Bonn: Ängste von einst sind passé: Ex-Hauptstadt Bonn wächst

Bonn: Ängste von einst sind passé: Ex-Hauptstadt Bonn wächst

Auf dem „Weg der Demokratie” in Bonn flanieren heute die Touristen durch das frühere Regierungsviertel. Der vom Haus der Geschichte gestaltete Rundgang mit 18 Etappen führt zu den einstigen Stätten von Bundestag, Bundeskanzleramt oder Auswärtigem Amt. Das Abgeordnetenhochhaus „Langer Eugen” ist auch dabei, es ist inzwischen der Arbeitsplatz von Mitarbeitern der Vereinten Nationen.

Vor einem Vierteljahrhundert war die Angst vor der Zukunft groß in Bonn, der Status als Bundeshauptstadt wurde nach dem Fall der Mauer immer brüchiger. Der Einigungsvertrag machte dann 1990 Berlin zur Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands. Ein Jahr darauf beschloss auch der Bundestag mit knapper Mehrheit seinen Umzug an die Spree. Die kleine Großstadt am Rhein, in der Anfang der 1990er Jahre fast jeder dritte Arbeitsplatz vom Bund abhing, war geschockt. Eine Ruinenstadt ohne Zukunft und ohne Aufgaben - das war die Horrorvision.

Es ist anders gekommen. Zum Jahresbeginn verwies Bonns Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) stolz auf das solide Wachstum. „Mehr Einwohner, mehr Arbeitsplätze”, resümierte das Stadtoberhaupt das vergangene Jahr. Die 310 000-Einwohner-Kommune hat das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Nordrhein-Westfalen. Bonn wird bis 2030 weiter deutlich an Einwohnern zulegen, sagen die Statistiker. Viele andere Kommunen müssen sich auf Rückgänge einstellen.

Mit dem Umzug von Parlament und Teilen der Ministerien hat sich der Arbeitsmarkt gewandelt. Allein die Zentrale der Telekom hat 15 000 Beschäftige, die Deutsche Post kommt auf rund 8000 Mitarbeiter. Die Vereinten Nationen sind mit fast 1000 Frauen und Männern vertreten. Etwa 6500 Bedienstete des Bundes arbeiten weiter in Bonn, denn der Bundestag hat 1991 ein Sowohl-als-auch beschlossen - eine Aufteilung der Ministerien. Allerdings wurde in den vergangenen Jahren ein immer größerer Teil der Ministerialbürokratie in Berlin angesiedelt.

Bonn ist zwar Boom-Town, der städtische Haushalt schreibt aber seit langem rote Zahlen. Die Ex-Bundeshauptstadt hat zu lange auf großem Fuß gelebt und muss die Strukturen nun schrumpfen. Seit 2009 gibt der Bund auch kein Geld mehr für Kultur. Die Schulden der Stadt türmen sich auf 1,67 Milliarden Euro. Gespart werden soll künftig an Museen und Theatern, Schwimmbädern und anderem mehr.

Unterdessen nehmen im alten Regierungsviertel neue Projekte Gestalt an. Derzeit legen die Arbeiter letzte Hand an ein Konferenzzentrum, zu dem auch der frühere Plenarsaal des Bundestages gehört. Die Baustelle des World Conference Center Bonn, kurz WCCB, ruhte viereinhalb Jahre wegen eines spektakulären Finanz- und Betrugsskandals mit Insolvenzen ausländischer Privatinvestoren. Die juristische Aufarbeitung dauert an.

Die Stadt vollendet das umstrittene Prestigeobjekt, das im städtischen Haushalt mit Kosten von voraussichtlich rund 100 Millionen Euro zu Buche schlägt. Eröffnung soll in diesem Juni sein. Noch im Sommer ist eine erste UN-Klimakonferenz mit mehreren tausend Teilnehmern geplant. Passenderweise heißt die Straße davor nun „Platz der Vereinten Nationen”.

Einst wurde Bonn als Bundesdorf und Beamtenstadt geschmäht, heute ist der Wandel zur Dienstleistungsbranche an vielen Ecken sichtbar. Wo bis zum Jahr 2000 das „Konrad-Adenauer-Haus” stand, die einstige CDU-Parteizentrale, imponiert nun die Konzernzentrale der Deutschen Telekom. Auf dem „Weg der Demokratie” zu den historischen Orten im Ex-Regierungsviertel ist das die letzte Station.

(dpa)