Aachen: „Auch selbstfahrende Autos können nicht alle Unfälle verhindern“

Aachen : „Auch selbstfahrende Autos können nicht alle Unfälle verhindern“

Am Anfang einer neuen Technologie steht meist die Angst vor deren Versagen. Das war im 19. Jahrhundert beim Bau der Eisenbahn der Fall, später beim Flugzeug nicht anders und selbst die Einführung des elektronischen Aufzugs wurde von der Furcht vor Systemausfällen begleitet. Kein Wunder also, dass auch die Fortschritte des autonomen Fahrens kritisch beäugt werden, oder?

„Natürlich ist die Bevölkerung erstmal vorsichtig gegenüber technischen Neuerungen — das ist ja auch grundsätzlich gut so“, sagt Lutz Eckstein. Der Leiter des Instituts für Kraftfahrzeuge (ika) an der RWTH Aachen und Experte auf dem Gebiet der Automatisierungstechnik ist dennoch zuversichtlich. „Für mich ist das automatisierte Fahren der Schlüssel zu einer deutlichen Steigerung der Sicherheit im Straßenverkehr.“

Noch immer werden in Deutschland pro Jahr rund 1500 Fußgänger und Radfahrer bei Verkehrsunfällen getötet. Da jeder Kontakt mit Fahrzeugen für sie ein hohes Verletzungsrisiko birgt, gelten sie als besonders verletzbare Verkehrsteilnehmer.

Doch sie sind auch die unberechenbarsten: Sie ändern plötzlich die Richtung, sind nachts schlecht zu sehen und können Autofahrer nicht akustisch auf sich aufmerksam machen. Das macht es auch einem hoch technisierten System schwer, ihr Verhalten vorherzusehen und schnell genug zu reagieren.

Eine Überlegung sei daher, die Verkehrsteilnehmer über ultraschnelle Mobilfunknetze miteinander kommunizieren zu lassen, erläutert Eckstein. „Dann könnten Fußgänger von ihrem Smartphone vor sich schnell nähernden Gefahren gewarnt werden.“ Auch könnten im Fahrzeug installierte, intelligente Sensoren Fußgänger über ihr Handysignal erkennen, bevor sie tatsächlich sichtbar sind.

Autonom fahrende und damit auch autonom entscheidende Systeme werfen aber auch ethische Fragen auf. Eine vom deutschen Verkehrsministerium berufene Ethikkommission hat deshalb im Juni 2017 Regeln für den automatisierten und vernetzen Fahrzeugverkehr aufgestellt. Die oberste Regel lautet: „Der Schutz von Menschen hat Vorrang vor allen anderen Nützlichkeitsabwägungen.“ Die Diskussion darüber hält Eckstein für überaus wichtig, die Regeln seien aber auf technischer Ebene nicht alle leicht umzusetzen.

Dass nach dem tragischen Unfall mit einem selbstfahrenden Auto in den USA direkt die zugrundeliegende Technologie angezweifelt wird, hält Eckstein für grundfalsch. „In meinen Augen setzen solche Tests im Realverkehr umfangreiche Simulationen und Versuche voraus - ein Experimentieren im Realverkehr ist verantwortlungslos“, sagt er. In Deutschland beschränke man sich noch fast ausschließlich auf abgeschlossene Test-Areale wie das Aldenhoven Testing Center im Kreis Düren. Dort werden in simulierten Situationen die Risiken erprobt und Lösungen entwickelt. „Der Einsatz der umgerüsteten Fahrzeuge im Realverkehr ist unabdingbar, aber muss in jedem Fall der letzte Schritt sein“, sagt Lutz Eckstein.

Ihm ist wichtig, das Vertrauen in die Technologie zu erhalten, denn: „Eigentlich sind automatisierte Systeme dem Menschen in vielen Punkten deutlich überlegen: Sie fahren defensiver, haben eine kürzere Reaktionszeit bei Gefahren, bremsen stärker und halten die Geschwindigkeitsvorschriften in der Regel exakt ein“, sagt er. All diese Faktoren sollen in der Praxis das Unfallrisiko senken. Und doch: „Wir müssen uns damit anfreunden, dass auch selbstfahrende Fahrzeuge nicht alle Unfälle verhindern können“, sagt Eckstein. Beispiel sei ebenjener Unfall.

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