„Projekt Rennen“ der Polizei: Alltäglicher Kampf gegen illegale Autorennen

„Projekt Rennen“ der Polizei : Alltäglicher Kampf gegen illegale Autorennen

Das „Projekt Rennen“ der Kölner Polizei nimmt die Renn- und Tuningszene ins Visier. NRW-Innenminister Herbert Reul verschafft sich bei einer Schwerpunktaktion einen Überblick über die Arbeit.

März 2015: Bei einem illegalen Autorennen in Köln rast ein 19-Jähriger in ein Taxi, dessen 49-jähriger Fahrgast stirbt. April 2015: Ein Raser verliert in Deutz die Kontrolle über sein Auto, das in eine 19-jährige Fahrradfahrerin schleudert. Sie erliegt ihren schweren Verletzungen. Juli 2015: Bei einem weiteren Autorennen überschlägt sich ein Wagen und tötet einen 26-jährigen Fahrradfahrer. Nachdem in nur kurzer Zeit in Köln drei Menschen durch illegale Autorennen ums Leben kamen, hat die Polizei vor vier Jahren das „Projekt Rennen“ ins Leben gerufen, in dem Expertenteams speziell gegen die Raserei vorgehen. Die Polizisten sind auf den Straßen Kölns unterwegs, führen Kontrollen durch und spüren Autorennen auf. Dabei im Fokus: Getunte Fahrzeuge.

Es gibt in Köln gewisse Hot Spots der Renn- und Tuningszene, die die Polizei besonders überwacht. Einer dieser Hot Spots ist die Gegend um den Tanzbrunnen. Nur eine Straße weiter kam 2015 die junge Fahrradfahrerin ums Leben. Hier hat NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Freitag eine Schwerpunktaktion der Kölner Spezialisten besucht und sich über die Arbeit der Gruppe informiert. Die Polizei zog getunte Autos und Motorräder aus dem Verkehr und untersuchte sie auf unerlaubte Modifizierungen.

Reul betonte die Wichtigkeit des Themas illegaler Autorennen. Das Projekt sei „beispielhaft für ganz NRW“. Laut dem Projektleiter Polizeihauptkommissar Jürgen Berg hat die Kölner Polizei dadurch auch außerhalb des Kölner Stadtgebiets bei Rasern einen Ruf. In den nächsten Monaten wird das Projekt zu einer Dienststelle mit festem Personal.

NRW-Innenminister Herbert Reul (links) lässt sich von Projektleiter Polizeihauptkommissar Jürgen Berg (rechts) einen Einblick in die Arbeit des „Projekts Rennen“ geben. Foto: ZVA/Benjamin Wirtz

Ein oberflächlicher Blick auf die Zahlen scheint zunächst den Erfolg des Projekts nicht zu bestätigen. Die Zahl der registrierten Autorennen steigt weiter: Im letzten Jahr stellte die Polizei 474 Rennen in NRW fest – fast 140 mehr als im Jahr davor. Doch dies bedeute nicht, dass die Maßnahmen nichts nützen und mehr Rennen veranstaltet werden. „Je mehr wir tun, desto größer sind die Zahlen“, erklärt Berg. Zehn Einsatzfahrzeuge registrierten nun mal mehr Autorennen als zwei.

Bundesweit sind illegale Autorennen ein Thema. Seit Oktober 2017 sind sie keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat. Im März dieses Jahres wurden zwei Männer, die auf dem Kurfürstendamm in Berlin einen unbeteiligten Mann bei einem Rennen totgefahren hatten, vom Landgericht des Mordes schuldig gesprochen – und nicht der fahrlässigen Tötung.

Dass trotz Unfällen und Todesfällen, trotz vermehrter Kontrollen und trotz härterer Strafen dennoch so viele Rennen veranstaltet werden, habe laut Berg mit der Einstellung der Fahrer zu tun. „Das ist denen alles egal“, sagt der Projektleiter, „das einzige, was die verstehen, ist der Abschleppwagen.“ Und der wird sofort gerufen, sollten bei einer Kontrolle unerlaubte Modifizierungen an einem Fahrzeug oder eine erloschene Betriebserlaubnis festgestellt werden. Die Polizisten des „Projekts Rennen“ sind dafür beim TÜV ausgebildet worden. „Früher brauchte man Gutachter vor Ort, die die unerlaubten Veränderungen am Wagen sehen“, erzählt Berg.

NRW-Innenminister Herbert Reul (4. Person von rechts) lässt sich von Projektleiter Polizeihauptkommissar Jürgen Berg (2. Person von rechts) einen Einblick in die Arbeit des „Projekts Rennen“ geben. Foto: ZVA/Benjamin Wirtz

Jetzt könnten die Beamten das selbst machen. Man erkenne die Autos, die man herauswinken sollte, recht schnell: überlaute Motoren, sichtbar aufgemotzte Fahrzeuge, aggressives Fahrverhalten. Auch Bürger würden so etwas immer häufiger melden – ein weiterer Grund, weshalb die Zahl der registrierten Rennen steige.

Ein illegales Autorennen ist in den seltensten Fällen von langer Hand organisiert. Meist passiert es spontan. Zwei getunte Autos stehen an einer roten Ampel, die Fahrer blicken sich an – und schon messen sie sich mit hoher Geschwindigkeit. Die Raser seien immer männlich, meist im Alter zwischen 18 und 27 Jahren, sagt Berg. Alkohol oder Drogen spielten keine Rolle. Das Auto sei ihr Statussymbol und gehöre manchmal der ganzen Familie. Reich sind die Raser trotz ihrer teuren Fahrzeuge nur selten. Sie geben ihr ganzes Geld für das Tuning aus. Dass die Raser mit den aufgemotzten Karren noch „bei Mutti wohnen“, sei laut Berg gar nicht so selten.

Beim „Projekt Rennen“ der Kölner Polizei werden vor allem getunte Autos unter die Lupe genommen. Foto: ZVA/Benjamin Wirtz

Vor allem in den Nächten an Wochenenden sind die Raser aktiv. Dann kontrollieren die Spezialisten des „Projekts Rennen“ verstärkt. Dass sie nachts mal kein Auto aus dem Verkehr ziehen, komme laut Berg zwar auch vor, das sei aber die Ausnahme. Im Normalfall nehmen die Beamten jede Nacht Fahrzeuge im einstelligen Bereich von den Straßen. Allein in den zwei Stunden, in denen sich Reul vor dem Tanzbrunnen über die Arbeit der Polizei einen Blick verschafft, werden zwei Autos abgeschleppt, Dutzende Wagen und Motorräder kontrolliert.

Doch die Zahl der Wiederholungstäter sei groß, sagt Berg. Selbst einem Fahrer, der an einem Rennen mit unschuldigem Todesopfer beteiligt war, sei die Polizei vor kurzem im Zusammenhang mit einem illegalen Autorennen wiederbegegnet. Laut Reul gibt es für sowas keine Alternative zu Kontrollen. Solche Raser lernten nur, wenn man ihnen das Auto wegnehme.

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