Köln: „Au Hur“: Ein Lexikon der Sprachdiplomatie

Köln : „Au Hur“: Ein Lexikon der Sprachdiplomatie

Am Oschi ist selbst Peter Honnen verzweifelt. Das Wort bezeichnet im Ruhrgebiet ein dickes Ding, am Niederrhein heißt so auch ein Mixgetränk aus Asbach und Cola. Aber wo kommt der Begriff her? Eine Ableitung aus dem Jüdisch-Deutschen schließt der Sprachwissenschaftler im Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) aus, auch es wenn eine phonetische Ähnlichkeit gibt. „Aber seine Herkunft ist rätselhaft, und es ist noch gar nicht so alt“, sagt Honnen.

Ähnlich erging es ihm mit dem Begriff Au Hur, ein in und um Aachen weit verbreiteter, an sich harmloser Ausruf des Erstaunens oder eine Bezeichnung für ein Schlitzohr. Er könne eigentlich nur als „alte Hure“ verstanden werden, tauche aber in Aachener Wörterbüchern nicht auf, „weil er offensichtlich als nicht gesellschaftsfähig gilt“. Oschi und Au Hur gehören also zu den wenigen Wörtern, deren Ursprung Peter Honnen in seinem Herkunftswörterbuch „Wo kommt dat her?“ der Umgangssprache an Rhein und Ruhr nicht klären kann. Dafür hat der gebürtige Duisburger ganz andere Schätzchen enträtselt, rund 1500 Wörter von A wie Aas (das für den Westzipfel eher unter O wie Oos auftauchen müsste) über M wie Mösch, S wie spinksen, V wie verfransen bis Z wie zauen.

Beispiele für den rheinischen Sprachschatz: Der Spatz ist die Mösch, wenn es regnet, dann plästert es, wer sich verkühlt, holt sich einen Pips, doch ein dünner Kaffee ist nur für Aachen als Plörre in Wörterbüchern vermerkt. Das alles steht im Herkunftswörterbuch „Wo kommt dat her?“. Foto: dpa

„Die empirische Basis für dieses Buch liegt nicht in Archiven, sondern bei sprechenden Menschen“, betont Verleger Damian van Melis. Seit rund zehn Jahren gibt es beim LVR auch ein Online-Mitmach-Wörterbuch, für das Menschen umgangssprachliche Wörter und Redewendungen vorschlagen können. Kabarettist und Moderator Stefan Verhasselt, geboren in Straelen, arbeitet für seine Programme auch mit seiner niederrheinischen Heimatsprache. „Es gibt so viele Wörter in diesem Buch, die ich aus meinem Elternhaus kenne“, sagte er bei der Buchvorstellung in Köln. „Wo kommt dat her?“ sei ein Buch der Diplomatie, das helfe zwischen Neuen und Alteingesessenen Brücken zu bauen.

Beispiele für den rheinischen Sprachschatz: Der Spatz ist die Mösch, wenn es regnet, dann plästert es, wer sich verkühlt, holt sich einen Pips, doch ein dünner Kaffee ist nur für Aachen als Plörre in Wörterbüchern vermerkt. Das alles steht im Herkunftswörterbuch „Wo kommt dat her?“. Foto: dpa

Verhasselt selbst erfreut sich sehr an einem Wort wie Schummeln, das bundesweit zwar als Begriff fürs Betrügen bei einem Spiel oder einer Klassenarbeit bekannt ist. Am Niederrhein und in Westfalen hat es aber noch die ursprüngliche Bedeutung: Man kann zum Beispiel in Schränken und Schubladen rumschummeln, denn es heißt auch rumsuchen und ausspionieren. Und mit einem anderen seiner Lieblingswörter kann man sicherlich jeden Zuwanderer im Rheinland innerhalb kürzester Zeit enttarnen. Wenn der Rheinländer jückelt oder op jück ist, würde ein Kosmopolit vermutlich „cruisen“ — also ohne Zweck und Ziel unterwegs sein.

Beispiele für den rheinischen Sprachschatz: Der Spatz ist die Mösch, wenn es regnet, dann plästert es, wer sich verkühlt, holt sich einen Pips, doch ein dünner Kaffee ist nur für Aachen als Plörre in Wörterbüchern vermerkt. Das alles steht im Herkunftswörterbuch „Wo kommt dat her?“. Foto: dpa

Honnen räumt auch mit falschen Legenden auf. Das Wort Fisematenten entstand demnach nicht durch die Aufforderung napoleonischer Soldaten an die rheinischen Mädchen „Visitez ma tente!“ (Besucht mein Zelt!). Vielmehr sei es schon 1499 in einer Kölner Chronik als „visimetent“ (überflüssiges Getue) nachgewiesen. Und dann gibt es Worte wie Plörre, für einen dünnen Kaffee, die es nur an einem Ort gibt, in diesem Fall in Aachen.

Wörter mehr als 2500 Jahre alt

Peter Honnen stört es, dass die Umgangssprache ein solch schlechtes Image hat. Wenn zum Beispiel ein Comedian einen simplen Charakter darstellen wolle, bediene er sich oft umgangssprachlicher Begriffe. „Das heißt, er ist ungebildet und spricht kein richtiges Hochdeutsch. Dabei ist Umgangssprache höchst interessant, zum Teil sogar interessanter als Hochdeutsch.“

Vor allen Dingen lässt sich anhand unserer Sprache die Geschichte des Landes ablesen. Es gibt Wörter römischen, keltischen, niederdeutschen und französischen Ursprungs. Manche sind rund 2000 oder sogar mehr als 2500 Jahre alt. Wenn es im Rheinland zum Beispiel plästert (regnet), man deshalb den Söller (Dachboden) aufräumen kann und danach ein Käppchen (Tässchen) Kaffee trinkt, gehen alle umgangssprachlichen Begriffe auf Wörter der Römerzeit zurück. Und wer sich dann noch im useligen Wetter einen Pips geholt hat, der denkt sicherlich nicht daran, dass dessen Ursprung (pituita) im Lateinischen einen ka­tharralische Entzündung der Nase bei Hühnern war. „Dieses Wort verwenden die Menschen hier in der Region seit 2000 Jahren, der Schnupfen ist erst 500 Jahre alt“, sagt der Sprachforscher. Und wenn etwas charakterlos und ärmlich ist, sagt der Rheinländer schäbbig (vom altnordischen Scabba für Krätze).

Die Region an Rhein und Ruhr war immer vielen fremden und neuen Einflüssen ausgesetzt. So bereicherte der Handel mit den flämischen Städten nicht nur die Bürger, sondern auch deren Sprache. „Im Hoch-Niederländischen gibt es eine Menge Wörter, die auch eine rheinische Entsprechung hat“, sagt Honnen. Blötsch (Delle), knöttern (meckern), laff (fad), verbaseln (verlieren), stickum (heimlich) und nölen (jammern) sind nur einige Beispiele. Zudem gibt es Lehnwörter aus dem Niederländischen wie Bohei, Poller oder Rabauke.

Auch das Jiddische hat die Sprache beeinflusst. So mauert ein Skatspieler, wenn er mit guten Karten nicht reizt. „Das hat aber nichts mit unserem Wort mauern zu tun, sondern geht aufs jiddische Mora, dem Wort für Angst, zurück“, sagt Honnen. Ebenso jüdischen Ursprungs sind Knast, Klamotten und für lau.

Lange hat sich der Duisburger, der schon die Bestseller „Kappes, Knies und Klüngel“ sowie „Alles Kokolores“ geschrieben hat, gewehrt, solch ein Herkunftswörterbuch der rheinischen Sprache zu veröffentlichen. Das sei schlicht zu mühselig, befand er. „Weil es keine Verschriftlichung gibt, fängt man schnell an zu schwimmen“, betont Honnen. Er arbeitete sich durch rheinische und westfälische Wörterbücher. Wurde er da fündig, forschte er weiter in niederdeutschen Sammlungen, dann wiederum in Wörterbüchern des Niederländischen oder des Mittellateinischen. Eine Sisyphos-Aufgabe. Oder wie der Rheinländer sagen würde: ne Fummelsarbeit.

Peter Honnen: „Wo kommt dat her? Herkunftswörterbuch der Umgangssprache an Rhein und Ruhr, 688 Seiten, Greven-Verlag, 28 Euro.