Aachen/Heinsberg: Alltag mit Behinderung: „Dabei sein.”

Aachen/Heinsberg: Alltag mit Behinderung: „Dabei sein.”

Klar, das war aufregend. Aber auch schön. Sehr schön sogar. „Der Torben hat das klasse gemacht”, sagt Jürgen Aberle. Und Maria Jansen, seine Verlobte, mit der er in der gemeinsamen Wohnung im Lebenshilfe-Haus in Aachen wohnt, legt nach: „Das war ein schöner Tag.”

Auch wenn die beiden nicht unbedingt Filmstars werden möchten, so schauen sie mit Stolz auf die Homepage der Lebenshilfe in Aachen.

Dort läuft ihr Film „Ein Mensch ohne Macke ist Kacke”, der das Leben der beiden Menschen mit Behinderung zeigt. Ein stinknormales Leben, sagen die beiden. „Mal gibt’s Krach, aber nur ganz kurz, und danach ist es wieder gut bei uns zu Hause.”

Sympathische Hauptdarsteller

Videofilmer Torben Genn unterstreicht diese Aussage mit schönen Bildern von sympathischen Hauptdarstellern. Maria und Jürgen daheim, am Frühstückstisch, die beiden bei der Arbeit, das Paar beim Kaffeetrinken im „Café Life” an der Aachener Adenauerallee. Betreutes Wohnen heißt der Slogan, die beiden fühlen sich frei und pudelwohl.

Was Maria und Jürgen für die Aachener Lebenshilfe sind, sind Anke und Lothar Kitzmann für die Heinsberger Dependance. Auch sie haben ihre Wohnungstür geöffnet und Genn von ihrem Leben erzählt. Ja, die beiden sind behindert, na und? Sie führen ihr Leben komplett selbstständig. In der Ortsgemeinschaft in Schwanenberg bei Erkelenz ist das Paar normal eingebunden.

„Ich bin etwas langsamer”, sagt Anke im Kurzfilm, „aber ich bin nicht bekloppt.” Und ihr Mann Lothar, der im Rollstuhl sitzt, schätzt die Freiheit, die die gemeinsame Wohnung ermöglicht, sehr. Anke hat ihren Garten, nein, stundenlanges Fernsehgucken ist ihr Thema nicht. Jetzt, beim Pressetermin in Aachen erzählt Lothar von seiner Leidenschaft, die Borussia Mönchengladbach heißt. Da gibt’s kontra, was Lothar abtropfen lässt. „Alemannia Aachen?”, fragt er verschmitzt. „Spielen die nicht in der Zweiten Liga?”

Und gleich wird er mit einem der hilfsbereiten Assistenten, die über das persönliche Budget des Paars bei Bedarf zu Hilfe geholt werden, noch ins Kaufhaus fahren - er möchte sich ein Pay-TV-Abo besorgen. Fußball, klar.

Spektakulär ist das Leben der beiden Paare nicht. Aber wessen Leben ist das schon? „Das sind keine Mordsgeschichten”, sagt Herbert Frings, der Geschäftsführer der Aachener Lebenshilfe, „aber genau das sollten sie ja auch nicht sein. Sie sind schlichtweg ganz normal.”

Dass Schranken durch Unwissenheit entstehen, ergänzt Frings’ Geschäftsführerkollege aus Heinsberg, Edgar Johnen. „Und deshalb kann ein solch kleiner Film eine ganz große Wirkung haben.”

Jürgen überlegt noch kurz. Hatte er am Anfang gesagt, dass es ihn nicht zum Film ziehe? Wenn er es recht überlege, so sagt er jetzt, sei das vielleicht schon sein Ding: „Wenn die Kohle stimmt...”

Am Mittwoch wird der europäische Aktionstag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung begangen. Das Motto lautet "Inklusion - dabei sein. Von Anfang an." Die Lebenshilfe - in Heinsberg wie auch in Aachen - möchte mit den beiden Filmen über die Paare Lothar und Anke Kitzmann sowie Jürgen Aberle und Maria Jansen die Normalität des Zusammenlebens schildern. Die Filme zeigen die Normalität des Alltags, sie sollen Barrieren abbauen. Inklusion bezeichnet das selbstverständliche und gleichberechtigte Zusammenleben aller Menschen von Anfang an. Diese Forderung steht für die "Aktion Mensch" und die Verbände der Behindertenhilfe und -selbsthilfe im Mittelpunkt des Protesttags. Ziel ist, in allen Lebensbereichen wie zum Beispiel Arbeit, Bildung, Zugänglichkeit und Wohnen Inklusion konsequent umzusetzen. Die Filme sollen Impulse setzen.

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