Übach-Palenberg: Auf der Suche nach dem perfekten Wassertropfen

Übach-Palenberg: Auf der Suche nach dem perfekten Wassertropfen

„Willkommen im Single-Paradies!“ Soviel Selbstironie muss sein; jedenfalls dann, wenn das eigene Bad mittlerweile eher einem Laboratorium als einem „Wellness“-Tempel gleicht. Ein Fall für „Schöner Wohnen“ ist das Bad von Klaus Weissborn jedenfalls nicht. Gleichwohl beherbergt es eine kleine Attraktion, die in Fachkreisen schon mal Aufsehen erregt.

Denn hier, in einer unscheinbaren Etagenwohnung mitten im Zen­trum Übachs, entstehen Fotos, die ihresgleichen suchen. Angefangen hat alles vor etwa zwei Jahren: Weissborn, 54 Jahre alt, CAD-Kons­trukteur bei Saint-Gobain in Herzogenrath, steht in der Küche vor einem Stapel schmutziger Teller. Angesichts dieser wenig erbaulichen Beschäftigung schweifen seine Gedanken gerne ab. Seit einiger Zeit hat er die Fotografie als Hobby wiederentdeckt. Vor Jahrzehnten hatte er das erste Mal ernsthaft fotografiert, da war er noch Zivildienstleistender — analog, mit eigener Dunkelkammer. Im Laufe der Jahre ist seine Leidenschaft für die Fotografie jedoch eingeschlafen.

Im Sommer lockt die Landschaft: Die Brunssumer Heide zeigt sich im Morgennebel von ihrer schönsten Seite. Foto: Klaus Weissborn

Geweckt wird sie erneut, als er sich seine erste digitale Spiegelreflex-Kamera kauft. Weissborn fotografiert fortan alles mögliche: Landschaften, Menschen, Stadtleben — im Grunde alles, was ihm vor die Linse kommt. Bis zu jenem Tag in der Küche. Denn da beobachtet er gelangweilt, wie sich ein Tropfen vom Wasserhahn löst und einen Wimpernschlag später auf der Oberfläche seines Spülwassers aufschlägt. Ob sich das etwa fotografieren ließe? Klaus Weissborn erinnert sich an Aufnahmen, die er im Internet gesehen hat: Bilder von Tropfen, die von der Wasseroberfläche abprallen und sich zu kleinen Skulpturen formen.

Der Meister der Wassertropfen: Bei einem Selbstporträt von Klaus Weissborn darf eine extravagante Tropfen-Skulptur natürlich nicht fehlen.

Seine Neugier ist geweckt, doch die ersten Versuche, diesen entscheidenden Moment einzufangen, sind mehr als ernüchternd. Kein Wunder: „Alles spielt sich innerhalb einer Zwanzigtausendstelsekunde ab. Das ist schneller als ein Wimpernschlag“, sagt Weissborn. Er recherchiert im Internet, liest Erfahrungsberichte und Anleitungen anderer Fotografen. Seine ersten Fotos entstehen nun mit Hilfe einer Lichtschranke und einem Magnetventil. Ganz hübsch, aber längst noch nicht vorzeigbar.

„Um solche Fotos zu machen, muss man wirklich Enthusiast sein“, sagt Weissborn. Oder: im positiv­sten Sinne wahnsinnig. Schritt für Schritt steigert sich der Hobbyfotograf in den folgenden Monaten. Er experimentiert mit Software, diversen Objektiven, unterschiedlichen Farben und Verdickungsmitteln, bis das Ergebnis zum ersten Mal seinen Vorstellungen entspricht. Immer größer und aufwendiger wird seine Anlage im heimischen Badezimmer. „Eine Frau hätte das sicher nicht zugelassen“, sagt Weissborn augenzwinkernd.

Ungestört von einer ordnenden weiblichen Hand, läuft der Fotograf jedoch zu Höchstform auf, was man sich ungefähr so vorstellen muss: „Radio an, Fußball hören, Bierchen zischen.“ Und dann wird fotografiert: Mit einem von mittlerweile drei Magnetventilen startet Weissborn. Computergesteuert gibt das Ventil kurz hintereinander mehrere Tropfen einer bunten Flüssigkeit ab. Die Kamera löst nun automatisch aus, mehrere Blitze frieren das Bild förmlich ein. Immer wieder ändert Weissborn verschiedene Parameter, bis sich eine Figur bildet. Nun schaltet er die zwei zusätzlichen Ventile scharf und korrigiert erneut die „Flugbahn der Tropfen“, wie er sagt. Mit dem Ergebnis ist er schon einigermaßen zufrieden: „Der erste Tropfen prallt zurück, von oben kommt der zweite, dann die Explosion. Wahnsinn!“

Farben aus Großbritannien

Beinahe liebevoll streichelt Weissborn über seine Apparatur. Es gebe Leute, die sagten: „Wassertropfen halt. Na ja!“ Die meisten, vor allem Fotolaien, reagierten jedoch begeistert. „Jeder Tropfen ist einfach ein Unikat.“ Sicher: Der Übach-Palenberger hat die Tropfenfotografie nicht erfunden. Er nutzt Software und Anleitungen, die frei im Internet erhältlich sind. „Dort werden inzwischen schon komplette Sets für 800 US-Dollar zum Kauf angeboten“, verrät er.

Allerdings hat es Weissborn in dieser Disziplin inzwischen zu wahrer Meisterschaft gebracht — innerhalb kürzester Zeit. Das Bild, mit dem er beim Leserwettbewerb Blende 2014 zunächst den zweiten, in der bundesweiten Endausscheidung später den fünften Platz erreichte, erscheint ihm heute, kein Jahr nach der Entstehung, schon allzu simpel. „Nur eine Figur, bei näherem Hinsehen sieht man noch Wasserbläschen auf der Oberfläche — das kann ich heute schon viel besser“, sagt er selbstkritisch. Tatsächlich türmen sich auf seinen neuen Fotos bereits mehrere Fontänen in unterschiedlichen Farben auf, die immer wieder durchbrochen werden. Skeptikern sei versichert: In diesen Fotos steckt so gut wie keine Bildbearbeitung. Einen Durchbruch erzielte Weissborn vielmehr mit einer Lieferung von Lebensmittelfarben aus Großbritannien. „Die englischen Farben sind viel intensiver, die leuchten mehr.“

Gibt es Ziele für die Zukunft? Weissborn lächelt. „Horizontale Durchschüsse wären natürlich spektakulär“, sagt er. Die Nachbarn können jedoch aufatmen: Geschossen wird im Bad nach wie vor nur mit Wassertropfen. Immerhin: Die Konkurrenz schläft nicht. Die Szene der Wassertropfen-Fotografen ist zwar nicht gerade groß, maximal fünf deutsche Kollegen spielen wie Weissborn in der ersten Liga. Aber wer weiter Aufsehen erregen will, der muss sich schon etwas Neues einfallen lassen.

„Im Frühjahr wird die Kiste aber erst einmal eingemottet.“ Dann geht es mit Freunden und Kameras raus in die Natur. Morgens um 4 Uhr wartet Weissborn schon mal in der Heide auf die ersten Sonnenstrahlen. Kann es etwas Schöneres geben? Höchstens bunte Tropfen!