Aachen: AKW Tihange: Aachener Stadtrat fordert die sofortige Stilllegung

Aachen : AKW Tihange: Aachener Stadtrat fordert die sofortige Stilllegung

Ein halbes Dutzend Atomkraftwerke liegt nur einen Steinwurf von Aachen entfernt — wenn man es einmal so sieht, dass im Falle eines Super-GAU wie in Tschernobyl oder Fukushima 200 Kilometer quasi nichts sind. Am nächsten liegt das belgische Atomkraftwerk Tihange bei Huy. Es ist gerade einmal 60 Kilometer entfernt — und gilt als marode.

Tausende Risse in den Druckbehältern von Block 2, eine „unerwartet“ festgestellte Brüchigkeit des Behältermaterials — das weckt Befürchtungen. Schon 1999 zeigten Modellrechnungen der Wiener Universität für Bodenkultur, dass nach einem Super-GAU Gebiete weit über unsere Region hinaus in einem Maße betroffen sein könnten, dass sie lange stark verstrahlt wären. Andere Wissenschaftler — unter anderem von der RWTH Aachen — sehen das Risiko eines solchen Unfalls in Tihange als eher gering an.

Dennoch: In Aachen macht sich nicht nur, aber auch die Politik große Sorgen. Das hat sie gestern Abend im Stadtrat mit großer Einmütigkeit zum Ausdruck gebracht. Verabschiedet wurde eine von allen Fraktionen unterzeichnete Resolution mit der Überschrift: „Unverzügliche und dauerhafte Abschaltung des Kernkraftwerks Tihange“. Auch die Politiker treibt darin die Sorge um, dass „die gesamte Region unbewohnbar“ werden könnte. Am Freitag wollen auch Vertreter der Evangelischen Kirche einen Offenen Brief an die Landesregierung schicken, in dem sie sich gegen die Wiederinbetriebnahme von Tihange 2 wenden.

Die Fraktionen fordern die Landes- und Bundesregierung auf, sich für die sofortige Stilllegung des AKW Tihange einzusetzen. Zudem solle ein für den nuklearen Ernstfall geltendes bilaterales Abkommen mit Belgien vereinbart werden. Ein solches gibt es — zum Beispiel in Sachen Informationsweitergabe — mit den Niederlanden, nicht aber mit Belgien. Der Städteregionsrat hatte dies 2013 ebenfalls in einer Resolution gefordert. Informationsweitergabe läuft zurzeit aber eher informell, erklärt Marlis Cremer, Leiterin des Amtes für Ordnungsangelegenheiten, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz der Städteregion Aachen.

Genehmigung zurücknehmen

„Die sieben Leitstellen in der Euregio Maas-Rhein — in Hasselt, Maastricht, Lüttich, Heinsberg, der Städteregion Aachen, im Kreis Düren und Kreis Heinsberg — kooperieren sehr gut“, sagt Marlis Cremer. Die Leitstellen informierten sich gegenseitig über alles, was grenzüberschreitend relevant sein könne — „unabhängig von dem, was gesetzlich vorgeschrieben ist“. Das System hält Cremer für bewährt. „Der Informationsaustausch ist schneller als über den offiziellen Weg.“ Man sehe sich gut aufgestellt (siehe Artikel unten).

Der Stadtrat appelliert derweil an die belgische Regierung. Diese solle die um zehn Jahre verlängerte Betriebsgenehmigung für den 40 Jahre alten Block 1 des Kernkraftwerks Tihange zurücknehmen. Denn „bei einem Unfall könnte die Ummantelung brechen und radioaktiv kontaminiertes Wasser mit unkalkulierbaren Folgen austreten“. Doch in Belgien wendet man sich immer mehr ab von dem geplanten Atomausstieg. Zurzeit wird ein Gesetz erarbeitet, dass die Laufzeit der AKW Doel 1 und 2 bei Antwerpen ebenfalls um zehn Jahre verlängern soll.

Landes- und Bundesregierung werden mit der Resolution gebeten, „Katastrophenschutzkonzepte zu erarbeiten bzw. zu überarbeiten, um entsprechende Informationen auf nationaler Seite vorhalten zu können“. Kritiker werfen den Behörden nämlich vor, dass es keinen ausgereiften Katastrophenplan gebe.

Im Falle eines kerntechnischen Unfalls würde das föderale Krisenzentrum (Centre de Crise Fédéral ) des Innenministeriums Kontakt mit dem deutschen Pendant aufnehmen, erklärt Sébastien Berg, Sprecher der belgischen Atombehörde FANC (Agence Fédérale de Contrôle Nucléaire). Außerdem würde man die Nachbarländer kontaktieren. Daneben existiert das europäische System Ecurie, das den Austausch von Informationen bei einem Unfall beschleunigt.

Und dann? Einen Erlass des NRW-Innenministeriums gibt es seit einiger Zeit. Das Ganze nennt sich „Rahmenempfehlung für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“. Mit dem Erlass wurden nach der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 einige schon 2008 von der Strahlenschutzkommission ausgesprochene Empfehlungen verschärft. So wird nun als „Zentralzone“ ein Gebiet von fünf Kilometern (vorher zwei Kilometer) um einen Reaktor herum definiert. Dieses Gebiet sollen die Menschen im Fall des Falles innerhalb von sechs Stunden verlassen, bis dahin sollen sie in Gebäuden bleiben. Menschen bis 45 Jahre und Schwangere sollen Jodtabletten bekommen. Es soll zudem Messprogramme geben. Schon jetzt misst die Städteregion an festgelegten Orten die Strahlung, um im Notfall einen Vergleichswert zu haben.

In der „Mittelzone“ (20 Kilometer, vorher zehn Kilometer) gilt dasselbe — bis auf die Evakuierung, die dort binnen 24 Stunden gestaffelt nach Sektoren vonstatten gehen soll. Und in der „Außenzone“ (100 Kilometer, vorher 25) — sprich in unserer Region — ist eine Evakuierung nicht vorgesehen. Stattdessen soll vor dem „Verzehr von frisch geernteten Lebensmitteln“ gewarnt werden. Wie das umgesetzt wird, ist Sache der Katastrophenschutzbehörden vor Ort.

Auch das „Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie“ wollte das ganz genau wissen und schickte 37 Kommunen der Region eine Anfrage: „Welche Notfallpläne gibt es? Wie wird informiert? Wer sind Ansprechpartner im Falle eines Super-GAU in Tihange?“, heißt es. Die Ergebnisse sollen bei einer Demo am Dreiländereck am 14. Juni um 14Uhr veröffentlicht werden. Man könnte auch sagen: sollten. Denn laut Aktionsbündnis liegt die Zahl der Antworten derzeit bei: exakt null.

Komplizierte Fragen

„Wir befürchten, dass der Katastrophenschutz völlig unkoordiniert ist“, sagte Jörg Schellenberg vom Aktionsbündnis im Gespräch mit unserer Zeitung. Und die wirklich komplizierten Fragen habe Schellenberg noch gar nicht gestellt: zum Beispiel wie man einen Feuerwehrmann dazu zwinge, seine Arbeit nach einem GAU zu machen.

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