Region: Aachener Textiltechniker bringt Carbon zum Klingen

Region: Aachener Textiltechniker bringt Carbon zum Klingen

Wenn Thomas Gries nicht so musikalisch wäre, sähe die Arbeit am Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen ein wenig anders aus. Da stände im Büro kein Kontrabass aus Carbon. Weil der Professor für Textilmaschinenbau sich aber nicht nur mit diesem modernen Faserstoff beschäftigt, sondern privat auch die Bratsche streicht, sind auf dem Aachener Campus seit einiger Zeit für dieses Institut eher ungewohnte Töne zu hören.

Gries ist viel unterwegs und sein Instrument gar nicht so selten dabei. Also fragte er sich irgendwann, ob die Bratsche nicht reisefreundlicher sein könnte. „Ich wollte etwas Neues und etwas Praktisches machen.“ Also arbeitet sein Institut nun schon seit längerem mit dem Streichinstrumente-Spezialisten Mezzo-forte im westfälischen Werther zusammen. Die hatten bereits Geige, Bratsche und Cello aus Carbon, aber noch keinen Kontrabass.

Spiel und Leidenschaft

„Der Kontrabassist ist immer einsam, denn in den Ford Fiesta passen nur sein Instrument und er selbst“, sagt Gries im Gespräch mit unserer Zeitung. Das wollte er ändern, und deshalb gibt es nun den Kontrabass aus Carbon. Der ist nicht nur wie alle Carbon-Produkte besonders stabil und robust, sondern er lässt sich auch zerlegen und damit wesentlich einfacher transportieren als seine hölzernen Verwandten. „Dann passen auch ein Beifahrer und zwei Kontrabässe in den Wagen.“

Ist dieser Carbon-Kontrabass nun eine schöne Spielerei am Rande der Hochtechnologie oder ein Produkt wissenschaftlichen Ehrgeizes? „Leidenschaft fängt immer mit Spielen an“, meint Gries. Als das Projekt dann aber konkret wurde, sei es „hardcore-technisch“ geworden. „Allein die Form zu fräsen, ist irrsinnig aufwendig“, sagt Gries. „Der Körper ist ja nirgendwo glatt und gerade. Das war ungeheuer schwer.“ Und damit war es nicht getan. „Den wirklichen Klang können Sie erst bewerten, wenn das Instrument vollständig fertig ist. Und dann klingt es womöglich falsch; und Sie können wieder von vorne anfangen.“

Mittlerweile ist das Projekt so weit gediehen, dass es auch künstlerisch und öffentlich zum Klingen gebracht werden kann. Gries hat eine Reihe von Sponsoren gewonnen, kann somit Instrumente zur Verfügung stellen, und deshalb verfügt das Collegium Musicum der RWTH seit diesem Sommersemester über ein Carbon-Streichquartett, das in Kürze seinen ersten Auftritt haben wird. Wann und wo, verrät Gries noch nicht, weil es für eine bestimmte Person eine Überraschung sein soll.

Carbon sei „drei Mal so fest wie hochfester Vergütungsstahl bei einem Fünftel des Gewichtes, zehn Mal so fest wie Aluminium und halb so leicht“, erläutert Gries. Carbon wird heute für Flugzeugteile, Autos, Golf- und Tennisschläger, Prothesen und Rotorblätter verwendet. „Vor allem in den neuen Langstreckenflugzeugen wird Carbon verarbeitet.“ Die Herstellung ist allerdings aufwendiger, energie- und damit auch kostenintensiver. „Das rechnet sich über die längere Lebensdauer.“ Und bei Autos und Flugzeugen reduziert Carbon natürlich den Treibstoffverbrauch. Eine große Herausforderung sei noch das Recycling.

Herz- und Heckklappen

Carbon ist also ein besonderer Stoff, aber bei weitem nicht das einzige Textil, an dem das ITA arbeitet. Textilien — da denken die meisten Menschen immer noch vor allem an Hemden und Tischdecken. Damit hat Gries eher weniger zu tun, obwohl in seinem Institut auch intelligente T-Shirts entwickelt werden, die etliche Körperfunktionen messen. Die Wurzeln des ITA liegen zwar in den klassischen Stoffen, aber daraus haben sich bis heute ganz andere Schwerpunkte entwickelt.

Während sich die Produktion vor allem von Bekleidungstextilien großenteils ins Ausland verlagert hat, bleibt Deutschland doch der Standort, wo neue Technologien und Maschinen erforscht und entwickelt werden. Im ITA reicht das Spektrum von der Herz- bis zur Heckklappe: Borsten für Zahnbürsten, Airbags, Luftfilter, Flugzeugflügel, Surfbretter, Lichtbeton und doch auch nach wie vor Bekleidung.

Die ITA-Wissenschaftler kümmern sich vor allem als Maschinenbauer und Wirtschaftsingenieure um Textilmaschinen, um Faserverbundkunststoffe und Medizintextilien: von der Forschung über die Entwicklung bis zur Anwendung — und zwar zumeist in enger Zusammenarbeit mit Industrieunternehmen. Das gehört geradezu zum Selbstverständnis des ITA und ist für Gries auch nicht problematisch: „Die Kooperation ist sogar förderlich, weil wir so relevante Probleme besser kennen und wissen, was Gesellschaft und Industrie brauchen. Zudem ist die Industrie häufig eher bereit, früh in Forschungsprojekte einzusteigen und Grundlagenforschung zu sponsern, als die Deutsche Forschungsgemeinschaft.“

Manager und Wissenschaftler

Textiltechniker arbeiten selbstverständlich interdisziplinär mit Medizinern, Wasserwirtschaftlern, Bauingenieuren und Automobiltechnikern. „Das ist ein Muss. Ich fühle mich so wohl hier, weil wir ein tolles Umfeld haben“, sagt Gries. Er ist Dienstleister und Manager, Wissenschaftler sowieso und ein Mann der Hochschule, dem die Lehre am Herzen liegt. „Die verschiedenen Funktionen ergänzen sich.“ Und zu guter Letzt hat er sich nun sogar noch als Streicher in den Dienst der RWTH gestellt.

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