Aachen: Abschied vom Karls-Mythos: Die Römer bauten Aachen

Aachen: Abschied vom Karls-Mythos: Die Römer bauten Aachen

Ohne Karl den Großen (768-814) geht in Aachen kaum was. Als der Frankenherrscher Karl kam, war Aachen ein Nichts. Eine verlassene Gegend, in der vorher höchstens mal ein paar müde römische Soldaten ihre rheumageplagten Knochen in die heißen Quellen hielten. Erst mit dem Bau der mächtigen Pfalz wurde die Ansiedlung so etwas wie eine Stadt.

Generationen von Stadt- und Domführern haben diese Version transportiert. Doch jetzt kommt ein Mann aus dem Schwarzwald, der diesen Mythos zerstört: „Damit müssen wir jetzt aufräumen”, sagt Andreas Schaub. Denn eigentlich war alles ganz anders.

Andreas Schaub ist seit drei Jahren Aachener Stadtarchäologe - davor gab es keinen. Schaub hat seine Stelle einem Vorgang zu verdanken, der vor Jahren die Fachwelt erschütterte und von vielen als Frevel verstanden wurde: Bei Bauarbeiten in der City wurde eine römische Badewanne mit ausgefuchster Technik gefunden.

Die Stadt sicherte ein 1,40 Meter breites Stück davon, der Rest wurde weggebaggert, und bis heute dämmert das Badewannenteil im Bauhof vor sich hin. Doch immerhin - als Konsequenz aus der Kritik stellte die Stadt einen Stadtarchäologen ein - Andreas Schaub (45) eben.

Und der bekam unlängst viel Arbeit, als unter dem Elisengarten mitten in der Stadt so etwas wie eine archäologische Schatztruhe entdeckt wurde.

Das Gelände war nie bebaut worden; an den Fundstücken im Erdreich ließen sich alle Siedlungsepochen der Stadt ablesen - auch die der Römer. Römische Funde hatte es in Aachen schon viele gegeben, aber niemand hatte sie in der Gesamtheit interpretiert. Das holte der Archäologe nach und kam dabei zu völlig neuen Einsichten.

Demnach gab nicht erst die historische Lichtgestalt Karl Aachen das Zeug zur Stadt. Die Römer hatten schon viel früher richtige Arbeit geleistet.

In der Zeit um Christi Geburt stampften sie eine erste kleine Stadt mit einem rechtwinkeligen Straßenraster aus dem Boden, „für 2500 bis 3000 Einwohner”, meint Schaub. Für damalige Verhältnisse schon sehr respektabel.

Die heißen Quellen machten die Gegend für die Römer attraktiv. In ganz Niedergermanien, zwischen Nordsee, Koblenz und den heutigen Niederlanden gab es nur in Aachen heiße Quellen. Eine römische Thermenanlage befand sich einen Steinwurf weit vom Elisengarten entfernt.

Im Elisengarten fanden die Archäologen Reste eines großen Hauses für die Kurgäste. Denn in den Thermen streckten nicht nur die Normalbürger ihre Glieder aus, sondern auch die Kurgäste, wie Julia Tiberina, die Gattin eines Offiziers, der in Britannien stationiert war.

Aus Dankbarkeit stiftete sie der damaligen Trend-Göttin Isis und der ägyptischen Göttin Kybele jeweils einen Tempel.

Erst vor zwei Jahren erfuhr Schaub von einem Aachener Fund aus den 1970er Jahren: Ein lange unbeachteter Tempelstein mit einer Weihe- Inschrift eines dieser Tempel.

Den Stein interpretiert Schaub als weiteren Beleg, dass Aachen keine Stadt römischer Soldaten, sondern des zivilen Volkes war. „In Aachen gab es nie eine römische Militärstation. Man muss sich verabschieden von der Militärtherme.”

Die Stadtführer sind bereits mit der Neuinterpretation geschult worden, die Domführer kommen noch dran. Die bis zu 100.000 Einzelfundstücke aus dem Elisengarten sollen später in die Landesmagazine gebracht werden.

An der offenen Grabungsstelle soll eine archäologische Vitrine Einblick geben. Und für die römische Badewanne wird jetzt nach acht Jahren übrigens auch ein Platz gesucht.