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Aachen: Am Ende fiel´s dann doch auf

Aachen : Am Ende fiel´s dann doch auf

Die Tränen der Angeklagten (61) wirkten echt. Beinahe glaubte der Zuhörer im Untreue-Verfahren vor der ersten Großen Strafkammer am Aachener Landgericht, dass Richter Arno Bormann geradezu unziemlich einer hilflos wirkenden älteren Dame zusetzte. Doch nach einiger Zeit gestand die Angeklagte zunächst zögerlich, „mal 500 Euro aus der Kasse” genommen zu haben.

Der Vorsitzende Richter blickte angesichts der Aktenlage ungläubig, ermahnte die Frau zur Wahrheit. Dann gab sie zu, vielleicht 300.000 Euro veruntreut zu haben. Schließlich, nach vielen Denkpausen, gestand sie endlich vollumfänglich die in der Anklage vorgeworfene Unterschlagung von rund 1.000.000 Euro. Das Gericht verurteilt sie noch am Donnerstagnachmittag zu dreieinhalb Jahren Haft.

Marlies P., die beinahe ihr gesamtes Arbeitsleben als Buchhalterin bei zwei bedeutenden Aachener Pharmaunternehmen tätig war, stellte sich spätestens nach der Zeugenaussage ihres ehemaligen Chefs als eine Hauptbuchhalterin heraus, die anscheinend völlig durchtrieben ihre Unterschlagungen geplant und durchgezogen hatte.

Im Betrieb, so der Ex-Chef, der im übrigen wegen seiner Buchhalterin herausflog, habe sie sich stets „als Apostel der Ordnungsmäßigkeit” dargestellt und jeden Pfennig oder Cent umgedreht. Sie habe den Anschein äußerster Korrektheit erweckt und niemals irgendeinen Betrag „ohne Beleg” herausgegeben.

„Sie war in dem Betrieb eine Institution”, erklärte der Mann noch heute empört über seine Untergebene, die„immer das Sagen” haben wollte, und „eine hohe Kompetenz” besaß. Die hatte sie scheinbar auch bei den Unterschlagungen. Die Betrügereien ranken sich um eine in der Tat eigenartig geführt Barkasse des noch jungen Pharmabetriebs, der in den 90er Jahren als eine Ausgliederung des Aachener Pharma-Riesen Grünenthal startete. Die Buchhalterin stellte, um die Barkasse für Reisespesen für die vielzähligen Außendienst-Mitarbeiter zu füllen, Barschecks aus.

Die Schecks ließ sie von wechselnden Personen gegenzeichnen. Sie füllte mit den bei der Bank abgehobenen Summen allerdings nur zum Teil die Reisekasse auf. Ein Gutteil verschwand in ihrer Handtasche. Die Verluste versteckte sie buchhalterisch auf einem Sammelkonto, über das pro Jahr Buchungen von mehr als 5000 Scheckbewegungen erfasst wurden. Das fiel selbst den vereidigten Wirtschaftsprüfern bei der Bilanz nicht auf.

Erst als kurz vor Weihnachten 2004 der Chef zu Hause Buchung für Buchung durchging - da roch er den Braten und stellte sie zur Rede.