1. Region

Aachen: Alles andere als ein typischer Karlspreisträger

Aachen : Alles andere als ein typischer Karlspreisträger

Dass man Europa wieder als Einheit sehen und gestalten kann, dass der Kontinent am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht gewaltsam geteilt ist, sondern seine Staaten alle Chancen haben, selbstbestimmt und gemeinsam die Zukunft zu bauen, daran hat Johannes Paul II. ohne jeden Zweifel Anteil - und zwar sowohl konkret, politisch handelnd, als auch spirituell motivierend.

Einheit ist ein Begriff, der dieses Pontifikat geprägt hat. Einheit der Kirche, Einheit der Religionen, Einheit der Christen, Einheit Europas - das sind Orientierungspunkte im Wirken dieses Papstes.

Wenn er Einheit gestört, den Frieden bedroht sieht, meldet er sich wirkungsmächtig zu Wort. Er ist in den Jahren seines Pontifikats - zumal im vergangenen - zu einer internationalen Identifikationsfigur geworden, zum globalen Repräsentanten der Ethik des Friedens und der Verständigung.

Moralische Instanz

Er wird weltweit als moralische Instanz anerkannt. Papst Johannes Paul II. hat sich in der Auseinandersetzung um den Irak-Krieg der einzigen Welt- und Supermacht entgegengestellt. Deren Präsident beruft sich in seiner Außenpolitik auf göttliche Mission - ein geradezu lächerliches Unterfangen angesichts dessen, was der Papst repräsentiert.

Wie groß tatsächlich der Anteil von Johannes Paul II. am Niedergang des Kommunismus in Osteuropa seit Beginn der 80er Jahre war und worin er bestand, dazu hat er sich selbst nie geäußert. Aber andere, die damals durchaus bedeutsame Rollen spielten, haben seinen klugen und maßgeblichen Einfluss gewürdigt: unter anderem die damaligen Präsidenten Polens und der Sowjetunion, General Wojciech Jaruzelski und Michail Gorbatschow.

Bereits in den 70er Jahren als Erzbischof von Krakau engagierte sich Karol Wojtyla für die deutsch-polnische Versöhnung, betonte das Gemeinsame, nicht das Trennende. Von Beginn seines Pontifikats an setzte Johannes Paul II. auf die Einheit des geteilten Europas. Er gebrauchte öffentlich nicht nur die polnische Sprache, sondern auch die anderer osteuropäischer Völker. Er ernannte schon 1980 die Slawenapostel Cyrill und Methodius zu Patronen Europas, sprach viele Osteuropäer selig und heilig. Er wusste um die politische Bedeutung geistlicher Gesten.

Vor allem aber bestärkte und stärkte der Papst die Gewerkschaft Solidarität in seiner polnischen Heimat. Er machte den Menschen unter der kommunistischen Diktatur Mut und pochte auf Respektierung der Menschenrechte (unter anderem in seiner Enzyklika „Redemptor hominis”, 1979).

Aber er verhandelte auch mit den Regimen im Osten. Dass in Polen ein Blutbad verhindert werden konnte, ist auch sein Verdienst. Seine Besuche in Polen 1978, 1983 und 1987 gaben der Opposition Aufschwung. Er kämpfte mit Worten gegen das System. Er schaltete sich wie noch kein Papst vor ihm in die internationale Politik ein - so bei diversen KSZE-Folgetreffen.

Der Untergang des Kommunismus war von ihm gewollt und wurde von ihm befördert. Dass der Kapitalismus Sieger bleibt, liegt nicht in der Intention des Papstes.

Globalisierungs-Kritiker

Er hat immer den dritten Weg gesucht - schon in seiner Enzyklika „Laborem exercens” 1981. Heute warnt er mehr denn je die Industrienationen, sich ihrer globalen Verantwortung bewusst zu werden, Armut, Ungerechtigkeit und Angst in vielen Ländern und ganzen Erdteilen ernstzunehmen und daraus Konsequenzen zu ziehen für den eigenen Lebensstil und den Umgang mit der Schöpfung. Insofern ist er den Globalisierungskritikern vom Weltsozialforum in Bombay sicherlich näher als den Mächtigen aus Politik und Wirtschaft in Davos.

Seine Überzeugung für Europa wird christlich sein, oder es wird überhaupt nicht sein. Wobei der Papst dies nicht als Abgrenzung zu oder gar Ausgrenzung von anderen Religionen versteht. Deren Dialog miteinander ist eines seiner großen Anliegen.

Sein Primat, seine Stellung als unumschränkter Inhaber der obersten Kirchengewalt unterscheidet den Papst von bisherigen Karlspreisträgern. Nicht immer sind die Gläubigen seiner Kirche glücklich mit der Vorstellung des Papstes von Einheit, denn bei deren Betonung in der Weltkirche kommt bei diesem Papst die Vielfalt zu kurz.