Düsseldorf: Allerweltsarten werden Raritäten

Düsseldorf: Allerweltsarten werden Raritäten

Das Artensterben in Nordrhein-Westfalen hat sich weiter beschleunigt. Knapp die Hälfte der rund 3000 seit 1979 beobachteten Tier- und Pflanzenarten sind in ihrer Existenz bedroht.

NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) kündigte am Dienstag bei der Vorlage des Umweltberichts 2013 die Ausweisung weiterer Schutzgebiete an, um die Artenvielfalt zu sichern. Dafür soll das Landschaftsgesetz zum Naturschutzgesetz weiterentwickelt werden.

Auch „Allerweltsarten“ sind inzwischen be­droht: NRW-Umweltminister Johannes Remmel. Foto: dpa

Es gibt Licht und Schatten bei den Umweltbelastungen in NRW. Erstmals melden die Kontrolleure nach Jahren des Rückgangs für 2012 wieder einen leichten Anstieg der Treibhausgase auf 305 Millionen Tonnen. Remmel sieht die Hauptursache in der Zunahme der Braunkohle-Verstromung. Enttäuscht reagierte der NRW-Minister auf die kohlefreundlichen Pläne von SPD und CDU/CSU in den Berliner Koalitionsverhandlungen.

Erfreulich: Der Schadstoffausstoß von Motoren und Feuerungsanlagen geht weiter zurück, so dass sich die Luftqualität bei der Belastung mit Stickoxiden verbessert hat. Kritisch sind in diesem Bereich aber weiter Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen und Wohnungen in der Nähe von Industrieanlagen. Untersuchungen im Jahr 2008 ergaben bei Frauen, die näher als 50 Meter an einer Hauptverkehrsstraße lebten, dass sich ihr Sterblichkeitsrisiko um 40 Prozent gegenüber Frauen erhöhte, die mehr als 50 Meter entfernt wohnten.

Sorgen bereitet zudem die Qualität der Fließgewässer. Lediglich acht Prozent der untersuchten 13 750 Gewässerkilometer verfügen über ein intaktes Ökosystem. Der Rest befindet sich in einem mäßigen oder schlechten ökologischen Zustand. Besonders bedenklich aus Sicht des Umweltministers ist der weiter zu hohe Gülleeintrag auf die Felder.

Rund 40 Prozent des Grundwassers ist mit hohen Nitratwerten belastet. Remmel will bei der nächsten Bundesregierung auf eine schärfere Düngeverordnung drängen. In NRW führt der Minister härtere Kontrollen durch, um die „Entsorgung“ der Gülle ins Grundwasser zu verhindern.

Beim Flächenverbrauch hat NRW einen ersten Teilerfolg errungen: Wurden vor Jahren täglich 15 Hektar Natur bebaut, so ist der Verbrauch auf zehn Hektar zurückgegangen. Nicht genug, mahnt der Minister. Der Verlust von Freiflächen zu Gunsten von Siedlungs- und Verkehrsflächen bleibe zu hoch.

Trotz der düsteren Perspektive der Umweltexperten für den Artenschutz — es gibt auch Lichtblicke. So sind Weißstorch, Uhu und Biber in vielen Landesteilen wieder heimisch geworden. Zunehmend bedrohlich wird es aber für „Allerweltsarten“ wie die Kreuzotter, Mopsfledermaus, Gelblauchunke und den Feldhamster. Für das Birkhuhn und die Rohrdommel kommt jede Hilfe zu spät. „Wir sind dabei, die Festplatte unserer Natur zu löschen“, warnt Remmel. Täglich verschwinden unwiederbringlich Tier- und Pflanzenarten.

Der Vertragsnaturschutz mit der freiwilligen Stilllegung von Flächen stößt an Grenzen, weil die Verträge zeitlich befristet sind und die Verpachtung an Bauern für die Besitzer meist lukrativer ist. Remmel sieht die größten Gefahren im Klimawandel. Auch NRW stehe vor neuen Herausforderungen für die Sicherung der Artenvielfalt.

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