1. Region

Aachen: „Auch Vergessen ist manchmal heilsam”

Aachen : „Auch Vergessen ist manchmal heilsam”

Sie sind meist unsichtbar, selbst für nahe Angehörige kaum zu bemerken. Doch sie können das Leben eines Menschen nachhaltig beeinflussen: Wunden an der Seele heilen oft nur langsam.

Deshalb gilt ihnen in der Aachener Traumaambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie höchste Aufmerksamkeit. Seit rund zweieinhalb Jahren existiert diese Einrichtung am Uniklinikum.

Auf Initiative des Opferschutzbeauftragen der Aachener Polizei, Rainer Mundt, war hier die erste Traumaambulanz Nordrhein-Westfalens mit dem Ziel gegründet worden, jungen Opfern von Gewalttaten und anderen traumatisierten Kindern und Jugendlichen schnell und effektiv helfen zu können.

Seither sind 104 Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 17 Jahren aus der gesamten Region betreut worden. Die Leitung der Klinik zog jetzt eine erste Bilanz: „Traumatisierte Kinder können Furcht oder Angst oftmals nicht in Worten äußern. Wir ergründen deshalb zunächst das Problem, um dann eine optimale Behandlung einleiten zu können”, erklärte Prof. Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Das Ziel sei dabei keine „Therapie um jeden Preis”. Kinder und Jugendliche verfügten über unterschiedliche Schutzmechanismen, um mit dem erlebten Schrecken umzugehen: „Auch das Vergessen ist manchmal ein sehr heilsamer Prozess.” In vielen Fällen aber sei eine Therapie unumgänglich.

Bei knapp einem Viertel der untersuchten Kinder und Jugendlichen war sexueller Missbrauch der Grund für den Besuch in der Ambulanz. Weitere Ursachen waren der Tod naher Angehöriger, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Nur wenige Jugendliche suchen von sich aus den Weg zur Klinik, die meisten Betroffenen werden von der Polizei oder dem Jugendamt auf das Angebot aufmerksam gemacht. „Wir fungieren als Schnittstelle in einem Netzwerk aus Behörden, Schulen und niedergelassenen Psychologen”, so Dr. Freia Hahn, die Leiterin der Traumaambulanz.

Besonders schwerwiegend seien so genannte posttraumatische Stressstörungen, die etwa ein Fünftel der Kinder als Folge des Traumas entwickeln. Das Kind durchleide so den Schrecken stets aufs Neue. Auffallende Symptome seien Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten oder Schreckhaftigkeit.

„Werden diese Symptome nicht ernst genommen, drohen ernste psychologische Probleme”, betonte Prof. Henning Sass, ärztlicher Direktor des Klinikums. Die Traumaambulanz erfülle deshalb eine wichtige vorbeugende Funktion. Die Ambulanz ist rund um die Uhr unter 0241/ 8080770 zu erreichen.