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Auszeichnung für Lebensretter

Alltagshelden, die Leben retteten

Immer schnell zur Stelle: Rettungswagen, Polizei und Feuerwehr. Doch was passiert, wenn Menschen so eingreifen müssen, um das Leben anderer zu retten? (Symbolbild). FOTO: dpa / Jan Woitas

Krefeld Über einen metertiefen Abgrund hinweg rettet Zoe zwei Menschen aus einem brennenden Dachgeschoss im Nachbarhaus. Für ihren selbstlosen Einsatz erhält die Krefelder Gymnasiastin mit anderen Lebensrettern aus NRW die Rettungsmedaille des Landes.

Es war mitten in den Sommerferien 2018 und Zoe sollte eigentlich zum Französisch-Kurs gehen. Morgens saß die damals 13-Jährige in der Küche beim Frühstück, ihre Mutter war unterwegs. Da hörte sie Geschrei auf der Rückseite des Wohnhauses mitten in Krefeld. Das Dachgeschoss des Nachbarhauses brannte lichterloh, eine Frau und ihr sechsjähriger Sohn hingen mit den Beinen schon aus dem Fenster.

Zoe eilte auf die Terrasse der dreigeschossigen Wohnung, stellte sich auf einen Stuhl und zog Mutter und Kind über die ein Meter breite Lücke herüber. Dafür wird die mutige Gymnasiastin am Mittwoch in Köln von Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mit der Rettungsmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

„Ich wundere mich manchmal heute noch, wie ich das geschafft habe. Denn der Junge war ziemlich schwer und konnte nicht so richtig mithelfen. Bei der Frau ging es leichter“, erinnerte sich Zoe am Samstag an die dramatische Situation. Erst zwei, drei Tage später habe sie begriffen, was da eigentlich abgelaufen war, sagt das Mädchen. „Ich hielt mich selbst gar nicht für so stark.“

„Für Zoe war das selbstverständlich“, sagt ihre Mutter Clarissa Karg. „Ich weiß nicht, ob ich als Erwachsene so gehandelt hätte.“ In der Wohnung habe Zoe der geretteten Syrerin sogar noch ein Tuch aus dem Schrank geholt und ihr etwas zu trinken angeboten. Geistesgegenwärtig sei sie dann mit der jungen Frau und ihrem Kind - Flüchtlingen aus Syrien - aus der elterlichen Wohnung geeilt. Denn auch dort breitete sich bereits lebensgefährliches Rauchgas aus.

Die Lage an jenem August-Morgen war dramatisch: Als die Feuerwehr eintraf, stand das Dachgeschoss des Nachbarhauses der Kargs bereits in Flammen. Über Drehleitern wurden weitere Bewohner gerettet. Zwei Männer waren vor der großen Hitze ebenfalls auf das Dach geflüchtet. Mit Atemschutz löschten Feuerwehrtrupps die Flammen. 40 Feuerwehrleute, Notärzte und Rettungswagen waren im Einsatz.

Die Familie Karg hatte Glück, dass das Feuer nicht auf ihre holzverkleidete Wohnung übergriff. Dennoch bot sich nach den Löscharbeiten auch in ihrem Zuhause ein chaotisches Bild. Monatelang dauerten die Sanierungsarbeiten. Inzwischen sei alles wieder „tip top“, sagt Clarissa Karg. Tochter Zoe wurde nach ihrer Rettungstat von Freunden und Mitschülern eine Zeitlang „Feuermädchen“ genannt. „Die waren wohl stolz auf mich. Aber helfen ist mir immer schon leicht gefallen.“

So unterstützte sie in der Grundschule ein Mädchen, das von anderen gemobbt wurde - und zog so die Hänseleien auf sich selbst. „Ich wusste aber, ich kann das besser ertragen als sie, weil ich mich nicht von anderen ärgern lasse.“ Lange danach noch waren die beiden Mädchen befreundet. Ihre Hilfsbereitschaft will Zoe nun auch bei Unicef einsetzen und in der Krefelder Arbeitsgruppe mitmachen. Zudem unterstützt sie die Aktion „Rhinecleanup“.

Neben der mutigen Zoe wird Laschet am Mittwoch in Köln 25 weitere Personen auszeichnen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens andere Menschen aus einer lebensbedrohlichen Notlage gerettet haben.

Zwei Polizeihauptkommissare etwa retteten eine junge Frau vor einem heranrasenden Fahrzeug auf der Autobahn. Eine Frau aus Waltrop kam zwei jungen Männern zur Hilfe, die von zehn Personen mit Messern und Golfschlägern attackiert wurden. Andere retteten Menschen vor dem Ertrinken. Drei Kölner halfen einem älteren Ehepaar in Lebensgefahr aus einem brennenden Haus. Ein Mann befreite eine Frau aus ihrem Auto vor einem herannahenden Zug.

Mit der Rettungsmedaille wurden in NRW bisher fast 1300 Menschen ausgezeichnet. „Wir alle können froh sein, dass es Menschen wie Sie gibt“, hatte Laschet bei der Auszeichnung vergangenes Jahr gesagt. Er bezeichnete die Retter als „echte Heldinnen und Helden“.