Aachen: „Ach, Aachen ...“: Bilder aus einer urbanen Wüste

Aachen: „Ach, Aachen ...“: Bilder aus einer urbanen Wüste

„Kennen Sie Aachen überhaupt? Dann gehen Sie doch einmal dort fotografieren, wo es auch schön ist!“ Über gut gemeinte Ratschläge von Einheimischen hat sich Johannes Twielemeier in den vergangenen vier Jahren wahrlich nicht beklagen können.

Allzu oft stieß er auf Unverständnis und Ablehnung, wenn er mit seiner kleinen Reportagekamera in den tristen und dunklen Ecken der Stadt unterwegs war. Denn Twielemeier, 54 Jahre alt, Steinmetz und Fotograf, Dozent auf Gut Rosenberg, der Akademie für Handwerksdesign in Aachen-Horbach, interessiert sich nicht für das Offensichtliche. „Ich habe einen sehr speziellen Blick für das Gewöhnliche, das Banale. Was ich in Aachen fotografiert habe, wäre für die meisten Fotografen kaum bildwürdig.“

Man könnte auch sagen: Twielemeier zeigt mit seiner neuen Reihe „Ach, Aachen ...“ den urbanen Alltag in seiner ganzen Absurdität und mitunter auch Hässlichkeit; den schönen Schein blendet er komplett aus. Der Künstler hat Aachen mit den Augen eines Fremden entdeckt und der Stadt damit ein fotografisches Denkmal gesetzt: ehrlich und authentisch, schmutzig, verlebt und dabei voller melancholischer Momente.

Der Blick eines Fremden

Angefangen hat alles im Jahr 2011. Mit seiner Fotoreihe „Orte ohne Wiederkehr“ hatte Twielemeier im Vorjahr viel Anerkennung gewonnen. Über einen Zeitraum von acht Jahren hatte der Autodidakt mit seiner analogen Mittelformatkamera das langsame Sterben der kleinen Ortschaften im Rheinischen Braunkohlerevier dokumentiert — ein langwieriges und aufwendiges Unterfangen. „Danach wollte ich etwas Neues beginnen. Für mich war schnell klar, dass ein Nachfolgeprojekt vor meiner Haustür liegen musste. Was lag also näher, als sich einmal Aachen vorzunehmen?“

Twielemeier, gebürtiger Sauerländer, lebt seit 1994 in der Grenzstadt und fühlt sich hier „immer noch ein bisschen auf der Durchreise“, wie er meint. „Ich habe nach wie vor den Blick eines Fremden auf die Stadt“, sagt der Fotograf. Das macht ihn immun gegen jene selektive Wahrnehmung, mit der sich Aachener ihrer Heimat gemeinhin nähern.

Die üblichen Postkartenmotive lässt Twielemeier tatsächlich aus. Stattdessen erkundet er mit Vorliebe die Außenbezirke der Kaiserstadt, besucht gezielt Industriegebiete und „Problemviertel“. Sein Motto, entliehen von dem US-amerikanischen Fotografen Michael Ackerman: „Sei offen für alles, was die Straße dir bietet!“ Ziel- und planlos durchstreift der Fotografie-Dozent zunächst die Stadt, zu allen Tages- und Jahreszeiten. Twielemeier liebt das Zwielicht: „Wenn sich Kunstlicht und natürliches Licht mischen und die Farben krank werden, dann sieht das großartig aus.“ Die kleine digitale Kamera wird schnell seine ständige Begleiterin. Hinterhöfe ziehen ihn magisch an. Menschen und Sehenswürdigkeiten spielen auf den Fotos dagegen allenfalls eine Statistenrolle.

Twielemeier fotografiert zu Beginn eher sporadisch, 2014 nimmt er dann täglich ein Bild auf. Urlaub hat er in diesem Jahr nicht gemacht. Am Ende geht der Künstler auch ganz gezielt vor: An einem Tag nimmt er sich den Adalbert­steinweg stadteinwärts vor, anderntags stadtauswärts. Ähnlich verfährt er mit der Jülicher Straße — ebenfalls ein Hotspot urbaner Hässlichkeit.

Nach vier Jahren sind mittlerweile Hunderte Fotos entstanden, die in der Gesamtschau ein faszinierendes und so noch nicht gesehenes Bild der Stadt vermitteln. „Mir geht es nicht bloß um die reine Ästhetik. Tatsächlich findet der Betrachter in meinen Fotos auch eine gesellschaftskritische, durchaus politische Botschaft“, sagt Twielemeier und zeigt ein Bild von den vollkommen verwahrlosten Aufgängen am alten Tivoli. „Das neue Stadion ist ein gutes Beispiel: Einerseits ist hier unfassbar viel Geld verbaut worden — für einen mittlerweile viertklassigen Fußballverein. Auf der anderen Seite gibt es kaum noch Mittel für kleine Kultureinrichtungen.“

Nichts für Lokalpatrioten

Twielemeier gelingen auch Fotos, die einem Aachener in der Seele wehtun müssen — und die für Lokalpatrioten deshalb schwer zu ertragen sind. Am Grünen Weg trifft er zum Beispiel Menschen, die dort illegal zelten. Elend pur. Vom Parkhaus Büchel aus („mein Lieblingsort in der Innenstadt“) fotografiert er die Fassaden von Aachens sündiger Meile. „Manche meiner Fotos erinnern an das Amerika der großen Depression in den 1930ern. Aber das ist Aachen im Jahr 2015! Unfassbar.“

Immer wieder kommt dabei Twielemeiers Vorliebe für das Morbide zum Vorschein. Vergänglichkeit ist ein Thema, das sich in allen Arbeiten des Künstlers spiegelt — als Steinmetz entwirft er vornehmlich Grabsteine. Den Ernst durchbricht Twielemeier in seinen Fotos oft durch hintergründige Komik: Da ist zum Beispiel der alte, in einem Hinterhof an der Turpin­straße abgestellte Mercedes, der von seinem Besitzer im Laufe der Zeit mit unfassbar viel Müll vollgestopft wird. „Ich habe ihn immer wieder besucht. Mich reizt es einfach, derart vergängliche Momente festzuhalten.“

Noch ist unklar, ob und gegebenenfalls wann die Fotos in Aachen ausgestellt werden — derzeit laufen entsprechende Gespräche. Twielemeier widmet sich derweil schon dem nächsten Projekt: 20 Jahre nach Bekanntwerden der ungeheuerlichen Verbrechen des Kinderschänders Marc Dutroux plant der Aachener Künstler eine fotografische Spurensuche in Belgien, wo er seit knapp einem Jahr wohnt. Erneut ist es ein morbides Thema, das den Fotografen fesselt. Man darf gespannt sein.

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