Aachen: Alemannia: Vorwärtsverteidigung in „brauner“ Zeit

Aachen: Alemannia: Vorwärtsverteidigung in „brauner“ Zeit

Es sind nicht zwangsläufig besondere Momente, die Weichen stellen. Bei René Rohrkamp und Ingo Deloie war es ein kleiner Aufsatz, der sie motivierte nachzufragen. Wie das alles war mit der Alemannia in der NS-Zeit. Mit den sogenannten arischen, vor allem aber den jüdischen Kickern im schwarz-gelben Dress.

Und wie das Beziehungsgeflecht zwischen Reichssportpolitik, Verbandsvorschriften und vereinseigenen Handlungsmustern war. Heute ist René Rohrkamp Leiter des Aachener Stadtarchivs und immer noch treuer Alemannia-Fan.

Haben die Alemannia-Historie in unseliger Zeit wissenschaftlich untersucht: René Rohrkamp und Ingo Deloie (links) am Gedenkstein für die in den Weltkriegen gefallenen Alemannen auf dem Waldfriedhof. Eine wichtige Quelle waren unter anderem die vom Verein archivierten Vereinszeitungen. Foto: Michael Jaspers

Genau wie Ingo Deloie, ebenfalls Historiker, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittlere Geschichte der RWTH — und auch standhafter Alemannia-Fan. An der RWTH lernten sich die beiden 2004 kennen. Auch wenn es damals noch niemand ahnte, stand irgendwie fest, dass die große Interessenschnittmenge Folgen haben sollte. Alemannia, der Nationalsozialismus, die Begeisterung für die Geschichtsforschung führten in einem bemerkenswerten Entwicklungsprozess zu einem Buch, das im ersten Quartal des kommenden Jahres erscheinen wird. Der Titel „Und Salomon spielt längst nicht mehr...“ — Alemannia Aachen im Dritten Reich. Klar ist die Zielrichtung: Es wird sich um ein Grundlagenwerk mit wissenschaftlichem Anspruch handeln.

Zurück zu jenem kleinen Aufsatz aus den 80er Jahren, der Ingo Deloie und den heutigen Archivdirektor über viele Jahre nicht in Ruhe ließ. Beide kannten den Text, und das Gespräch darüber führte sie zum eigentlichen Thema. „Ich las in dem kleinen Band ‚Olé Alemannia‘ (Franz Joseph Küsters/Walter Römer, Anm. d. Red.) den Beitrag von Werner Kochs mit dem Titel ‚Das war’s dann Hänschen‘, in dem der spätere Alemannia-Verwaltungsrat Kochs von seinen Kindheitserinnerungen berichtet“, erinnert sich Deloie.

Unter anderem schrieb der spätere Anwalt Kochs von seinem Kindheitsfreund Hänschen Silberberg, der immer ganz besonders vom jüdischen Alemannia-Stürmer Max Salomon schwärmte. Der Stürmer überlebte die NS-Verfolgung nicht, und auch Hänschen Silberberg kam nicht zurück. Das Autorenduo Deloie/Rohrkamp wollte mehr wissen. Ab wann griffen die NS- Prinzipien im Sport, in Aachen, bei der Alemannia? Die 2000 vom Alemannia-Archivar Willi Sieprath herausgegebene Vereinschronik erwähnt, dass bereits 1933 eine Anweisung erfolgt sei, jüdische Spieler aus dem Verein auszuschließen.

Eine entscheidende Frage stellte sich den Aachener Historikern bereits am Anfang ihrer Nachforschungen: Erfolgte die Anweisung auf Anordnung „von oben“? Die Antwort: „Es gab kurz nach der Machtübernahme aus Berlin keine Anordnung zum Ausschluss. Es gab Spielräume. Und es gab einen Fächer an Handlungsmustern zum Umgang mit den jüdischen Vereinsmitgliedern“, fasst Rohrkamp zusammen. Damals hieß es in der Vereinszeitung: Max Salomon „trat infolge der Zeitrichtung ab“.

Gerade diese schnelle Erkenntnis reizte Deloie und Rohrkamp, die Forschungen in eine Publikation in Aufsatzform fließen zu lassen. Viele Reisen zu Archiven folgten — Düsseldorf, Berlin, Freiburg, Brüssel und andere. Das Projekt Alemannia in der NS-Zeit war das „Privatvergnügen“ der Historiker.

Etwas anderes wurde schnell klar: Die Ergebnisse würden den Rahmen eines Aufsatzes sprengen und für ein komplettes Buch reichen. Denn je tiefer Deloie und Rohrkamp ins Thema eintauchten, desto dichter wurde die Quellenlage. Zu systematischen Forschungen gesellten sich Zufallsfunde, die auch eine Einordnung des Themas in die Vorgeschichte zuließen. „Alemannia war bis 1933 ein bildungsbürgerlicher Verein, in dem die tragenden Figuren noch vielfach im Kaiserreich verhaftet waren. Alemannia war kein Arbeiterverein“, skizziert Deloie das Sozialgefüge des Klubs. Bemerkenswert auch die vergleichsweise hohe Zahl an NSDAP-Mitgliedern 1933: Bei 800 Mitgliedern gehörten Anfang 1933 bereits 60 der Hitler-Partei an.

Im Laufe ihrer Arbeit stießen die Forscher auf historisch interessante Personen. Zum Beispiel auf Peter Müller, der für die NSDAP im Stadtrat saß und als „alter Kämpfer“ als der geeignete Mann erschien, um der Alemannia vorzustehen. Der Begriff Präsident wich allgemein sehr schnell dem des Vereinsführers. Die Historiker kommen zum Ergebnis, dass der Verein sehr schnell und ohne nachweisbaren Druck von oben kommende Prinzipien um- und Funktionsträger eingesetzt hat, um nach außen ein systemkonformes Gesicht zu zeigen.

Das Buch wird vom Landschaftsverband finanziell gefördert, es erscheint im Verlag „Die Werkstatt“, ist derzeit im Lektorat, wird ca. 200 Buchseiten umfassen und voraussichtlich 24,90 Euro kosten.