App gefahrenstellen.de: Vor riskanten Punkten im Straßenverkehr warnen

Aachen : Mit einer App vor riskanten Punkten im Straßenverkehr warnen

Jeder kennt das: Die verflixte Kreuzung, an der sich immer wieder Fußgänger und Autos in die Quere kommen. Die Stelle, wo der Radweg plötzlich endet und die Radler in den fließenden Verkehr gezwungen werden. Die Ecke, an der seit Jahren ein Zebrastreifen fehlt. Oder die Straße, die zum Rasen geradezu einlädt. Und irgendwann kracht es dann genau dort.

Und es kracht immer öfter: Die Zahl der Unfälle in Deutschland hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen und erreichte 2017 mit rund 2,64 Millionen einen neuen Höchststand — zwei Prozent mehr als 2016. Allein im Aachener Stadtgebiet kam es im vergangenen Jahr zu 11.990 Verkehrsunfällen, 972 Menschen wurden dabei schwer oder leicht verletzt. Fünf starben.

„Was kann man machen, um die Straßen sicherer zu machen“, hat sich Arno Wolter gefragt. Die Antwort lautet: gefahrenstellen.de. Dahinter verbirgt sich eine pfiffige Online-Lösung, die einer simplen Überlegung folgt: nämlich Gefahren rechtzeitig zu erkennen und zu entschärfen. „Es muss bisher halt immer erst etwas passieren“, sagt Dirk Kemper, Oberingenieur am Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen, der mit seinem Team das Projekt wissenschaftlich begleitet. Im Klartext: Nur wenn eine Stelle als Unfallbrennpunkt lokalisiert ist, also innerhalb eines Jahres viele Unfälle geschehen oder bionnen drei Jahren mehere Unfälle mit Verletzten registriert werden, diskutieren Polizei und Behörden, was man besser machen kann.

Der Bonner Arno Wolter will das endlich ändern. Die Idee war buchstäblich naheliegend: „Vor unserem Büro quietscht es täglich heftig, weil da eine schlecht einsehbare Ausfahrt ist“, sagt der 43-Jährige. Gemeinsam mit seinen Brüdern Henrik und Jörn hat Wolter das Online-Warnsystem entwickelt. Gefördert mit Mitteln des Bundesverkehrsministeriums ist die Internetseite Teil des Projekts „Früherkennung von Gefahrenstellen im Straßenverkehr“ (FeGIS). Seit Mai ist gefahrenstellen.de auch als kostenlose App im Google Play Store verfügbar, eine iOS-Version für Apple-Nutzer soll später folgen.

Riskante Orte anonym melden

Die Handhabung ist denkbar einfach und intuitiv: Auf einer interaktiven Karte markiert man mit einem Klick die kritische Stelle. Dann wählt der Nutzer aus, für wen dort seiner Ansicht nach eine Gefahr besteht: für Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer, für Motorradfahrer, Lkw oder Busse. Im nächsten Schritt kann man auswählen, was die Stelle riskant macht: Unübersichtlichkeit, Fehlverhalten durch Fahrer oder Fußgänger, Straßenverhältnisse, Wetter oder Sonstiges.

Und schließlich fragt die App zum Beispiel, ob man die Gefahr selbst erlebt hat, sie nur vom Hörensagen kennt oder ob es dort schon einmal einen Unfall gegeben hat. Der Anwender kann ein Bild der Straße hochladen, einen Kommentar hinzufügen oder sich anderen Nutzern anschließen, die bereits einen Pinn auf der Karte gesetzt haben. Melden kann man riskante Orte anonym; erst wenn man einen Kommentar hinzufügt, ist die Eingabe einer Email-Adresse erforderlich. Dazu erhält der Nutzer einen Link, der mit einem Klick bestätigt wird, und der Eintrag ist freigeschaltet.

Für Aachen existieren bereits einige Einträge, Beispiel Adalbertsteinweg: „Einordnung der Linksabbieger erfolgt durch Kreuzung der Busspur.“ Oder zur Oppenhoffallee: „Die Fahrbahnbreite ist zu gering, um Radfahrer sicher zu überholen.“

So entsteht mit und mit, was die Entwickler einen „Gefahrenscore“ nennen — also ein Gesamtbild der neuralgischen Punkte. Kemper, Wolter und die anderen hinter der App gleichen die Einträge mit bestehenden Datenquellen, etwa polizeilichen Unfallstatistiken ab, um zu möglichst verlässlichen Ergebnissen zu kommen. Aachen wurde — neben Bonn — in der aktuellen Testphase als eine von zwei Modellregionen ausgewählt. Denn gefahrenstellen.de ist ein typisches Mitmachtprojekt: Je mehr Verkehrsteilnehmer sich beteiligen, desto aussagekräftiger wird das Ganze. In und um Bonn herum gibt es inzwischen mehr als 300 Meldungen. Bis Jahresende hoffen Kemper und Wolter auf Meldungen im fünfstelligen Bereich.

Die App-Macher wollen das Angebot künftig ausbauen. Denkbar ist etwa eine Online-Petition, mit der zum Beispiel Radler der Forderung nach Bau eines Radwegs Nachdruck verleihen können. Die gesammelten Daten könnten auch Autoherstellern und Entwicklern von Navigationssystemen zur Verfügung gestellt werden. So würde das Navi in Zukunft gezielt warnen, wenn man sich einer gefährlichen Stelle nähert. Ein Autofahrer könnte irgendwann nicht mehr nur die schnellste oder bequemste Route wählen, sondern sich durch die sicherste lotsen lassen. Und Eltern können, genügend Meldungen vorausgesetzt, demnächst auf der Karte den sichersten Schulweg für ihre Kinder ausarbeiten.

Lob von ADAC und ADFC, aber...

Automobilclubs wie der ADAC und der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) sollen in nächster Zeit mit uns Boot geholt werden. Bei beiden Verbänden steht man dem neuen Angebot sehr positiv gegenüber. „Die Idee ist gut und geht in die richtige Richtung“, sagt Roman Suthold, Leiter Verkehr und Umwelt des ADAC Nordrhein. „Die Projektpartner versprechen zudem ein qualitativ hochwertiges Niveau.“ Entscheidend für die Unfallvermeidung, betont Suthold, sei neben der Identifizierung von Gefahrenquellen im zweiten Schritt auch ihre Beseitigung. „Hier setzen wir als ADAC in NRW zum Beispiel mit unserer kostenlosen App „Läuft‘s?“ an. Darüber können Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer Mängel im Straßenverkehr, wie Schlaglöcher oder unlesbare Schilder, bei uns melden. Wir leiten die Meldungen zur Bearbeitung dann an die zuständigen Behörden weiter.“ Schlaglöcher, so der ADAC-Mann, würden am häufigsten moniert.

Buckelige, viel zu schmale, plötzlich endende, fehlende oder nicht erkennbare Radwege — oder solche, die durch Baustellen, Poller oder Werbeschilder verstellt sind, sind für Radfahrende frustrierend und gefährlich, meint Stephanie Krone vom ADFC in Berlin. „Jedes intelligente System, das dieses Problem angeht, ist uns zunächst einmal willkommen.“ Das Problem liege bei den Kommunen: Weil Personal fehlt oder das Problembewusstsein, würden Mängel oft mit großer Verzögerung beseitigt. „Ein Aufruf des Berliner Senats, gefährliche Kreuzungen zu melden, hatte vor einigen Jahren so viele Antworten zur Folge, dass sie bis heute nicht aufgearbeitet sind“, erklärte die ADFC-Sprecherin.

Übrigens: Warnhinweise lassen sich in ganz Europa setzen. So meldet „yogi“ im Tiroler Abfaltern nahe der italienischen Grenze: „Enge Kurve mit nur einer Spur Breite.“ Und „Claudine“ bestätigt: „Entgegenkommende Fahrzeuge müssen zurücksetzen. Sehr eng!“

Also: Auch da ist was zu tun.

Mehr von Aachener Zeitung