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Brüssel: Abrechnung mit dem Monster

Brüssel : Abrechnung mit dem Monster

Sie nennt ihn Dreckskerl, Lügner, Monster, Widerling, Schwein, Sadist und einen feigen Psychopathen. Das hat seinen Grund.

Denn der so Bezeichnete ist Marc Dutroux, der Kinderschänder und mehrfache Mädchenmörder aus Charleroi.

Und die junge Frau, die auf diese Weise mit Belgiens bekanntestem Verbrecher abrechnet, heißt Sabine Dardenne. Sie hat das Grauen in Dutroux Keller als Zwölfjährige erlebt, hat überlebt, und beschreibt die 80 unendlich erscheinenden Tage ihrer Gefangenschaft nun in einem Buch.

Das Schwerste war die Erinnerung an die Einzelheiten. „Man will sich nicht ständig an diese Dinge erinnern”, sagt die 21-Jährige. Im Buch „Ihm in die Augen sehen” (Droemer Verlag, München, 272 Seiten, 18,90 Euro) lässt sie „diese Dinge” dennoch ein letztes Mal Revue passieren.

Sabine Dardenne sieht die Aufzeichnung ihrer Leidensgeschichte auch als einen Akt der Befreiung. „Es hat mir wirklich gut getan, mich zu leeren”, meint die zierliche Frau, die so gar nicht den Eindruck eines leidenden Opfers macht.

Bestimmt und ohne Scheu beantwortet sie im Vier-Augen-Gespräch die Fragen nach ihrem Buch und der Motivation dafür.

„Die Geschichte wird mein ganzes Leben bleiben”, weiß Dardenne. Aber die Blicke und Fragen der Leute, denen sie jeden Morgen im Zug von Tournai nach Brüssel begegnet, möchte sie mit ihrem Buch ein für alle Mal beantworten. Jahrelang hat die Heranwachsende in der Anonymität gelebt, alle Interviews abgelehnt.

Mit dem Prozess im Frühjahr, ihrer bewegenden Zeugenaussage und den Fotos in allen Zeitungen war das vorbei. Nun kommt das Buch. Aber danach möchte die 21-Jährige nur noch ihre Ruhe haben: „Die Interviews sind mit dem heutigen Tag beendet”, sagt sie.

Ihr Buch, das Dardenne ihrer Ko-Autorin Marie-Thérèse Cuny diktierte und anschließend redigierte, soll künftig an ihrer Stelle sprechen. Sie erzählt darin von ihrer Entführung, von der Folter ihrer Gefangenschaft in Dutroux Kellerverlies.

Sie spricht von ihren Schuldgefühlen, weil sie den Besuch einer Freundin forderte und Dutroux daraufhin ihre spätere Mitgefangene Laetitia Delhez entführte.

Sie berichtet, wie die Suche nach Laetitia auch zu ihrer Befreiung führte, und beschreibt ihre Gefühle während des großen Dutroux-Prozesses fast acht Jahre danach.

Auch einige Briefe der damals Zwölfjährigen an ihre Familie, die Dutroux nie abschickte, sondern nur zur besseren Manipulation des Mädchens nutzte, sind in dem Buch wiedergegeben.

Die vielleicht stärksten Passagen aber beschreiben das Verhältnis des Mädchens zur Mutter nach der Heimkehr. „Ich hatte überlebt, und es war für die Eltern schwierig, mich da leibhaftig zu sehen”, berichtet die junge Frau.

Es sei schwierig, „die Überlebende eines Massakers zu sein”. Psychologischen Beistand habe sie abgelehnt: „Ich habe meine eigene Therapie gemacht.”