Anschlag: Wachsender Antisemitismus eskaliert in Halle

Nach dem Terroranschlag von Halle : Wie Juden in Deutschland empfinden

Vor 24 Jahren waren die Juden in Aachen voller Hoffnung und Zuversicht, als ihre neue Synagoge eröffnet wurde. Nicht nur der Terroranschlag von Halle hat viel Hoffnung zerstört.

18. Mai 1995: Als 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Aachen der Neubau der jüdischen Synagoge eröffnet wurde, war dies ein Tag fast unbeschreiblicher Freude. NRW-Ministerpräsident Johannes Rau nannte die neue Synagoge im Land der Nazi-Täter „ein Wunder vor unseren Augen“. Denn nur zu verständlich wäre es gewesen, wenn Juden in Aachen und anderswo in Deutschland gesagt hätten: „Hier nie mehr!“ Ignatz Bubis, damals Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, rief an diesem Tag in Aachen dazu auf, „gerade wegen Lübeck“ neue Synagogen in Deutschland zu bauen. Auf die dortige Synagoge war elf Tage zuvor zum zweiten Mal ein Brandanschlag verübt worden.

Simon Schlachet war 1995 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Aachen und sagte an jenem 18. Mai: „Diese Einweihung ist für mich so bewegend, dass ich kaum in der Lage bin, meiner Freude mit Worten Ausdruck zu verleihen. Auf den Tag genau vor 50 Jahren und fünf Monaten wurde ich aus dem Konzentrationslager befreit; bei meiner Frau sind es 50 Jahre und zehn Tage her. … Wir kamen schließlich in diese Stadt und trafen auf eine kleine Schar überlebender Juden, die sich entschieden hatten, in Aachen den Versuch zu wagen, als Juden zu leben. … Das Wichtigste aber ist, dass an diesem Ort endlich wieder Juden beten, dass eine jüdische Gemeinde hier wieder ihr Zuhause hat.“

Damals konnte man in der neuen Aachener Synagoge ein Gefühl der Beschämung empfinden, weil die Opfer so dankbar dafür waren, dass ihnen zurückgegeben wurde, was Fanatiker 57 Jahre zuvor zerstört hatten. Beschämung, dass jene, die den Holocaust erlitten, die unter dem deutschen Terror-Regime nächste Verwandte und Freunde durch Mord und Folter verloren hatten, so herzlich die Arme ausbreiteten und die Hände entgegenstreckten – im Land der Täter. Beschämung über die Güte und Weitherzigkeit von Dorothea und Simon Schlachet.

Der 18. Mai 1995 war in Aachen ein Tag der Hoffnung – ja damals erspürt fast erfüllter Hoffnung. Davon ist nicht viel geblieben.

Aachen, 10. Oktober 2019: Schon seit vielen Jahren ist Robert Neugröschel Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Aachen. Am Tag nach dem Terroranschlag in Halle sagt er unserer Zeitung: „Ich bin jetzt 50 Jahre in Aachen. Und ich habe mich hier wirklich zu Hause gefühlt. Ich habe hier meine Heimat gefunden. Noch vor vier oder fünf Jahren habe ich mir nicht vorstellen können, dass es zu solchen antisemitischen Erscheinungen kommen könnte, wie wir sie seit diesen vier, fünf Jahren in Deutschland erleben. Das hat mich zutiefst erschüttert. Was jetzt abläuft, ist unglaublich.“

Wie alle anderen, mit denen man spricht, ist Neugröschel entsetzt über die Morde in Halle. Muss die jüdische Gemeinde in Aachen Angst haben? „Wir gehen davon aus, dass Behörden und Polizei alles tun, damit wir gut geschützt sind“, sagt Neugröschel. Auf die Frage nach den Ursachen für das, was in Halle geschah, weist er auf Entwicklungen hin, „die kaum wahrgenommen und nicht beachtet werden“. Es seien „die täglichen ‚kleinen‘ antisemitischen Erlebnisse auf deutschen Schulhöfen und Sportplätzen, die den Boden bereiten für das, was in Halle passiert“. Über dieses Phänomen wird vielerorts in Deutschland schon seit längerem berichtet: „Jude“ ist wieder zum Schimpfwort geworden. Aber es sind nicht nur unbedarfte Pöbler, die dafür sorgen, dass Juden sich hierzulande wieder Sorgen machen müssen.


Seebach (Thüringen), 2. Juni 2018: Alexander Gauland, Partei- und Fraktionschef der AfD im Bundestag, sagt auf dem Bundeskongress der Jungen Alternative für Deutschland: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Schon im September 2017 hat Gauland auf dem sogenannten Kyffhäusertreffen seiner Partei gesagt: „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.“ Der Vorsitzende der größten Oppositionsfraktion im Bundestag sorgt für Enthemmung; er spricht offen aus, was jahrzehntelang tabu war.


München, 10. Oktober 2019: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) macht die AfD mitverantwortlich für die Tat in Halle: „Das eine sind diese schrecklichen Gewalttäter, vor denen wir uns schützen müssen. Das andere sind auch die geistigen Brandstifter; da sind in letzter Zeit auch einige Vertreter der AfD in unverschämter Weise aufgefallen.“ Der Thüringer AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke sei „einer der geistigen Brandstifter, wenn es darum geht, wieder mehr Antisemitismus in unserem Land zu verbreiten. Darüber müssen wir jetzt die politische Auseinandersetzung konsequent führen.“ Seit Mittwoch suchen und analysieren Politiker und Medien Ursachen für Antisemitismus. Am ehesten erfahren sie es von Juden.


Halle, 10. Oktober 2019: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und Israels Botschafter in Berlin, Jeremy Issacharoff, sprechen in Halle mit dem Vorsitzenden der dortigen jüdischen Gemeinde, Max Privorozki. Diese Besuchergruppe ist nicht beliebig zusammengesetzt worden. Die drei kommen gemeinsam, weil sie, wenn es um jüdisches Leben in Deutschland geht, zusammengehören. Die Bundesrepublik Deutschland, die Gemeinschaft der deutschen Juden und der Staat Israel sind eng miteinander verbunden, eben weil jüdisches Leben weltweit und leider auch hierzulande – im Land des Holocausts – besonders gefährdet ist. Das Bewusstsein dafür ist bei den führenden Repräsentanten Deutschlands (noch) sehr ausgeprägt.


Berlin, 15. Mai 2019: Nicht zuletzt diese Grundhaltung motiviert eine überwältigende Mehrheit von CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen, die internationale antiisraelische Boykottbewegung BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) zu verurteilen. Diese Bewegung ruft seit fünf Jahren zum Boykott von Waren, Dienstleistungen, Künstlern, Wissenschaftlern und Sportlern aus Israel auf. Der Bundestag stellt fest: „Der allumfassende Boykottaufruf führt in seiner Radikalität zur Brandmarkung israelischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger jüdischen Glaubens als Ganzes. … Die Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Bewegung sind antisemitisch. Die Aufrufe der Kampagne zum Boykott israelischer Künstlerinnen und Künstler sowie Aufkleber auf israelischen Handelsgütern, die vom Kauf abhalten sollen, erinnern zudem an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Die Sicherheit Israels ist Teil der Staatsräson unseres Landes.“


Aachen, 2. Oktober 2019: In einer lebhaften Diskussion über die BDS-Bewegung erhält der Autor dieses Textes von einem einflussreichen Vertreter der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft eine Mail, in der es heißt: „Solange sich deutsche Journalisten aus Scham über die deutsche Vergangenheit nicht trauen, über heutiges Unrecht zu schreiben, das Israel permanent an den Palästinensern begeht, solange sie wie auch die Politiker ohne jede kritische Distanz jede Mail von Herrn Schuster oder Frau
Knobloch (gemeint ist Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München, Anm. d. Red.) als Befehl annehmen, kann sich die israelische Regierung in der deutschen ‚Staatsräson‘ sonnen.“

Über Unrecht an Palästinensern, das die israelische Regierung zu verantworten hat, wird in deutschen Medien ausführlich und regelmäßig berichtet. Diese Fehleinschätzung des Absenders ist aber weniger interessant. Eklatant ist das alte antisemitische Klischee vom andauernden jüdischen Einfluss auf Medien und Politiker: „jede Mail von Herrn Schuster oder Frau Knobloch als Befehl annehmen“.

24 Jahre nach dem Tag der Hoffnung in Aachens Synagoge müssen deutsche Juden feststellen, wie weit verbreitet und wirkungsmächtig antijüdische Einstellungen hierzulande nach wie vor sind. Der Tag der Schande, die Tat von Halle zeigt, wozu Extremisten fähig sind, wenn sie nur lange genug von Vorurteilen hören und letztlich von Hass und Hetze angestachelt werden.


Aachen, 10. Oktober 2019: Am frühen Abend versammeln sich knapp hundert Menschen vor der Synagoge: viel Solidarität, unendliche Trauer, unbeantwortete Fragen, wohin der Wahnsinn führen soll. Der Tag der Freude ist ganz weit weg.

Am Donnerstagabend vor der Aachener Synagoge: Das Entsetzen über die Morde in Halle hat die Menschen hier zusammengeführt. Sie zeigen ihre Verbundenheit mit ihren jüdischen Mitbürgern. Foto: dmp Press/Ralf Roeger
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