müllsammelaktionen durchführen und in die Schulen gehen, um Vorträge zum Thema Klima und Umweltverschmutzung zu halten. Aber das müssen wir noch final abstimmen.“

Der Umgangston der Jugendlichen ist extrem freundlich. Man lässt sich ausreden, lobt die Ideen der anderen und anstatt harsche Kritik zu äußern, werden höflich „Alternativen“ vorgeschlagen. So hat jeder das Gefühl, ein wichtiger Teil der Bewegung zu sein. Auch zu Hause bekommen die Aktivisten in der Regel Unterstützung, die meisten Eltern sind Akademiker waren oder sind oftmals selber politisch aktiv.

Plakate in der Küche basteln

Rosalies Mutter betreibt einen Wollladen, der Vater verkauft Ökologische Fertighäuser, die ganze Familie hat sich für den Erhalt des Hambacher Forstes engagiert. Erderwärmung und Umweltverschmutzung werden beim Abendessen diskutiert – die Plakate für die Demonstrationen darf Rosalie selbstverständlich in der Küche basteln.

„Es ist uns bewusst, dass wir uns öffnen und Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten dazu bringen müssen, mitzumachen“, sagt Lucas Pohl (20) der in Kiel Politikwissenschaft studiert. Er kümmert sich um die Grafiken für Instagram. „Aber wir sollten uns auch fragen, warum wir erst jetzt auf die Straße gehen. Wir haben gewissenhaft den Müll getrennt und sind trotzdem munter in den Sommerferien durch die Welt geflogen. Ich auch. Heute schäme mich richtig dafür. Aber besser spät als nie, oder?“