Zeeland: Antreten gegen eine Wand aus Wind

Zeeland : Antreten gegen eine Wand aus Wind

Letztes Wochenende war es wieder so weit: Windstärke 7 verkündeten die Meteorologen für die Nordsee-Küste. Wenn andere dann Fensterverschläge fixieren und Gartenmöbel reinstellen, holen Holländer ihre Hollandräder raus und fahren die Meisterschaft im Gegenwindfahren aus.

Am Nikolaustag gab es auf der eindrucksvollen „Stormvloedkering“ — also der Sturmflutsicherung — in Zeeland zum vierten Mal diese ganz besondere Packung Frischluft. Diesmal kam der Wind exakt aus der richtig falschen Richtung.

Wo wenn nicht an dem Ort, an dem die Technik mit einem Weltwunder der Baukunst den Elementen trotzt, wo vor der Oosterschelde, der Mündung von Rhein, Maas und Schelde, Sturm und Sturmflut gewehrt wird? Hier fahren die Schulkinder notgedrungen mit aerodynamischen Aufsätzen zur Schule, als wären sie alle Triathleten. Denn es weht fast immer — und meist heftig.

Der ideale Ort für ein typisch niederländisches Spaß- und Sport-Event. Bei der „NK Tegenwindfietsen“ (Nationale Meisterschaft Gegenwindradfahren) starten fast dreihundert Sportler und andere Verrückte zu einem Einzelzeitfahren über 8,5 Kilometer gegen möglichst starken Wind von vorne. Auf identischen Hollandrädern mit Rücktritt und ohne Gangschaltung!

Am nördlichen Ende des Kon­strukts aus künstlichen Inseln und riesigen Beton-Stelzen mit hydraulischen Flut-Schotten geht es von der Startrampe runter wie bei den Radprofis. Doch dann geht erst mal nicht mehr viel, denn Windstärke 7 genau von vorne ist wie eine massive Wand aus Luft.

Dazu peitscht noch Sand vom benachbarten Strand in die Gesichter der Teilnehmer. Doch ob mit Sportdress, ob im Einteiler mit Paprikamuster oder im Tüllröckchen, das Strampeln scheint Spaß zu machen. Das Event ist ein wenig wie Karneval, die Teilnehmer treten mit Badekappe, Anzug und wild flatternder Krawatte an.

Da wo der Radrennfahrer Andre Greipel am 5. Juli in diesem Jahr seine erste Tour-de-France-Etappe im rasenden Sprint gewann, fliegen den Gegenwindfahrern nun die Mützen flott vom Kopf. (Auch im Vorfeld mussten die Fahrer Sinn für Tempo beweisen, denn die Startplätze waren umgehend vergeben, als drei Tage vorher das Ereignis auf Facebook bekanntgegeben wurde.)

Einen langen Kilometer später bieten die riesigen Hydraulikstelzen, deren Metallschotten vor einer Sturmflut schützen, auch den Radfahrern kurz Schutz. Mit höhnischer Leichtigkeit segeln parallel zum Radweg Möwen im Auftrieb des Betonriegels — ohne einen Flügelschlag und mit scheinbar bedauerndem Blick auf die schwitzenden Zweibeiner.

Der Sieger, der in Amsterdam lebende Zeeländer Pico de Jager, rollte als fast letzter Starter unter den 200 Einzelfahrern das Feld auf und entthronte in letzter Minute den als ersten gestarteten Vorjahressieger Wouter Mesker. Die Siegerzeit von 19,15 Minuten entspricht einer selbst im windstillen Flachland respektablen Geschwindigkeit von 26 Stundenkilometern.

Zwanzig Viererteams sorgten im burlesken Mannschaftszeitfahren für eine besondere Attraktion. Angeblich sollen in Zeeland bereits wieder Postboten im Dienst, Mütter mit Einkaufstaschen und Kinder auf dem Schulweg heimlich für dieses Event trainieren. Und auf das Signal für 2016 warten: Es gibt Sturm!