Spitzenforschung in Aachener Uniklinik: Alte Ängste und neue Partner im Kampf gegen Krebs

Spitzenforschung in Aachener Uniklinik : Alte Ängste und neue Partner im Kampf gegen Krebs

Krebs! Nicht wenige Patienten, die sich mit einem solchen Befund konfrontiert sehen, empfinden ihn wie ein Todesurteil, einen Schicksalsschlag, der das ganze Leben auf den Kopf stellt. Für den Mediziner Tim H. Brümmendorf ist diese Diagnose Alltag; es gehört zu seinem Beruf, Menschen zu sagen, dass sie Krebs haben.

„Aber es ist nie etwas Normales, das zu tun; ich finde es immer schlimm“, sagt der Aachener Onkologe. „Die ersten Aufklärungsgespräche über eine neue Tumorerkrankung sind nie schön; das schüttelt man auch nach 20 Berufsjahren nicht so einfach aus den Kleidern“, sagt Brümmendorf im Gespräch mit unserer Zeitung. Er ist am Klinikum der RWTH Aachen Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Stammzelltransplantation.


Angst vor der Chemotherapie


Krebs ist eine Diagnose, die Menschen in der Regel stärker mitnimmt als andere Befunde. Sie wird als besonders schlimm empfunden, obwohl andere Diagnosen womöglich auch nicht weniger dramatisch sind. Brümmendorf weist auf „sehr klare Umfrageergebnisse“ hin, „wonach die Menschen viel mehr Angst vor Krebs haben als vor einem Herzinfarkt“. Abgesehen von Folgen des Rauchens oder Hautkrebs durch Lichteinstrahlung werde eine Erkrankung an einem bösartigen Tumor meist als schicksalshaft und unausweichlich empfunden. Zudem gelte die Behandlung als sehr belastend.

40 Prozent der Krebserkrankungen seien durch einen vernünftigen Lebensstil häufig zu verhindern oder günstig zu beeinflussen. Nicht rauchen, sich dem ultravioletten Sonnenlicht nur in Maßen aussetzen, diese Maßgaben sind weitgehend bekannt. Bewegungsmangel und Übergewicht erhöhen laut Brümmendorf die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung. „Sport ist auf jeden Fall lebensverlängernd.“ Wer älter ist als 50, kennt in der Familie oder Nachbarschaft, im Freundes-, Kollegen- und Bekanntenkreis meistens zwei oder drei Menschen, die Krebs haben. „Das Alter ist der härteste Risikofaktor für eine Krebserkrankung.“ Zugespitzt könne man sagen: Wer nur alt genug wird, bekommt irgendwann Krebs.

Ist die Diagnose gestellt, folgt sofort die Frage nach der Therapie; und die ist kaum mit weniger Befürchtungen verbunden. Wegen der Nebenwirkungen flößt die Chemotherapie fast so viel Angst ein wie die Krebserkrankung selbst. Das liegt laut Brümmendorf vor allem daran, dass in der Vergangenheit „häufig Medikamente mit starken Nebenwirkungen eingesetzt werden mussten. Zudem hatte man keine so wirksamen Gegenmittel gegen die Nebenwirkungen – wie zum Beispiel Übelkeit.“

Heute gebe es ein viel breiteres Spektrum an Medikamenten, die häufig kombiniert und damit geringer dosiert werden können und dadurch weniger Nebenwirkungen haben. Gleichzeitig seien die heute verfügbaren Arzneien gegen die Nebenwirkungen wesentlich besser wirksam. „Wir haben erfreulicherweise heute deutlich mehr Patienten auf der Station, die nach einer Chemotherapie sagen, sie hätten sich die Nebenwirkungen schlimmer vorgestellt, als umgekehrt.“

Nach wie vor ist die Chemotherapie bei fortgeschrittener Krebserkrankung mit Metastasen die häufigste Therapieform. In den letzten Jahren hat jedoch die Zahl der einsetzbaren Immuntherapien deutlich zugenommen – „mit großem Erfolg“, wie Brümmendorf sagt. „Wir setzen zudem mehr denn je auf die personalisierte Krebstherapie“, die auf die jeweilige „individuelle molekulare Situation“ eines Patienten zugeschnitten ist. „Beim Lungenkrebs beispielsweise gibt es mindestens 20 verschiedene Mutationen – wahrscheinlich noch viel mehr, die als Auslöser für diese Erkrankung infrage kommen.“ Personalisierung heiße nun, dass eine Probe aus dem Tumor darauf hin untersucht wird, welche spezielle Mutation vorliegt, und der Patient entsprechend gezielt behandelt werden kann.

Wenn Brümmendorf die Diagnose Krebs stellt, gibt es für ihn keinen Standard-Rat. „Ich bemühe mich, dem Patienten von Anfang an das Gefühl zu geben, dass wir auf der gleichen Seite sitzen. Das heißt: Ich versuche, ihn auf meine Augenhöhe zu bringen, was das Verständnis seiner Krankheit angeht.“ Der Patient solle die Entscheidung über eine Therapie auf bestmöglichem Wissensstand treffen; das sei das Wichtigste. Es komme nur noch sehr selten vor, dass Patienten an solchen Entscheidungen nicht beteiligt sein wollen.

Gute Perspektiven für Aachener Onkologen: Professor Tim H. Brümmendorf von der Uniklinik der RWTH. Foto: ZVA/Harald Krömer

„Für den Arzt ist es viel schwieriger, wenn der Patient nicht mitspielt. Wenn der Patient auf Augenhöhe ist, ist das Vertrauensverhältnis besser, werden Rückschläge besser durchgehalten, wird der Druck kleiner. Ich brauche Beteiligung; sonst kann ich kein guter Arzt sein.“ Zudem seien Patienten mittlerweile meistens von Anfang an viel besser informiert über ihre Krankheit. Dann gehe es nunmehr um die richtige Therapie.

An diesem entscheidenden Punkt stehen Brümmendorf seit kurzem mehr Möglichkeiten, mehr Kapazitäten und mehr Sachverstand zur Verfügung als zuvor. Denn die universitären Krebszentren Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf haben einen Kooperationsvertrag unterzeichnet und sich zum „Centrum für Integrierte Onkologie“ (CIO) zusammengeschlossen. Sie tauschen ihre Forschungsergebnisse sowie Erkenntnisse für Diagnose und Therapie regelmäßig aus. Damit steigt die Aachener Uniklinik auch offiziell in die erste Liga der deutschen Krebsvorsorger auf. Insgesamt gibt es 13 solcher Spitzenzentren in Deutschland.

Brümmendorf arbeitet seit 2009 am Aachener Klinikum, das bislang schon Onkologisches Zentrum für alle Tumor-Erkrankungen war – begutachtet und bescheinigt durch die Deutsche Krebsgesellschaft, in der alle für Tumorerkrankungen relevanten medizinischen Fachgesellschaften versammelt sind. Und nun ist Aachen – gemeinsam mit den drei rheinischen Kliniken – als CIO anerkannt, was mit strengen Auflagen für medizinische Versorgung und wissenschaftliche Forschung verbunden ist.

Was kann Brümmendorfs Klinik als CIO heute besser machen als vorher? Bei seltenen Tumoren, außergewöhnlichen Krankheitsverläufen oder komplizierten Begleiterkrankungen bringe der neue Zusammenschluss den Vorteil, Ressourcen in der Forschung bündeln, sich im Verbund absprechen und über spezielle Therapien direkt austauschen zu können. Jede der vier Kliniken sei spezialisiert auf ganz seltene Tumorerkrankungen; Aachen habe beispielsweise Schwerpunkte für Blutkrebserkankungen sowie Leber- und Gallenblasentumore. „Jeder entwickelt seinen Schwerpunkt für den gesamten Verbund“, sagt Brümmendorf. „Davon profitieren die Patienten und Ärzte an allen vier Standorten.“ Und diese Zusammenarbeit entwickelt sich mittlerweile schon zum Vorbild für sämtliche CIO in Deutschland.

Gäbe es mehr finanzielle Mittel und mehr Personal seien in der onkologischen Forschung noch mehr und noch schnellere Fortschritte möglich, meint Brümmendorf. Diagnose- und Therapieverfahren werden immer aufwendiger, spezialisierter und teurer. Das Ziel lautet: bestmögliche medizinische Versorgung für jeden Patienten. Ist das auf Dauer zu gewährleisten? Oder werden die Diskussionen zunehmen, ob und wann ein Arzt gezwungen sein könnte, Ressourcen aus ökonomischen Gründen zu begrenzen?


Teure Therapieverfahren


Er sei nicht bereit, zu entscheiden, ob sich bei einem Patienten eine medizinisch sinnvolle und von ihm  und dessen Angehörigen gewünschte Therapie noch wirtschaftlich lohnt und beim anderen nicht mehr, sagt Brümmendorf. „Aber in dieser Situation sind wir auch noch nicht, und sie wird es auch in naher Zukunft hoffentlich nicht geben. Doch angesichts der fortgesetzten Entwicklung neuer und sehr teurer Therapieverfahren werden solche Rationalisierungs- und Rationierungsdiskussionen auf uns zukommen.“

In anderen Ländern – beispielsweise Großbritannien – sei das längst der Fall. „Meine Position ist: Wir müssen als Ärzte alle sinnvollen Mittel ausschöpfen können. Das muss uns jeder einzelne Patient wert sein. Dafür brauchen wir eine breite gesamtgesellschaftliche Debatte; das ist meines Erachtens ein Kernthema unseres solidarischen Miteinanders und der sozialen Verantwortung.“