Abschied von der Firma nach Insolvenz von Kronenbrot in Würselen

Tag des Abschieds : Bei Kronenbrot hängt das „letzte Hemd“ am Zaun

Die Mitarbeiter von Kronenbrot dürfen ein letztes Mal auf das Betriebsgelände. Die Arbeitsagentur ist da und auch andere interessierte Unternehmen. Ein Tag des Abschieds. Dann wird die Firma nach 154 Jahren abgeschlossen.

Zum Abschied hat Carsten Peters Currywurst gekocht. Der 45-Jährige steht mit einem kleinen Gaskocher auf dem Kronenbrot-Parkplatz in Würselen und verteilt die Schalen. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man von einem kleinen Firmenfest ausgehen. Die gesamte Belegschaft – mehr als 500 Leute – ist gekommen.

Die letzten Stunden in der Geschichte des 154 Jahre alten Unternehmens sind angebrochen. Am Donnerstag hat der vorläufige Insolvenzverwalter Biner Bähr das Aus für die Firma verkündet. Keine Hoffnung auf Rettung, keine Perspektive mehr beim Unternehmen für fast 1000 Mitarbeiter. Gegründet wurde die Traditionsbäckerei im Jahr 1865. Das konkrete Datum ist nicht überliefert, wohl aber dieser 30. Juli 2019 als der Tag, an dem die Mitarbeiter an den drei Firmenstandorten Würselen, Köln und Witten zum letzten Mal ihren Betrieb betreten.

Carsten Peters ist der Logistikleiter, er führte ein Team mit 100 Leuten. Fahrer, Disponenten, viele Freunde. Dass es schlecht um das Unternehmen steht, war allen klar. „Dass so schnell Schluss ist, kommt doch überraschend“, sagt er. Kronenbrot, sagt er, Kronenbrot sei ihm in die Wiege gelegt worden. „Mein Vater, mein Onkel, meine Tanten haben in den 60er Jahren dazu beigetragen, dass das Unternehmen so groß wurde.“ Es war keine Frage, dass Peters vor 20 Jahren auch hier anheuerte. Die Großbäckerei gehörte zu den fünf größten Bäckereien der Republik, Jahresumsatz 120 Millionen Euro. Am Donnerstag hat der vorläufige Insolvenzverwalter der Belegschaft mitgeteilt, er sehe keine Möglichkeit, die Produktion fortzusetzen.

Diana Hafke, die Aachener Geschäftsführerin der zuständigen Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, spricht von einer „Schockstarre“ unter den Kollegen: „Sie haben noch gar nicht verinnerlicht, was mit ihnen geschieht.“ Manche Familien sind sogar mehrfach betroffen. Die Überstunden, freien Tage, Urlaubszeiten sind alle futsch. Eine Transfergesellschaft gibt es nicht, der Betriebsrat arbeitet am Sozialplan. Der Insolvenzverwalter hat die Mitarbeiter ein letztes Mal aufs Firmengelände geladen, die Bundesagentur für Arbeit informiert.

Heinz-Konrad Rüffer, der Geschäftsführer Operativer Service für den Bereich Aachen-Düren, steht in einer kleinen Halle, wo bis vor kurzem Brot gelagert wurde. Jetzt ist die Luft zum Schneiden, die Akustik ist schlecht. Es geht natürlich ums Geld. Noch bis zum Monatsende erhalten die Mitarbeiter das Insolvenzgeld. Danach muss Arbeitslosengeld beantragt werden, das etwa 60 Prozent des Nettolohnes ausmacht. Der ist bei vielen Kronenbrotlern gesunken, weil sie nach der ersten Insolvenz Lohneinbußen akzeptierten – ihr Beitrag für die Sanierung des Unternehmens. Nun werden sie doppelt bestraft.

Es gibt auch gute Nachrichten, Fachkräfte werden überall gebraucht, sagt der Mann von der Arbeitsagentur. Aber wohl nicht jeder werde einen nahtlosen Übergang finden. Bei Kronenbrot gibt es nicht nur Bäcker, Fahrer und Maschienenführer, auch in der Verwaltung wird nun das Licht ausgemacht. Selbst der Sicherheitsdienst kommt nicht mehr.

Auf der anderen Seite des Betriebsgeländes stellen sich andere große regionale Lebensmittelbetriebe vor. Diana Hafke hat die Personalabteilungen in den vergangenen Tagen kontaktiert. „Diese Form der Solidarität habe ich noch nie erlebt“, sagt die Gewerkschafterin. „Trotz Ferienzeit sind zusätzliche Stellen geschaffen worden.“ Lindt, Zentis, Lambertz bauen kleine Stände auf. Auch die Bonback-Gruppe aus Übach-Palenberg will noch vorbeikommen.

 Für viele Mitarbeiter sind die Probleme bei Kronenbrot hausgemacht, das Management der vergangenen Jahre kommt nicht gut weg. Carsten Peters, der Logistikleiter, hat noch einen anderen Schuldigen ausgemacht: „Wir Verbraucher wollen es doch immer so günstig haben, wie es nur geht. Und das spiegelt sich dann wider in den Verhandlungen zwischen dem Discountern und den Großbäckern“, sagt er. Dann umarmt er zwei Mitarbeiter seines nun ehemaligen Teams. „Lass uns in Kontakt bleiben.“ Peters sagt, dass er sich nun eine Weile ausruhen will. Die letzten vier Jahre seit der ersten Insolvenz seien sehr anstrengend gewesen. „Die Sorge um meine Mitarbeiter war immer da.“ Sie ist nicht kleiner geworden.

Es sind die letzten Stunden im Betrieb. Die letzte Charge Brot ist zu Tierfutter verarbeitet worden. Die Kronenbrotler müssen ihre Schlüssel abgeben. Vorne an der Schranke befestigt Betriebsrat Guido Rick „das letzte Hemd“. Die Bäckerhemden trugen sie früher bei der Arbeit, jetzt ist es eine Erinnerung am Firmenzaun. Zum Abschied signieren es die Ehemaligen. „Der Firma ging es schon lange nicht mehr gut“, sagt Danuta Beckers, die bis vor kurzem in der Verpackung arbeitete. Dann unterschreibt sie. Der letzte Schriftzug nach zehn Jahren. Daneben am Zaun hängen dutzende Chipmarken, mit denen sie früher Zutritt zu ihren Arbeitsbereichen fanden. Man kennt solche Bilder von Brücken, sie sollen ewige Verbundenheit dokumentieren. Bei Kronenbrot sind sie ein Abschiedsgruß.

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