1. Region

Eschweiler: Arzthelferinnen fühlen sich in Stich gelassen

Eschweiler : Arzthelferinnen fühlen sich in Stich gelassen

Dicke Luft in den Arztpraxen: Während die Politik die Einführung der Praxisgebühr als Erfolg wertet, sehen die Arzthelferinnen das ganz anders.

„Bei den Patienten mehren sich Ver- ständnislosigkeit und Aggressionen. Die Arzthelferinnen können ihr Berufsfeld um Geldwechselstube und psychologische Beratung erweitern. So gehts nicht”, meint Birgit Krings, Vorsitzende der Aachener Bezirksstelle im Berufsverband der Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen.

„Die Gesundheitsreform soll Kosten senken, das ist in Ordnung. Nicht in Ordnung ist die Flut ständiger organisatorischer Neuerungen, auf die wir uns zeitlich und qualitativ nicht in ausreichender Art und Weise einrichten können. Wir wollen nicht zu bloßen Formularausfüllern degradiert werden.”

Beispiel: das Disease-Management-Programm (DSM), bei dem chronisch kranke Patienten unter bestimmten Voraussetzungen von der Praxisgebühr befreit werden können. Dazu sind statistische Datenerfassungen notwendig. Der Patient füllt ein Formular aus, die Praxis schickt dieses an eine zentrale Datenerfassungsstelle, von wo aus es schließlich an die Krankenkasse weitergeleitet wird.

Ziel des Systems ist es, die Folgeschäden weitverbreiteter chronischer Krankheiten zu verringern und Kosten zu senken. Hört sich gut an, funktioniere aber in der Praxis leider nicht, klagen die Arzthelferinnen. Mittlerweile sei bereits die dritte Datenerfassungsstelle in Folge installiert, um sich der Datenflut anzunehmen. Noch mehr Formulare mit noch weniger Alltagstauglichkeit seien zu befürchten.

Rund 600 Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen sind in der Aachener Bezirksstelle organisiert. Sie monieren die ständigen organisatorischen Neuerungen im Gesundheitswesen. Ein wahrer Formularkrieg spiele sich in den Arztpraxen ab, der nur von Leuten angezettelt worden sein könne, die „nicht den blassesten Schimmer vom täglichen praktischen Ablauf” hätten.

Bereits zum wiederholten Male sei etwa Reform und Einführung des so genannten Einheitlichen Bewertungsmaßstabes (EBM) angekündigt und verworfen worden. Viele Arzthelferinnen hätten bereits an Seminaren teilgenommen, die sich jetzt als überholt herausstellen würden.

Mehr ungelernte Kräfte

Droht also in naher Zukunft, wenn die Arztpraxen die Richtlinien des Qualitätsmanagements einführen müssen, das komplette Chaos? „Das ist zu befürchten”, sagt Birgit Krings.

Bereits jetzt spricht der Berufsverband „von einer schleichenden Deprofessionalisierung” des Berufsstandes. Denn der Trend zur Einstellung ungelernter 400-Euro-Kräfte halte an.

Häufiger wechselndes und weniger qualifiziertes Personal führten dazu, dass Arztpraxen zu reinen Wirtschaftsunternehmen mutierten. Die besondere Verantwortung gegenüber dem Patienten und die Qualität der medizinischen Versorgung drohe auf der Strecke zu bleiben.

Dabei sei die klaffende Lücke offensichtlich: Angesichts der demographischen Entwicklung werde das Bedürfnis nach individueller Betreuung und Beratung seitens der Patienten zukünftig noch größer.

Die zweitgrößte medizinische Berufsgruppe hinter den Krankenschwestern fühlt sich allein gelassen: „Die Krankenversicherungen produzieren nur Papier, die Politiker verstehen unser Handwerk nicht und der Qualitätsverlust in der medizinischen Versorgung zu unseren Lasten ist programmiert.”