Alsdorf: „Ammoniticon“: Haldenlandschaft eine schimmernde Krone aufsetzen

Alsdorf : „Ammoniticon“: Haldenlandschaft eine schimmernde Krone aufsetzen

Noch ist es eine Idee. Aber nach gut 20 Jahren, die diese Vorstellung schon reift, ist das Projekt der Realisierung näher denn je. Denn viele technische Fragen sind nun weitgehend geklärt. Und das Vorhaben namens „Ammoniticon“ gewinnt immer mehr Unterstützer, — und deren Zahl soll jetzt schnell gesteigert werden, wie die Protagonisten des Vorhabens deutlich machen.

Schon das Modell, die Skizzen und die Bilder sind beeindruckend. Die Skulptur erinnert an einen schneckenartig gekrümmten Wurm, der sich aus dem Boden windet. Die Vision: Das Kunstwerk aus Metall schimmert auf einer imposanten Anhöhe zwischen Alsdorf und Herzogenrath. Es ist die Abraumhalde Anna Noppenberg.

Sie wollen das Projekt „Ammoniticon“ realisieren: (von links) Fotograf Bernd Radtke, Dr.-Ing. Christoph Heinemeyer vom Institut für Stahlbau an der RWTH Aachen, Ulrich Wigand, Vorsitzender des Vereins Ammoniticon, der Maler und Bildhauer Gerd Lebjedzinski und Energeticon-Geschäftsführer Harald Richter. Foto: Karl Stüber

Mit ihren rund fast 110 Metern Höhe ist sie die höchste Bergehalde im ehemaligen Aachener Steinkohlenrevier und von allen Seiten eine gut sichtbare Landmarke. Mit der kühnen Konstruktion, etwa 12 bis 15, aber nicht mehr als 20 Meter hoch, wird ihr die Krone aufgesetzt. Das Schmuckstück soll Wahrzeichen des regionalen Strukturwandels sein und die Haldenlandschaft im Aachener Nordraum profilieren.

Aus der Tiefe, dem Himmel nah

Wer denkt sich so etwas aus? Es ist der Maler und Bildhauer Gerd Lebjedzinski. Der Mann lebt in Vaals. Kunst machen bedeutet für ihn immer Reaktion auf gesellschaftliche Phänomene und Prozesse, sagt er über sich selbst. Was einst tief in der Erde verborgen war, ist im Zuge der Förderung von Steinkohle ans Tageslicht gefördert worden und so „dem Himmel nahe“. Lebjedzinski sieht darin den gestalterischen Kontrapunkt auf der gigantischen Industrieskulptur der Bergehalde selbst. „Ich bin in Bergwerken gewesen, ich kenne die Betriebe gut. Das Projekt sehe ich auch als Würdigung der Arbeit der Menschen“, sagt der Künstler.

Er hat treue Mitstreiter. Allen voran Ulrich Wigand. Der ist Vorsitzender des vor wenigen Monaten gegründeten Vereins Ammoniticon. Der Begriff ist gebildet aus Ammonit, ein ausgestorbenes Meereslebenswesen. Versteinert findet sich der Ammonit im Abraum der Steinkohleförderung, also in den Halden (siehe Info). Der vermeintliche Wurm „Ammoniticon“ entpuppt sich als urzeitliches Lebewesen mit epochaler Wirkung. Den zweiten Bestandteil der Wortschöpfung steuert das Energeticon bei — das Dokumentationszentrum für historische und regenerative Energien am Rande des Annageländes in Alsdorf, nur wenige Stein(kohle)würfe von der Halde Noppenberg entfernt.

„Leuchtturmprojekt“

Dessen Geschäftsführer Harald Richter begrüßt das Ganze als echtes Leuchtturmprojekt mit Alleinstellungsmerkmal, um auch die Haldenlandschaft, jene lose perlenartige Aufreihung von Abraumkegeln im ehemaligen Aachener Steinkohlenrevier ins Bewusstsein zu rücken. Er spricht von einem „euregionalen Rundblick“.

Wigand, zuletzt Technischer Beigeordneter in Würselen, hat in seinem Berufsleben reichlich Erfahrung in Sachen Umgang mit Relikten aus dem Bergbau gemacht, zunächst im Ruhrgebiet. Er hat mitgemischt bei der Zukunftsinitiative Aachener Raum (ZAR), dem Grube-Adolf-Park in Herzogenrath, beim Umgang mit dem Erbe der Grube Gouley in Würselen, den Carl-Alexander-Park in Baesweiler. Er kann sich noch gut an den Stern erinnern, den der Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) auf der Halde Emil-Mayrisch (Siersdorf) als Landmarke gerade zur Weihnachtszeit hat weithin leuchten lassen. Diesen Anblick hat er nie vergessen.

Aber wie ist die Skulptur technisch umzusetzen? Wie können die Metallelemente tragfähig miteinander verknüpft werden? Hier kommt Dr.-Ing. Christoph Heinemeyer ins Spiel, der am Institut für Stahlbau der RWTH Aachen arbeitet. Heinemeyer wurde als junger Doktorand erstmals mit dem Projekt konfrontiert. Das erste Modell wurde praktisch im Windkanal gebaut.

Er lernte den Aachener Fotografen Bernd Radtke kennen, der seitdem mit zum engen Kreis des Ammoniticon-Teams zählt und der für anschauliche Dokumentation und Visualisierung sorgt. Zur Kernmannschaft stieß der Stahlbildhauer Michael Hammers, der in der ganzen Welt tätig ist. So wird beispielsweise dessen großer Kristallstern in New York auf den „Rockefeller Center Christmas Tree“ gehoben. Ein anderer großer Stern ist in Innsbruck montiert. Der Mann weiß genau, was und wie es geht — und Wind und Wetter trotzt.

Ein im Kunstwerk „verstecktes“ Tragwerk wurde entwickelt und ausgetestet. Die Elemente erinnern an Teile der menschlichen Wirbelsäule, eine — trotz aller Beschwerden im Alter — äußert bewährten Stützkonstruktion, wie sie nur die Natur im Zuge der Evolution hervorbringen kann. So wird das Projekt „Ammoniticon“ zu einem Produkt der „Technologieregion Aachen“, wie Vereinsvorsitzender Wigand hervorhebt.

Darf die Halde Noppenberg überhaupt dieses „i-Tüpfelchen“ erhalten? Das Vorhaben wurde dem Besitzer, dem EBV, vorgestellt. Und das Unternehmen kann sich durchaus damit anfreunden — befürwortet aber, dass die Halde zuvor in öffentlichen Besitz übergeht, wie Wigand berichtet. Unter Auflagen ließe sich das „Ammoniticon“ mit Natur und Umwelt vereinbaren, ist er zuversichtlich. Die Skulptur soll nicht zum Zentrum touristischen Rummels werden und darf mit der Illumination keine Quelle von Lichtsmog werden, sondern nachts nur schimmern, ja vielleicht ein wenig glimmen — wie Kohle eben.

Kosten rund eine Million Euro

Womit direkt eine andere grundlegende Form von „Kohle“ angesprochen ist: Auf rund eine Million Euro schätzen die Macher die Projektkosten. Ist dies zeitgemäß? Passt das zum Thema Not und Krisen? Wigand und seine Freunde sind sicher, dass ein solches Projekt für sich — und die Region spricht. Sie verweisen auf prominente Unterstützung.

Martin Schulz, Präsident des EU-Parlaments, würdigt als bekennender Würselener und Kenner der Region das Vorhaben in einem Brief und hofft, „dass das Ammoniticon realisiert wird. Das Werk stellt wunderbar den Übergang der Region von der Vergangenheit in die Zukunft dar und zeigt die reiche industrielle Tradition unserer Heimat im Dreiländereck“. Die Standortwahl nahe des ehemaligen Kohlebergbaus, die Konstruktion sowie die verwendeten Materialien setzten ein Zeichen, „dass unsere Region, auch dank der hiesigen Forschungsinstitutionen in der Lage ist, die Zukunft in Angriff zu nehmen, ohne die Vergangenheit zu vergessen“.

„Wir wissen jetzt, wie das Ammoniticon technisch machbar ist. Nun beginnt die konkrete Durchplanung“, sagt Wigand und hofft auf eine positive Resonanz in der Öffentlichkeit — natürlich auch auf Unterstützung in Form von Geld und Sachspenden, etwa aus der Industrie. Zudem wird geprüft, ob Fördermittel zum Beispiel von Kulturstiftungen einwerbbar sind.

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