Marrakesch: Aachener Student bei Klimagipfel in Marrakesch

Marrakesch: Aachener Student bei Klimagipfel in Marrakesch

Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln und ist der Klimawandel noch zu stoppen? Mit diesen Fragen setzt sich das Jugendbündnis Zukunftsenergie auseinander. Zu diesem gehört auch der Aachener Student Julius Schlumberger (22).

Momentan es er jedoch nicht in den Hörsälen rund um den Uni-Campus zu finden, sondern in Marrakesch. Dort besuchen er und seine Mitstreiter den Klimagipfel. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, wie Trumps Wahl zum US-Präsidenten in Marrakesch aufgenommen wurde und warum NRW bei der Debatte um den Kohleausstieg nach wie vor hinterherhinkt.

Herr Schlumberger, Sie sind mit einer Delegation auf dem Klimagipfel in Marrakesch vertreten. Wie ist die Stimmung vor Ort?

Schlumberger: Die Stimmung ist positiv. Alle Vertreter sind sehr motiviert. Wir als Klimadelegation haben uns in der vergangenen Woche mit den Vertretern aus Deutschland getroffen und die waren der Verhandlung gegenüber optimistisch eingestellt. Es geht auf der Konferenz darum, das Momentum, das seit Paris existiert, aufrecht zu erhalten.

Sie sprechen die Klimadelegation an. Welche Aufgaben hat sie?

Schlumberger: Die Klimadelegation ist aus dem Jugendbündnis Zukunftsenergie entstanden, aber wir befassen uns umfassend mit Klimaschutz. Zentral ist für uns, die Interessen der Jugend in der aktuellen Klimapolitik zu berücksichtigen. Dazu zählen Themen wie Generationengerechtigkeit oder Klimagerechtigkeit. Wir versuchen herauszufinden, wie die Verursacher und Folgen des Klimawandels verteilt sind. Die Länder des globalen Südens leiden stärker unter dem Klimawandel als die Länder des globalen Nordens. Der globale Norden — also die Industrienationen — ist hauptsächlich der Verursacher. Dementsprechend haben vor allem Industrieländer eine besondere Verantwortung, den Klimaschutz voranzutreiben.

Was wollen Sie als Klimadelegation des Jugendbündnisses Zukunftsenergie in Marrakesch erreichen?

Schlumberger: Zentral ist das Thema der Generationengerechtigkeit. Wir wollen darüber sprechen, dass es wichtig ist, zukünftige Generationen mit ins Boot zu holen. Das geht vor allem dadurch, dass wir unser Hauptaugenmerk auf Erziehung und Bildung legen. Das heißt, dass man möglichst früh ein Bewusstsein für den Klimawandel schafft, damit die zukünftigen Generationen mit diesem Bewusstsein aufwachsen und sich schon früh damit auseinandersetzen. Eine Forderung ist, dass man junge Menschen auch am Verhandlungsprozess beteiligt. Wir reden zum Beispiel auch mit deutschen Politikern darüber, wie und warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden und ob sie unsere Position mit einbeziehen können. Wir sind vor allem kritisch. Wir fordern, dass nicht nur Politik beschlossen wird, die gut klingt, sondern, dass auch etwas dahinter ist. Ein weiterer Punkt, der uns wichtig ist, sind die Schnittstellen zwischen Klimaschutz und Menschenrechten.

Inwiefern?

Schlumberger: In Marrakesch wurde eine Task Force eingeführt, die sich mit Klimaflüchtlingen auseinandersetzt. Solche sozialen Komponenten wurden bisher meistens nicht berücksichtigt. Uns ist wichtig, dass Klimaschutz von allen Seiten betrachtet wird.

Wurden Sie nach Marrakesch eingeladen oder mussten Sie selbst aktiv werden?

Schlumberger: Wir arbeiten schon seit dem Jahr 2008 mit. Damals fand die Veranstaltung in Warschau statt. Durch die Nähe der Konferenz zu Deutschland wurde die Klimadelegation des Jugendbündnisses ins Leben gerufen. Man muss als Organisation selbst aktiv werden, um an der Konferenz teilnehmen zu dürfen. Wir sind nicht die einzige Organisation, die dort mit Ambitionen hinfährt. Bei der Veranstaltung sind mehr als 20.000 Menschen vertreten. Man muss einen Antrag stellen zur Akkreditierung und bekommt dann, wenn man Glück hat, eine bestimmte Anzahl von Plätzen. Wir haben für beide Wochen sechs Akkreditierungen bekommen.

Dürfen Sie an allen Veranstaltungen teilnehmen oder gibt es Diskussionen von denen Sie — vielleicht bewusst — ausgeschlossen werden?

Schlumberger: Es gibt unterschiedliche Aktionen. Wenn sich die Länder treffen und über bestimmte Gesetzestexte verhandeln, kann es schon sein, dass wir ausgeschlossen werden. An den offiziellen Diskussionen dürfen wir aber teilnehmen. Das ist manchmal aufgrund des begrenzten Platzes nur eingeschränkt möglich, aber grundsätzlich sind wir für vieles zugelassen. Generell sind die Menschen unglaublich offen und diskutierfreudig.

Sie sprechen von den Interessen der Jugendlichen, die Sie vertreten möchten. Wie erfahren Sie, welche Interessen junge Menschen in Bezug auf den Klimawandel haben und wie erfahren junge Leute von Ihren Ideen?

Schlumberger: Wir bloggen sehr viel. Wir sind auf Facebook und Twitter unterwegs. Auf dem Portal Bento haben wir zum wiederholten Mal etwas veröffentlicht und sind auch auf anderen Klimablogs unterwegs. Dort schreiben wir vor allem unsere Perspektive auf, wie wir die Entwicklungen der globalen Klimapolitik sehen und einschätzen und erklären auch Aspekte, damit es auch andere Leute verstehen, die nicht so im Thema drin sind. Während der Konferenzen gibt es einen enormen Output an Blogartikeln zu den Konferenzen. Wir setzen uns nicht nur mit dem Klimawandel auseinander, sondern auch mit Autos, die mit Brennstoffzellen betrieben werden, wie umsetzbar das ist oder wir sinnvoll das ist.

Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach der Ausgang der US-Wahl?

Schlumberger: Nachdem Trump gewählt wurde, war es ein unglaubliches Thema hier. Es wurden viele Fragen an die amerikanische Delegation gestellt, die hat sich aber offiziell nicht dazu geäußert. Am Anfang war es — vor allem für junge, amerikanische NGO-Vertreter sehr emotional, weil viele damit nicht gerechnet haben. Trotzdem haben einige Staaten, darunter auch China, gesagt, dass man weiter ambitioniert sein möchte — obwohl Trump eher als Klimawandelskeptiker bekannt ist. Für den Verhandlungsprozess ist es keine Katastrophe, es wird weitergearbeitet.

Welche Rolle spielt Deutschland beim Klimaschutz?

Schlumberger: Deutschland ist im Vergleich zu anderen Staaten ein Vorreiter, was den Klimaschutz angeht und deswegen wird dieses Thema mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Wenn man sich den aktuellen Entwurf des Klimaschutzplans anschaut, fehlen viele Dinge, die zentral sind. Zum Beispiel ein klarer Plan für den Ausstieg aus der Kohleenergie. Da hat man sich noch nicht genau überlegt, wie man das umsetzen möchte. Das sind Sachen, die in einem Klimaschutzplan eigentlich behandelt werden müssten.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ist ohne einen konkreten Plan in der Hand nach Marrakesch gereist. Wie bewerten Sie das?

Schlumberger: Barbara Hendricks hat einen sehr ambitionierten Klimaschutzplan vorgelegt, der wurde aber vom Wirtschaftsminister gestoppt. Seitdem sind viele Sachen, die man eigentlich gut finden würde, wieder raus.

Es scheitert also oft an der Umsetzung?

Schlumberger: Es ist nicht die Umsetzung. Es ist eher der Wille, an dem es scheitert. Die Wirtschaft schränkt den Umweltschutz ein. Das ist meiner Meinung nach ein klares Signal, welche Prioritäten wir momentan haben. Natürlich müssen wir langfristig wirtschaftlich nachhaltig sein, aber Umweltschutz und Wirtschaft müssen partnerschaftlich Langzeitpläne wie den Klimaschutzplan erarbeiten.

In der Region Aachen ist auch immer wieder das belgische Atomkraftwerk Tihange ein großes Thema. Wird darüber in Marrakesch gesprochen?

Schlumberger: Atomkraftwerke werden, soweit ich weiß, bei den Diskussionen außen vorgelassen. Viele Länder, darunter China, bauen vermehrt Atomkraftwerke, um aus der Kohle auszusteigen. Dort ist Atomkraft eine erneuerbare Energie, die den Klimaschutz vorantreibt. Wir vom Jugendbündnis sind strikt dagegen, weil die Probleme so nur umgelagert werden. Wir fordern erneuerbare Energien aus Sonne, Wind und Wasser.

Wir wollen, dass diese Formen der Energiegewinnung auch weiter vorangetrieben werden. Zum Thema Tihange: Das Schwierige ist, dass Deutschland wenig machen kann, weil es in Belgien andere Gesetze gibt. Ich glaube, dass Atomkraft für viele Länder ein aus ihrer Sicht sinnvoller Weg ist, um aus der Kohle auszusteigen oder deren Nutzung zu vermeiden. Für viele ist das ein pragmatischer Schritt.

Viele haben Angst, dass mit den erneuerbaren Energien alles teurer wird. Welche Argumente haben Sie dem entgegenzusetzen?

Schlumberger: Irgendwo muss man eine Grenze ziehen, welche Argumente wichtig sind und welche untergeordnet werden müssen. Wenn man einen effektiven und konsequenten Klimaschutz umsetzen möchte, muss man sich darüber bewusst sein, dass damit Veränderungen einhergehen. Es müssen Veränderungen kommen und die können nur kommen, wenn die Bevölkerung sich damit auseinandersetzt und sie annimmt.

Was muss sich in Aachen konkret ändern, um dem Klimawandel entgegenzuwirken?

Schlumberger: Es ist wichtig, dass der öffentliche Personennahverkehr verbessert wird. Es gibt so viele Autos und zu viel Stau in der Stadt. Aus eigener Erfahrung würde ich in Aachen am Busnetz und der genutzten Flotte arbeiten. Dadurch kann man die Emissionen, die aus dem privaten Autoverkehr kommen, reduzieren. In Nordrhein-Westfalen ist auch die Kohlekraft ein wichtiger Punkt. Es wird immer gesagt, man müsse die Braunkohle-Tagebaue erhalten, weil sie Arbeitsplätze schaffen. Es sind dort aber oft nur wenige Menschen beschäftigt, weil mittlerweile viel automatisiert ist. Das Argument, dass man damit Arbeitsplätze rettet, ist oft vorgeschoben.

Ist Nordrhein-Westfalen ein schlechtes Beispiel für den Klimawandel?

Schlumberger: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Fest steht aber, dass wir mit dem Kohleabbau hinterherhängen. Außerdem könnte auch der Bildungsplan umgestellt werden. Der Klimawandel sollte in allen Fächern thematisiert werden — in Deutsch genauso wie in Mathe.

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