Region: Als Erster im Ziel: Der Chef des Amstel Gold Race

Region: Als Erster im Ziel: Der Chef des Amstel Gold Race

Das Auto rast über den Cauberg in Richtung Ziel, das hinter dem Berg liegt. 1800 Meter noch. Links und rechts ziehen schier endlose bunte Werbebanner an den Absperrungen vorbei. 1000 Meter. Dahinter jubeln Menschen. Tausende. 500 Meter. Sie schauen gebannt in die Gegenrichtung, hissen die Nationalflaggen, halten die Handys zum Filmen parat. Ihre Euphorie spitzt sich zu, ihr Jubeln und Kreischen wird lauter, als der erste Radhelm am Ende der abfallenden Straße aufblitzt.

Leo van Vliets Adrenalinspiegel steigt. Noch 100 Meter. Es sind die letzten Sekunden des Amstel Gold Race, des wichtigsten niederländischen Radrennens. Er überquert als Erster die Ziellinie im limburgischen Valkenburg. Ohne zwickende Waden, aber mit Herzklopfen. Denn er sitzt im Auto. Van Vliet ist der Direktor des renommierten Rennens und fährt vorweg. Genauso wird es am Sonntag auf den letzten Metern der 50. Ausgabe für ihn wieder sein, wenn er sich fragt: Ist alles gut gelaufen? Wer wird gewinnen?

Bis zu diesem allerletzten Adrenalinschub ist es für den 59-Jährigen und sein Team ein anstrengendes Jahr mit Höhen und Tiefen und einem zähen Endspurt, der in den Muskeln genauso krampft wie der berühmte Valkenburger Cauberg. Gleich vier Mal müssen die Profis den Schauplatz für WM-Final-Dramen und Tour-de-France-Streckenabschnitte am Sonntag bei dem 258 Kilometer langen Rennen erklimmen.

Nach Ende des Winters arbeiten van Vliet und sein Team rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Am Montag gab er noch ein Interview in der Late Night Show auf einem niederländischen Privatsender, Dienstagfrüh dann die Pressekonferenz in Maastricht. Vier Tage vor dem Rennen ist van Vliets Terminkalender leer. So leer wie sonst eigentlich nie. Er weiß, die Tage vor dem großen Rennen lassen sich nicht planen. Ein spontanes Treffen folgt auf das nächste. Wenn etwas erledigt werden muss, dann denkt er sich: „Let’s do it!“

Er nennt ein paar Zahlen: 30.000 Bananen müssen gebracht, 400 Helfer organisiert, 300 Journalisten betreut und versorgt werden. Jemand muss sich um die vielen Ehrengäste kümmern. Bei Leo van Vliet laufen alle Fäden zusammen. Am Freitag wurde erstmalig — nur spaßeshalber — die Amstel Radler Challenge mit Skatern und Radfahrern ausgetragen. Wer meistert den legendären Cauberg am besten? Heute fahren 15.000 Amateure beim Rennen für jedermann über die Strecke, bevor am Sonntag um 10.15 Uhr 25 Teams mit je acht Fahrern beim großen, goldenen Rennen antreten.

Eine Stunde vor Beginn trudelt van Vliet am Sonntag am Start auf dem großen Marktplatz von Maastricht ein, vor dem grauen Rathaus mit den goldenen Verzierungen und den wehenden bunten Flaggen. Dann ist er unruhig, will, dass es losgeht. Das weiß er schon jetzt. So ist es jedes Jahr, seit 20 Jahren. Damals betraute ihn der Gründer des Amstel Gold Race, Herman Krott, mit der Aufgabe, das Rennen zu leiten. Auch für van Vliet ist es also ein Jubiläum in diesem Jahr.

„Man hat das ganze Jahr gearbeitet, dann soll es auch losgehen“, sagt der Rad-rennbegeisterte ungeduldig. Ist der Startschuss einmal gefallen, beruhigt er sich. Die Richter, die Sicherheit, die Polizei, die Koordination, die Gäste! „Das ist am Sonntag mein Job“, sagt er.

Rund sechs Stunden brauchen die Sportler für die Strecke mit mehr als 30 Hügeln und insgesamt etwa 4000 Höhenmetern. Von Maastricht aus geht es in vier Streckenabschnitten durch die limburgische Provinz. Dabei wird einmal auch der Grenzort Vaals bei Aachen tangiert.

Das Wichtigste, sagt der Renndirektor, sei die Sicherheit. Es ist eines der gefährlicheren Rennen. Verkehrsinseln, parkende Autos, enge Straßen und Kreisverkehre sind Hindernisse. Manche Streckenabschnitte werden mehrmals befahren, was verwirrend sein kann. Nicht selten kommt es zu Unfällen, die auch im Fernsehen übertragen werden. Hilfe muss dann sofort zur Stelle sein. Zwischen 200.000 und einer Viertelmillion Menschen stehen an Strecke. Vor terroristischen Anschlägen habe er keine Angst. „Das kann ich nicht beeinflussen.“

Schmerzende Waden, wenn es den Cauberg hochgeht, kennt Leo van Vliet, selbst berühmter Radrennsportler und Trainer, nur zu gut. Mehrere Male nahm er am Amstel Gold Race als Fahrer teil. Von sich selbst spricht er nicht als Star. „Okay“ nennt er seine Erfolge. Bei Olympia 1976 in Montreal, Kanada, war er etwa dabei... Apropos Amstel: Sie ist eigentlich ein Fluss, und auf diesem hat er ein Hausboot. „Ich habe irgendwas mit Amstel, es ist eine Leidenschaft“, sagt der 59-Jährige und lacht.

Das Amstel Gold Race ist ein Wettbewerb, den jeder Radrennfahrer gewinnen will. „Die großen Rennen sind 100 Jahre alt. Wir sind nur 50 Jahre alt, aber trotzdem irgendwie ein großes Rennen“, sagt van Vliet. Innerhalb von nur zehn Jahren errang der Wettbewerb einen Namen. Den machten die Sieger mit großen Namen. Manche dieser großen Gewinner sitzen dann auch mal während des Rennens bei van Vliet im Auto und lassen dieses Gefühl wieder aufleben, das sie hatten, als sie auf dem Rad als Gewinner die Ziellinie überquerten.

Die Amstel-Gold-Race-Sieger Bernard Hinault (1981), Freddy Maertens (1976) und Phil Anderson (1983) nennt van Vliet als Beispiele. Gern erinnert sich der Direktor auch an einen besonderen Höhepunkt. Das war 1997, Bjarne Riis fuhr 40 Kilometer solo, bevor er die Ziellinie überquerte. 1996 gewann der Däne die Tour de France. Von den vielen Dopingskandalen, auch um große Gewinner, spricht van Vliet nicht...

Aber wer wird nun diesmal hinter Leo van Vliet der Erste sein, der die Ziellinie überquert? Leo van Vliet wünscht sich einen Niederländer. Doch der Belgier Philippe Gilbert, dreimaliger Sieger, 2010, 2011 und 2014, will den Titel erneut holen. „Er ist ein Spezialist, was den Cauberg angeht“, sagt van Vliet. Besonders die letzten Sekunden werden wieder aufregend sein.