Aachen: Auf dem langen Weg zum Wendepunkt

Aachen: Auf dem langen Weg zum Wendepunkt

Die Angst saß immer mit am Tisch. Sie ging mit zur Arbeit und ins Wochenende. Die Angst lag mit im Bett. Es gab diese Angst vor dem seelischen Absturz, vor dem körperlichen auch. Angst vor dem Kontrollverlust. Angst vor Gewaltausbrüchen. Angst davor, entdeckt zu werden. Die Angst war überall dabei.

Anke Reith sagt: „Das Schlimmste war, dass man nicht darüber sprechen konnte.”

Ihre Kinder, heute 13, zehn und drei Jahre alt, hätten nie ein Wort über die Lippen gebracht. Niemals „nach außen”, früher nicht. „Sie haben sich geschämt”, sagt Anke Reith. Manchmal sprachen sie mit ihr über die merkwürdige Krankheit ihres Vaters Heinz. „Einmal sagte meine Älteste: ’Ich glaube, Papa hat sich das Valium nur gespritzt, weil ich schlecht bin in der Schule.”

Lernen, wieder Kind zu sein

Richtig war daran nur: Ja, er hatte es wieder getan, wie so oft, immer öfter. „Unsere Tochter war immer eine gute Schülerin”, sagt Anke Reith. Erstaunlich gut - eigentlich, fügt ihr Mann hinzu. „Fast immer suchen Kinder die Schuld bei sich selbst, wenn sie spüren, dass ihre Eltern massive Probleme haben”, sagt Petra Rachner, Leiterin der Caritas-Beratungsstelle „Feuervogel”.

Vor rund anderthalb Jahren nämlich hat Anke Reith die Notbremse gezogen, suchte und fand den Kontakt zur Einrichtung der Caritas-Suchthilfe an der Heinrichsallee in Aachen. Es war einer dieser Wendepunkte im gemeinsamen Leben von Familien, die gleichsam im Bannstrahl der Sucht gefangen sind - bis das Kartenhaus der Illusion vom intakten Miteinander durch eine vermeintlich überraschende Katastrophe endgültig zum Einsturz gebracht wird. „Eines Tages”, sagt Heinz Reith, „habe ich mir eine derart große Dosis Diazepam gespritzt, dass ich fast an einer Atemlähmung gestorben wäre.” Danach glaubte er, es zu bedauern, dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein. Freunden eröffnete er, nicht mehr leben zu wollen. „Ein Hilfeschrei”, weiß er heute. Zum Glück wurde er gehört.

Heinz Reith begann eine Therapie. Er nimmt keine Drogen mehr, die Krankheit selbst aber kann er so wenig abschütteln wie ein trockener Alkoholiker.

Rund 6700 Kinder und Jugendliche leben allein in Aachen in suchtbelasteten Familien, wie die Experten das nennen. „Feuervogel” zeigt vielen von ihnen den Weg aus einem Teufelskreis. Auch die Reiths haben mit Hilfe von Petra Rachner und ihrem Team gelernt, sich offen und konstruktiv mit der Abhängigkeit des Vaters - und allen ihren Folgen - auseinanderzusetzen. Nicht nur im kleinsten Kreis.

„Wenn die Kinder zum ersten Mal mit anderen Betroffenen im gleichen Alter zusammenkommen, hört man förmlich, wie ihnen die Steine von den Herzen purzeln”, sagt Petra Rachner. Sie lernen, dass ihre Ängste, ihre Wut, ihre Verzweiflung ganz normal sind, weil ihre Situation es eben nicht ist. Sie erfahren, dass auch andere ihre eigenen Strategien entwickelt haben, um das Unsägliche zeitweise wegzuschieben - genauso, wie ihr Vater seine Ampullen und Pillen zu Hause und am Arbeitsplatz mit immer neuen Einfällen versteckt hat, in Kulihülsen, Streichholzschachteln oder sonstwo.

Loslassen, ein Stück weit

Sie lernen, dass ihre Erziehungsberechtigten ein Problem haben, das nicht sie, die Kinder, verursacht haben. Im Grunde lernen sie, wieder Kind zu sein. „Weil sie ihre Eltern mehr lieben als sich selbst, laufen sie stets Gefahr, sich selbst zu betrügen”, sagt Petra Rachner.

Rund 60 Prozent aller Kinder aus Familien, in denen Vater, Mutter oder beide Eltern süchtig sind nach Alkohol, Medikamenten oder Drogen, werden laut Statistik über kurz oder lang selbst krank und/oder abhängig. Der „Feuervogel” steht ihnen zur Seite, so wie das gleichnamige Zaubertier aus einem osteuropäischen Märchen, das einen jungen Prinzen vor seinen niederträchtigen Häschern beschützt.

Viele, die die Hilfe der Berater in Anspruch nehmen, seien später gefeit vor der Gefahr, Konflikte mit Drogen „zuzukleistern”, wie Heinz Reith es im Rückblick für sich selbst beschreibt. „Schließlich werden bei uns nicht nur Probleme gewälzt”, betont Petra Rachner. „Im Gegenteil, wir machen Ausflüge, Spielnachmittage und vieles mehr. Bei uns wird viel gelacht!”

Das dürfen auch die Reiths wieder von sich sagen. Die Arbeit hat sich gelohnt, sagt Anke Reith. „Meine Kinder machen sich bemerkbar, sie haben neues Selbstbewusstsein entwickelt”, sagt sie. „Sie schweigen nicht mehr, wenn es ihnen mal nicht so gut geht. Ich kann sie jetzt ein Stück weit loslassen. Und damit haben sie uns geholfen, die Spirale der Sucht zu stoppen.”

Die Namen der Betroffenen wurden geändert.

Mehr von Aachener Zeitung